Mehr als eineinhalb Jahre nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump fällt die wirtschaftliche Zwischenbilanz widersprüchlich aus. Die Vereinigten Staaten wachsen weiter, der Arbeitsmarkt zeigt sich vergleichsweise stabil und die Aktienmärkte haben sich vom Zollschock des vergangenen Jahres erholt.
Gleichzeitig hat das Wachstum an Tempo verloren, die Inflation bleibt erhöht und die Stimmung vieler Verbraucher ist schwach. Damit zeigt sich eine US-Wirtschaft, die keineswegs in einer Krise steckt – aber auch deutlich weniger dynamisch läuft, als es manche politische Erfolgsmeldung vermuten lässt.
Wirtschaft wächst weiter – aber langsamer
Eine der wichtigsten Kennzahlen ist das reale Bruttoinlandsprodukt.
Im zweiten Quartal 2026 wuchs die US-Wirtschaft nach der aktuellen Schätzung mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 1,5 Prozent. Im ersten Quartal waren es noch 2,1 Prozent.
Damit bleibt die Wirtschaft auf Wachstumskurs, verliert aber an Geschwindigkeit.
Nach Angaben des US-Handelsministeriums trugen insbesondere Konsum, Exporte und Investitionen zum Wachstum bei. Gleichzeitig belasteten geringere Staatsausgaben und höhere Importe die Entwicklung.
Gerade bei amerikanischen Wachstumszahlen ist jedoch Vorsicht beim Vergleich mit deutschen Angaben geboten. Die USA veröffentlichen häufig annualisierte Quartalsraten. Dabei wird vereinfacht angenommen, dass sich das Wachstum eines Quartals ein ganzes Jahr lang in derselben Geschwindigkeit fortsetzt.
Die 1,5 Prozent sind deshalb nicht unmittelbar mit einer klassischen europäischen Jahreswachstumsrate gleichzusetzen.
Konsum bleibt Stütze – aber Verbraucher werden vorsichtiger
Ein entscheidender Stabilitätsfaktor der amerikanischen Wirtschaft ist weiterhin der private Konsum.
Im Juli stiegen die nominalen Konsumausgaben um 0,2 Prozent. Inflationsbereinigt blieb der Konsum allerdings nahezu unverändert. Gleichzeitig erhöhte sich das verfügbare Einkommen real um 0,4 Prozent.
Das zeigt einen wichtigen Unterschied: Die Amerikaner geben zwar weiterhin viel Geld aus, aber Preissteigerungen fressen einen Teil dieses Wachstums wieder auf.
Hinzu kommt eine schwache Verbraucherstimmung. Viele Haushalte sorgen sich um hohe Preise, Energieausgaben und die wirtschaftliche Entwicklung.
Für die US-Wirtschaft ist das bedeutsam, weil der private Konsum einen sehr großen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. Werden Verbraucher dauerhaft vorsichtiger, könnte auch das Wachstum weiter an Schwung verlieren.
Inflation bleibt ein hartnäckiges Problem
Besonders problematisch bleibt die Preisentwicklung.
Der von der US-Notenbank besonders beachtete PCE-Preisindex lag im Juli 2026 3,7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel betrug die Kerninflation 3,3 Prozent.
Damit liegt die Inflation weiterhin klar über dem langfristigen Ziel der Federal Reserve von zwei Prozent.
Zusätzlichen Druck erzeugen derzeit steigende Energiekosten und geopolitische Risiken. Die US-Notenbank berichtete Anfang September, dass die wirtschaftliche Aktivität zwar leicht zugenommen habe, Unternehmen aber weiterhin unter höheren Kosten für Energie, Transport und andere Leistungen litten.
Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen der amerikanischen Zollpolitik.
Zölle können heimische Produzenten schützen, gleichzeitig verteuern sie jedoch importierte Waren und Vorprodukte. Ob und in welchem Umfang Unternehmen diese Mehrkosten an Verbraucher weitergeben, entscheidet mit darüber, wie stark die Preisbelastung tatsächlich ausfällt.
Trumps Zölle hinterlassen Spuren
Ein Wendepunkt war der 2. April 2025, als Trump umfangreiche neue Importzölle ankündigte.
Die Finanzmärkte reagierten zunächst heftig. Aktienkurse brachen ein, Unternehmen mussten ihre Lieferketten und Kosten neu kalkulieren und Handelspartner reagierten mit Gegenmaßnahmen oder Verhandlungen.
Seitdem hat sich ein Teil der Unsicherheit gelegt, doch die Zollpolitik bleibt ein wesentlicher wirtschaftspolitischer Faktor.
Für die Trump-Regierung sind Zölle ein Instrument, um Produktion in die USA zurückzuholen und heimische Unternehmen zu schützen.
Kritiker sehen dagegen die Gefahr, dass Importe teurer werden, Unternehmen höhere Produktionskosten tragen müssen und amerikanische Verbraucher am Ende einen Teil dieser Kosten bezahlen.
Die tatsächliche Wirkung ist daher gemischt: Einzelne Branchen können profitieren, während andere Unternehmen unter teureren Vorprodukten oder Gegenmaßnahmen ausländischer Handelspartner leiden.
Arbeitsmarkt überrascht positiv
Einer der stärksten Bereiche bleibt derzeit der Arbeitsmarkt.
Im August entstanden 162.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft – deutlich mehr als erwartet. Die Arbeitslosenquote blieb bei 4,1 Prozent.
Damit zeigt sich der amerikanische Arbeitsmarkt nach mehreren schwächeren Monaten wieder robuster.
Auch die Stundenlöhne steigen weiter. Im August lagen die durchschnittlichen Stundenverdienste bei 37,75 Dollar; gegenüber dem Vorjahr betrug das Lohnplus rund 3,1 Prozent.
Allerdings gibt es auch hier Schattenseiten.
Die Dauer der Arbeitslosigkeit ist gestiegen, und bestimmte Branchen verlieren durch Automatisierung und den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz Stellen. Zudem verändert eine restriktivere Einwanderungspolitik das Arbeitskräfteangebot.
Der Arbeitsmarkt ist damit stabiler, als viele noch vor einigen Monaten erwartet hatten – aber nicht überall gleichermaßen stark.
Gute Arbeitsmarktdaten werden plötzlich zum Börsenproblem
Für Anleger entsteht daraus eine paradoxe Situation.
Normalerweise sind starke Beschäftigungszahlen gute Nachrichten für die Börse. Aktuell können sie jedoch das Gegenteil bewirken.
Denn ein robuster Arbeitsmarkt gibt der US-Notenbank mehr Spielraum, die Zinsen hoch zu halten oder sogar erneut anzuheben, um die Inflation zu bekämpfen.
Nach den starken August-Arbeitsmarktdaten stieg die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bei der September-Sitzung der Federal Reserve deutlich. UBS rechnet inzwischen sogar mit zwei Zinsschritten in diesem Jahr.
Am 4. September reagierten die Aktienmärkte entsprechend nervös: Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq gaben nach, obwohl der Arbeitsmarktbericht eigentlich wirtschaftliche Stärke signalisierte.
Börse hat den Zollschock verdaut
Trotz dieser kurzfristigen Schwankungen haben sich die amerikanischen Aktienmärkte seit dem Einbruch im Frühjahr 2025 deutlich erholt.
Nach Trumps Zollankündigungen hatte der S&P 500 zeitweise mehr als 13 Prozent verloren. Seitdem kehrten Anleger jedoch zurück.
Ein wesentlicher Treiber war die Erwartung weiterhin hoher Unternehmensgewinne, insbesondere bei großen Technologie- und KI-Unternehmen.
Das zeigt aber auch: Die Börse ist nicht automatisch ein Spiegelbild der gesamten Wirtschaft.
Aktienkurse können steigen, obwohl Verbraucher pessimistisch sind oder das Wirtschaftswachstum schwächer wird. Entscheidend für die Börse sind vor allem erwartete Unternehmensgewinne, Zinsen und zukünftige Wachstumschancen.
Jetzt könnte die Inflation über die nächste Richtung entscheiden
Die nächsten Tage werden deshalb besonders wichtig.
Nach dem starken Arbeitsmarktbericht warten Investoren nun auf neue US-Inflationsdaten. Steigen die Preise stärker als erwartet, könnte die Federal Reserve die Zinsen erneut erhöhen.
Derzeit preisen die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von deutlich mehr als 50 Prozent für eine Zinserhöhung im September ein.
Höhere Zinsen könnten den Dollar stärken und gleichzeitig Aktien, Immobilien sowie andere zinssensitive Anlagen belasten.
Fällt die Inflation dagegen niedriger aus als erwartet, könnte die Fed mehr Spielraum bekommen, die Zinsen unverändert zu lassen.
Trumps Wirtschaftspolitik lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren
Eine faire Bewertung der wirtschaftlichen Entwicklung unter Trump ist deshalb schwieriger, als einzelne Schlagzeilen vermuten lassen.
Positiv sind der weiterhin robuste Arbeitsmarkt, das anhaltende Wirtschaftswachstum und die Erholung der Aktienmärkte.
Kritischer sind das langsamere Wachstum, die hartnäckige Inflation, die schwache Verbraucherstimmung und die Unsicherheit durch Zölle sowie geopolitische Spannungen.
Hinzu kommt, dass wirtschaftspolitische Maßnahmen häufig erst mit Verzögerung wirken. Veränderungen bei Zöllen, Steuern, Migration oder Regulierung können ihre volle Wirkung erst nach mehreren Quartalen entfalten.
Deshalb wäre es ebenso falsch, sämtliche positiven Entwicklungen allein Trump zuzuschreiben wie sämtliche Probleme ausschließlich seiner Politik anzulasten.
Fazit: Keine Krise – aber auch kein Wirtschaftswunder
Die amerikanische Wirtschaft befindet sich im September 2026 in einer ungewöhnlichen Lage.
Das reale BIP wächst weiter, allerdings nur noch mit einer annualisierten Rate von 1,5 Prozent. Der Arbeitsmarkt überrascht mit 162.000 neuen Stellen und einer Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent. Gleichzeitig liegt die von der Fed bevorzugte PCE-Inflation weiterhin bei 3,7 Prozent und damit deutlich über dem Zielniveau.
Die USA stecken damit weder in einer offensichtlichen Rezession noch erleben sie derzeit einen breit getragenen Wirtschaftsboom.
Die entscheidende Frage wird sein, ob die Regierung das Wachstum stabilisieren kann, ohne gleichzeitig neuen Inflationsdruck zu erzeugen.