Professionelle Produktbilder, vollständige Beschreibungen und scheinbar seriöse Kontaktdaten: Fake-Shops sind für Verbraucher längst nicht mehr immer auf den ersten Blick zu erkennen. Sicherheitsforscher haben nun ein Netzwerk untersucht, das eine neue Dimension erreicht. Rund 119.000 Internetadressen sollen dem von den Forschern „DoppelCart“ genannten Verbund zugeordnet werden können.
Nach Angaben der Münchner Sicherheitsfirma Nebty handelt es sich, gemessen an der Zahl der erfassten Domains, um das bislang größte bekannte Fake-Shop-Netzwerk. Besonders auffällig ist die verwendete Domain-Endung: 118.787 der identifizierten Adressen enden auf „.shop“. Nach Berechnungen der Sicherheitsforscher entspricht dies etwa jeder 37. von ihnen untersuchten Domain mit dieser Endung.
Allerdings ist eine wichtige Einschränkung notwendig: Nicht sämtliche identifizierten Seiten waren gleichzeitig erreichbar. Zudem ist nach Angaben der Forscher nicht nachgewiesen, dass hinter allen Seiten dieselbe Person oder Organisation steht. Von einem einzigen Betreiber eines Netzwerks mit 119.000 aktiven Fake-Shops kann daher auf Grundlage der Untersuchung nicht gesprochen werden.
Die gefährliche Masche: Kopieren statt improvisieren
Besonders problematisch ist die Professionalität der untersuchten Seiten. Die Betreiber sollen Produktnamen, Beschreibungen und Originalbilder realer Händler übernommen haben. Teilweise wurden Bilder sogar unmittelbar von den Bildservern seriöser Anbieter geladen. In mindestens einem dokumentierten Fall seien Produktinformationen wortgleich kopiert worden.
Damit verschwindet eines der klassischen Warnsignale unseriöser Shops: eine offensichtlich schlecht gestaltete Internetseite.
Ein Verbraucher kann auf einer solchen Seite Produkte und Bilder sehen, die ihm möglicherweise bereits von einem etablierten Händler bekannt vorkommen. Genau diese Vertrautheit kann eine Seriosität suggerieren, die tatsächlich nicht vorhanden sein muss.
Noch problematischer: Nach Angaben der Sicherheitsforscher übernehmen einige der untersuchten Seiten sogar Support- oder Kontaktadressen legitimer Unternehmen. Bleibt die bestellte Ware aus, können Verbraucher deshalb irrtümlich das echte Unternehmen kontaktieren, obwohl dieses mit der Bestellung überhaupt nichts zu tun hat.
Nicht nur Käufer können geschädigt werden
Damit besitzt die Masche zwei mögliche Opfergruppen.
Auf der einen Seite stehen Verbraucher, die möglicherweise Geld an einen vermeintlichen Händler überweisen und anschließend keine Ware erhalten. Auf der anderen Seite stehen reale Unternehmen, deren Namen, Produktinformationen, Bilder oder Kontaktdaten für fremde Shops verwendet werden.
Für diese Händler kann daraus ein erhebliches Reputationsproblem entstehen. Kunden beschweren sich bei ihnen über Bestellungen, mit denen sie tatsächlich nichts zu tun haben. Die Unternehmen müssen dann erklären, dass der betreffende Internetshop nicht von ihnen betrieben wird.
Der Fall erinnert damit an eine Problematik, die auch bei unseriösen Finanzplattformen zunehmend relevant ist: Die Existenz eines echten Unternehmens oder einer bekannten Marke bedeutet nicht automatisch, dass eine ähnlich aussehende Website tatsächlich von diesem Unternehmen betrieben wird.
Wie das Netzwerk entdeckt wurde
Nach Angaben der Sicherheitsforscher begann die Untersuchung mit Auffälligkeiten bei mehreren von ihnen betreuten Unternehmen. Dabei sollen wiederkehrende technische Merkmale und ähnliche Shop-Strukturen aufgefallen sein.
Über öffentlich zugängliche Webseiten-Scans konnten anschließend zahlreiche weitere Domains miteinander in Verbindung gebracht werden.
Die Dimension der Untersuchung zeigt zugleich, wie stark sich Fake-Shop-Betrug industrialisieren lässt. Sind technische Strukturen und Vorlagen einmal vorhanden, können zahlreiche Internetauftritte mit ähnlichem Aufbau betrieben beziehungsweise neu aufgesetzt werden.
Warum Schnäppchenjäger besonders genau hinschauen sollten
Fake-Shops profitieren davon, dass Verbraucher im Internet gezielt nach besonders günstigen Angeboten suchen. Ein bislang unbekannter Händler erscheint möglicherweise attraktiv, wenn ein gesuchtes Produkt dort erheblich billiger angeboten wird als bei etablierten Wettbewerbern.
Genau deshalb sollte ein außergewöhnlich niedriger Preis nicht nur als Schnäppchen, sondern auch als Anlass für eine zusätzliche Prüfung verstanden werden.
Ein günstiger Preis beweist selbstverständlich keinen Betrug. Treffen jedoch mehrere Auffälligkeiten zusammen – unbekannter Händler, außergewöhnlicher Preis, kaum nachvollziehbare Unternehmensinformationen oder ungewöhnliche Zahlungsbedingungen –, sollte vor dem Kauf genauer geprüft werden.
Was Betroffene jetzt tun können
Wer bereits bei einem mutmaßlichen Fake-Shop bestellt und bezahlt hat, sollte möglichst schnell handeln. Nach den im Bericht wiedergegebenen Empfehlungen kann es sinnvoll sein, Bank oder Kreditkartenanbieter zu kontaktieren und prüfen zu lassen, ob eine Zahlung noch gestoppt oder zurückgeholt werden kann.
Ebenso wichtig ist die Beweissicherung. Dazu gehören beispielsweise Bestellbestätigungen, Rechnungen, E-Mails, Zahlungsbelege und Screenshots des Shops. Auch die genaue Internetadresse sollte dokumentiert werden.
Darüber hinaus kann eine Anzeige bei der Polizei in Betracht kommen. Eine schnelle und möglichst vollständige Dokumentation kann für weitere Schritte hilfreich sein.
119.000 Domains sind nicht gleich 119.000 aktive Fake-Shops
Bei der beeindruckenden Zahl sollte dennoch differenziert werden. Die rund 119.000 Domains sind nach Angaben der Forscher dem untersuchten Netzwerk zugeordnet worden. Nicht alle Seiten waren gleichzeitig erreichbar, und eine gemeinsame verantwortliche Person oder Organisation hinter sämtlichen Domains ist nicht nachgewiesen.
Die Größenordnung bleibt trotzdem bemerkenswert. Sie zeigt vor allem, warum Verbraucher bei der Prüfung eines Online-Shops nicht mehr allein auf dessen optischen Eindruck vertrauen können.