In der zentralen Türkei entwickelt sich ein dramatisches Umweltproblem: Mehr als 730 Erdfälle beziehungsweise sogenannte Sinkholes sind inzwischen registriert worden – und ihre Zahl nimmt weiter zu. Besonders betroffen ist die Provinz Konya, eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Gebiete des Landes.
Die Löcher können plötzlich entstehen, wenn unterirdische Hohlräume instabil werden und der darüberliegende Boden einbricht. Zurück bleiben teilweise gewaltige Krater. Für Landwirte bedeutet dies nicht nur eine unmittelbare Gefahr auf ihren Feldern. Die Entwicklung macht zugleich sichtbar, wie angespannt die Wasserversorgung in der Region inzwischen ist.
Landwirtschaftszentrum leidet unter Wassermangel
Konya gilt als landwirtschaftliches Herzstück der Türkei. In der Region werden große Mengen verschiedener Agrarprodukte erzeugt. Eine besondere Rolle spielen Pflanzen mit hohem Wasserbedarf.
Dazu gehören Zuckerrüben, aus denen ein Teil des türkischen Zuckers hergestellt wird. Für ihren Anbau werden erhebliche Wassermengen benötigt.
Weil natürliche Niederschläge nicht ausreichen, sind viele landwirtschaftliche Betriebe auf künstliche Bewässerung angewiesen. Dafür wird Grundwasser über Brunnen an die Oberfläche gepumpt.
Nach den vorliegenden Angaben werden sowohl genehmigte als auch nicht genehmigte Brunnen genutzt.
Grundwasserreserven können sich nicht ausreichend erholen
Das Problem hat sich durch jahrelange Trockenheit verschärft. Wird dauerhaft mehr Wasser aus dem Untergrund entnommen, als durch Niederschläge und andere natürliche Prozesse nachfließen kann, sinkt der Grundwasserspiegel.
Genau diese Entwicklung wird für die Region Konya beschrieben.
Die unterirdischen Wasservorräte können sich aufgrund der anhaltenden Trockenheit nicht ausreichend regenerieren. Gleichzeitig benötigt die intensive Landwirtschaft weiterhin große Mengen Wasser.
Damit gerät ein System unter Druck, von dem zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich abhängig sind.
Mehr als 730 Erdlöcher
Die zunehmende Zahl der Sinkholes gilt als sichtbares Warnsignal dieser Entwicklung. Mittlerweile sollen in der zentralen Türkei mehr als 730 solcher Erdfälle existieren.
Sie entstehen, wenn der Untergrund seine Stabilität verliert und schließlich zusammenbricht. Das kann ohne lange Vorwarnung geschehen.
Bislang haben die beschriebenen Erdfälle glücklicherweise keine Todesopfer gefordert. Dennoch stellen sie für Menschen, landwirtschaftliche Maschinen, Gebäude und Infrastruktur ein erhebliches Risiko dar.
Besonders problematisch ist die Unberechenbarkeit: Auf einer scheinbar stabilen Fläche kann sich plötzlich ein tiefer Krater öffnen.
Gefahr reicht über einzelne Bauernhöfe hinaus
Die Folgen könnten weit über die unmittelbar betroffenen Felder hinausgehen.
Konya ist für die Lebensmittelproduktion der Türkei von großer Bedeutung. Wenn Wasserknappheit und Bodeneinbrüche die landwirtschaftliche Nutzung zunehmend erschweren, könnten deshalb auch Produktionsmengen und Lebensmittelversorgungsketten betroffen sein.
Damit wird aus einem regionalen Grundwasserproblem möglicherweise eine wirtschaftliche Herausforderung für einen wesentlich größeren Teil des Landes.
Experten warnen seit Jahren
Überraschend kommt die Entwicklung offenbar nicht. Fachleute warnen laut dem Bericht bereits seit Jahren vor den Folgen einer zu starken Grundwasserentnahme.
Die Sinkholes machen nun sichtbar, was sich lange unter der Erdoberfläche abgespielt hat.
Dabei entsteht ein schwieriger Kreislauf: Trockenheit erhöht den Bedarf an künstlicher Bewässerung. Dadurch wird zusätzliches Grundwasser abgepumpt. Gleichzeitig kann sich der Grundwasservorrat aufgrund geringer Niederschläge nicht ausreichend erneuern.
Setzt sich diese Entwicklung fort, geraten die bisherigen landwirtschaftlichen Produktionsmethoden zunehmend an ihre Grenzen.
Zuckerrüben werden zum Symbol des Konflikts
Besonders deutlich zeigt sich das Problem beim Anbau von Zuckerrüben.
Die Kulturpflanze benötigt vergleichsweise viel Wasser, besitzt für die türkische Zuckerproduktion aber wirtschaftliche Bedeutung. Ein schneller Verzicht auf solche Pflanzen wäre für viele landwirtschaftliche Betriebe daher ebenfalls mit Konsequenzen verbunden.
Damit steht die Region vor einem grundsätzlichen Konflikt: Wie lässt sich die landwirtschaftliche Produktion aufrechterhalten, wenn die dafür benötigten Wasserreserven immer knapper werden?
Eine langfristige Lösung dürfte deshalb nicht allein darin bestehen können, zusätzliche Brunnen zu bohren. Gerade die intensive Nutzung des Grundwassers wird als ein Faktor für die zunehmenden Probleme beschrieben.
Die Krater sind ein sichtbares Warnsignal
Die mehr als 730 Erdfälle sind damit nicht nur ein spektakuläres geologisches Phänomen. Sie stehen sinnbildlich für eine wesentlich größere Herausforderung.
Wasserknappheit, langjährige Trockenheit und eine Landwirtschaft mit hohem Bewässerungsbedarf treffen in einer der wichtigsten Agrarregionen der Türkei unmittelbar aufeinander.
Solange mehr Grundwasser entnommen wird, als sich auf natürliche Weise erneuern kann, bleibt das System unter erheblichem Druck.
Die plötzlich auftauchenden Krater zeigen dabei besonders eindrucksvoll, dass die Folgen nicht erst in ferner Zukunft sichtbar werden. In Konya bricht der Boden bereits heute buchstäblich unter den Füßen der Landwirtschaft weg.