Der Wunsch, zu Hause sterben zu dürfen
Für viele Menschen ist die Vorstellung wichtig, die letzten Wochen oder Monate ihres Lebens in einer vertrauten Umgebung verbringen zu können.
Das eigene Bett, persönliche Gegenstände, vertraute Geräusche und die Nähe von Angehörigen können in dieser Lebensphase eine besondere Bedeutung haben.
Doch der Wunsch, zu Hause zu bleiben, lässt sich nicht immer ohne Unterstützung verwirklichen.
Schwere Erkrankungen können mit Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst oder anderen belastenden Symptomen verbunden sein. Hinzu kommt, dass Angehörige durch die Versorgung eines sterbenden Menschen körperlich und emotional stark gefordert werden können.
Eine Möglichkeit, diese Situation zu erleichtern, ist die ambulante Palliativversorgung.
Sie soll schwerkranken Menschen eine angemessene medizinische und pflegerische Betreuung ermöglichen, ohne dass dafür zwingend ein dauerhafter Aufenthalt in einer Klinik oder einem stationären Hospiz erforderlich ist.
Was bedeutet ambulante Palliativversorgung?
Palliativmedizin richtet sich an Menschen mit schweren, nicht heilbaren Erkrankungen, bei denen die Linderung von Beschwerden und die Verbesserung der Lebensqualität im Vordergrund stehen.
Dabei geht es nicht ausschließlich um die letzten Stunden oder Tage des Lebens.
Palliative Versorgung kann bereits früher im Krankheitsverlauf sinnvoll sein, wenn eine Erkrankung erhebliche Beschwerden verursacht oder besondere Unterstützung notwendig wird.
Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Behandlung dem betroffenen Menschen in seiner konkreten Situation tatsächlich hilft.
Dazu können die Linderung körperlicher Symptome, psychologische Unterstützung, pflegerische Maßnahmen und die Begleitung von Angehörigen gehören.
Ambulante Angebote ermöglichen diese Versorgung außerhalb eines Krankenhauses.
Die Betreuung kann in der eigenen Wohnung, in einer Pflegeeinrichtung oder in einer geeigneten Wohngemeinschaft stattfinden.
Spezialisierte Versorgung als Unterstützung für Angehörige
Eine besondere Rolle spielt die spezialisierte ambulante Palliativversorgung, kurz SAPV.
Sie richtet sich an schwerstkranke Menschen, deren Beschwerden eine besonders aufwendige und spezialisierte Versorgung erforderlich machen.
Der Leiter der spezialisierten Einrichtung am Klinikum Magdeburg, Christian Ptok, beschreibt die ambulante Palliativversorgung als Möglichkeit, eine Versorgungslücke zwischen Klinik und Hospiz zu schließen.
Dabei geht es nicht ausschließlich darum, Menschen in ihrer eigenen Wohnung zu begleiten.
Auch in Pflegeeinrichtungen und Intensivpflege-Wohngemeinschaften kann eine spezialisierte palliative Betreuung erfolgen.
Gerade dort kann das Ziel sein, schwerkranke Menschen so lange wie möglich in einen vertrauten gemeinschaftlichen Alltag einzubinden.
Für Angehörige kann die Unterstützung durch spezialisierte Fachkräfte eine erhebliche Entlastung darstellen.
Denn die Verantwortung für die Versorgung eines sterbenden Menschen muss nicht allein von Familienmitgliedern getragen werden.
Nicht jeder schwerkranke Mensch muss ins Hospiz
Stationäre Hospize leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen.
Sie bieten eine Umgebung, in der medizinische, pflegerische und menschliche Begleitung auf die besonderen Bedürfnisse am Lebensende ausgerichtet sind.
Dennoch ist ein stationäres Hospiz nicht für jeden Menschen die bevorzugte Lösung.
Manche Betroffene möchten möglichst lange in ihrem bisherigen Zuhause bleiben.
Andere fühlen sich in einer Pflegeeinrichtung oder einer betreuten Wohngemeinschaft gut aufgehoben.
Ambulante Palliativversorgung kann hier eine Alternative sein, wenn die erforderliche Betreuung und Symptomkontrolle außerhalb einer stationären Einrichtung sichergestellt werden können.
Dabei geht es nicht um ein Gegeneinander von Hospiz und ambulanter Versorgung.
Vielmehr sollen unterschiedliche Angebote ermöglichen, eine Betreuung zu finden, die zur Erkrankung, zur persönlichen Lebenssituation und zu den Wünschen des betroffenen Menschen passt.
Warum weniger Medikamente manchmal mehr Lebensqualität bedeuten
Ein besonders bemerkenswerter Aspekt der Palliativmedizin betrifft den Umgang mit Medikamenten.
Menschen mit schweren Erkrankungen nehmen häufig zahlreiche Arzneimittel ein.
Ein Teil davon dient der Behandlung akuter Beschwerden. Andere Medikamente sollen langfristige Risiken senken oder Erkrankungen über einen längeren Zeitraum kontrollieren.
In der letzten Lebensphase kann sich die medizinische Zielsetzung jedoch verändern.
Dann stellt sich die Frage, ob jedes bisher verordnete Medikament weiterhin einen ausreichenden Nutzen bietet.
Die Palliativmedizinerin Ireen Eckstein erläutert, dass die Behandlung deshalb sorgfältig daraufhin überprüft werde, welche Medikamente tatsächlich noch notwendig seien.
Mitunter würden Arzneimittel gezielt abgesetzt, wenn sie für die aktuelle Symptomlinderung keinen wesentlichen Nutzen mehr hätten.
Das Ziel sei eine möglichst gute Kontrolle belastender Beschwerden.
In einzelnen Fällen könne sich der Zustand eines Patienten nach einer solchen Anpassung sogar vorübergehend stabilisieren.
Medikamente absetzen bedeutet nicht, Menschen aufzugeben
Der Verzicht auf bestimmte Arzneimittel darf nicht mit dem Verzicht auf medizinische Versorgung verwechselt werden.
Palliativmedizin bedeutet gerade nicht, einen schwerkranken Menschen ohne Behandlung zu lassen.
Vielmehr verändert sich der Schwerpunkt der Behandlung.
Während zuvor möglicherweise die langfristige Kontrolle einer Erkrankung im Vordergrund stand, können später Schmerzfreiheit, möglichst geringe Atemnot, Ruhe oder die Fähigkeit zur Teilnahme am Alltag wichtiger werden.
Ein Medikament, das über viele Jahre sinnvoll war, kann in einer veränderten Krankheitssituation einen geringeren Nutzen haben oder zusätzliche Belastungen verursachen.
Gleichzeitig können andere Medikamente weiterhin unverzichtbar sein.
Dazu gehören beispielsweise Arzneimittel zur Linderung von Schmerzen oder anderen schweren Symptomen.
Die Entscheidung, welche Medikamente weitergegeben, verändert oder abgesetzt werden, muss deshalb immer individuell und medizinisch begleitet erfolgen.
Angehörige sollten verordnete Arzneimittel nicht eigenständig absetzen.
Lebensqualität statt möglichst vieler Behandlungen
Ein zentrales Ziel der Palliativversorgung ist die Lebensqualität.
Was das im Einzelfall bedeutet, kann sehr unterschiedlich sein.
Für einen Menschen kann es besonders wichtig sein, möglichst wenig Schmerzen zu haben.
Ein anderer möchte trotz seiner Erkrankung noch am gemeinsamen Essen teilnehmen, mit Angehörigen sprechen oder Zeit außerhalb des Bettes verbringen.
Wieder andere wünschen sich vor allem Ruhe und eine möglichst geringe Belastung durch medizinische Maßnahmen.
Eine gute palliative Betreuung berücksichtigt solche individuellen Wünsche.
Dabei können neben der körperlichen Versorgung auch psychische, soziale und persönliche Bedürfnisse eine wichtige Rolle spielen.
Die Behandlung soll sich möglichst daran orientieren, was der betroffene Mensch selbst als hilfreich und entlastend empfindet.
Auch Pflegeheime und Wohngemeinschaften kommen infrage
Ambulante Palliativversorgung ist nicht auf die eigene Wohnung beschränkt.
Wie das Beispiel aus Magdeburg zeigt, können auch Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Intensivpflege-Wohngemeinschaften entsprechend begleitet werden.
Das ist besonders wichtig für Menschen, die bereits vor ihrer letzten Lebensphase nicht mehr selbstständig zu Hause leben konnten.
Ein erneuter Umzug in eine andere Einrichtung kann für schwerkranke Menschen eine zusätzliche Belastung bedeuten.
Wenn die notwendige Versorgung am bisherigen Aufenthaltsort organisiert werden kann, lässt sich ein solcher Wechsel unter Umständen vermeiden.
Entscheidend ist jedoch, dass die medizinischen und pflegerischen Voraussetzungen gegeben sind.
Nicht jede Versorgungssituation lässt sich ambulant ausreichend absichern.
Bei besonders komplexen Beschwerden oder unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten kann eine stationäre Behandlung weiterhin notwendig sein.
Angehörige brauchen selbst Unterstützung
Der Wunsch, einen nahestehenden Menschen zu Hause zu begleiten, ist häufig mit großen emotionalen Erwartungen verbunden.
Gleichzeitig kann die tatsächliche Pflege sehr belastend sein.
Angehörige müssen möglicherweise nachts erreichbar sein, bei körperlichen Einschränkungen helfen und mit schwierigen Symptomen umgehen.
Hinzu kommen Sorgen, Unsicherheit und die emotionale Belastung durch den bevorstehenden Abschied.
Ambulante Palliativversorgung kann helfen, medizinische Aufgaben besser abzusichern und Angehörige bei schwierigen Entscheidungen zu unterstützen.
Sie ersetzt jedoch nicht in jedem Fall eine durchgehende Betreuung im Alltag.
Deshalb sollte frühzeitig geklärt werden, welche Leistungen ein Palliativteam übernimmt und welche zusätzlichen pflegerischen oder betreuenden Hilfen benötigt werden.
Auch die Wünsche und Belastungsgrenzen der Angehörigen müssen dabei berücksichtigt werden.
Wie erhalten Betroffene ambulante Palliativversorgung?
Wer eine schwere, nicht heilbare Erkrankung hat und zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden möchte, sollte frühzeitig mit den behandelnden Ärzten über palliative Unterstützung sprechen.
Je nach medizinischem Bedarf kommen unterschiedliche Formen der ambulanten Palliativversorgung infrage.
Bei besonders komplexem Versorgungsbedarf kann eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung ärztlich verordnet werden.
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen entsprechende Leistungen bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen.
Daneben können ambulante Pflegedienste, Hausärzte und ambulante Hospizdienste wichtige Aufgaben übernehmen.
Dabei ist zwischen medizinisch-pflegerischer Palliativversorgung und der psychosozialen Begleitung durch Hospizdienste zu unterscheiden.
Beide Angebote können sich ergänzen.
Die konkrete Organisation hängt unter anderem vom Gesundheitszustand, vom Wohnort und von den regional verfügbaren Versorgungsstrukturen ab.
Nicht jeder Wunsch lässt sich vollständig erfüllen
So wichtig der Wunsch nach einem Lebensende zu Hause ist, so unterschiedlich sind die tatsächlichen Möglichkeiten.
Manche Menschen benötigen eine so intensive medizinische oder pflegerische Betreuung, dass eine Versorgung in der eigenen Wohnung nicht dauerhaft möglich ist.
Auch fehlende Unterstützung im persönlichen Umfeld kann eine Rolle spielen.
Deshalb sollte niemand den Eindruck bekommen, dass das Sterben zu Hause grundsätzlich die bessere oder würdigere Lösung sei.
Ein würdevolles Lebensende kann in der eigenen Wohnung ebenso möglich sein wie in einem Pflegeheim, einem Hospiz oder einer geeigneten Klinik.
Entscheidend sind eine angemessene Versorgung, die Linderung belastender Beschwerden und der respektvolle Umgang mit den Wünschen des betroffenen Menschen.