Der Bundestag ist in die Beratungen über den Bundeshaushalt 2027 eingestiegen. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil brachte am 8. September den Regierungsentwurf ins Parlament ein. Hinter den nüchternen Haushaltszahlen stehen grundlegende politische Verteilungsfragen: Wie viel Geld soll der Bund für Soziales, Verteidigung und Investitionen ausgeben – und welcher Teil davon soll über neue Kredite finanziert werden?
Der Regierungsentwurf sieht für den regulären Bundeshaushalt Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro vor. Gegenüber 2026 wäre das ein Plus von 30,9 Milliarden Euro beziehungsweise 5,9 Prozent.
118,7 Milliarden Euro neue Kredite allein im Kernhaushalt
Besonders aufmerksam verfolgt wird die Entwicklung der Verschuldung.
Für den Kernhaushalt plant die Bundesregierung 2027 eine Nettokreditaufnahme von 118,7 Milliarden Euro. Im Jahr 2026 sind 98 Milliarden Euro vorgesehen. Damit würde die Kreditaufnahme innerhalb eines Jahres um rund 20,7 Milliarden Euro steigen.
Von den geplanten 118,7 Milliarden Euro entfallen nach Angaben des Bundestages 33,4 Milliarden Euro auf die regulär zulässige Kreditaufnahme. Weitere 85,4 Milliarden Euro sollen insbesondere über die grundgesetzliche Bereichsausnahme für Verteidigungs- und sicherheitspolitische Ausgaben finanziert werden.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Diese 118,7 Milliarden Euro betreffen den Kernhaushalt. Daneben existieren Sondervermögen, deren Ausgaben teilweise ebenfalls kreditfinanziert werden.
Deshalb können deutlich höhere Zahlen zur gesamten staatlichen Kreditaufnahme genannt werden, ohne dass sie der Nettokreditaufnahme des Kernhaushalts widersprechen.
54,9 Milliarden Euro aus dem Infrastruktur-Sondervermögen
Ein wichtiger Teil der Investitionsstrategie läuft außerhalb des regulären Haushalts.
Aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sollen 2027 rund 54,9 Milliarden Euro ausgegeben werden. Diese Ausgaben sind nach Angaben des Bundestages vollständig kreditfinanziert.
Davon sind unter anderem 17,7 Milliarden Euro für Verkehrsinfrastruktur vorgesehen. Rund 11,5 Milliarden Euro sollen allein in die Erhaltung der Schienenwege der Eisenbahnen des Bundes fließen.
Weitere 8,33 Milliarden Euro sind für Länder und Kommunen eingeplant. Zehn Milliarden Euro sollen an den Klima- und Transformationsfonds weitergereicht werden.
Damit zeigt sich eine Besonderheit der aktuellen Haushaltsarchitektur: Wer lediglich auf die 555,4 Milliarden Euro des Kernhaushalts schaut, erfasst einen erheblichen Teil der staatlichen Ausgaben und Kreditfinanzierung nicht.
Verteidigungsausgaben steigen kräftig
Einer der größten Wachstumsposten ist die Verteidigung.
Der Verteidigungsetat soll nach den Haushaltsunterlagen von 82,7 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 109,8 Milliarden Euro 2027 steigen. Das wäre ein Zuwachs von rund 27 Milliarden Euro innerhalb eines Jahres.
Hinzu kommen Mittel aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Daraus sollen 2027 weitere 30 Milliarden Euro ausgegeben werden.
Die Finanzierung von Verteidigung und Sicherheit gehört damit zu den Faktoren, die den Bundeshaushalt der kommenden Jahre erheblich verändern.
Sozialetat bleibt mit Abstand größter Einzelposten
Trotz steigender Verteidigungsausgaben bleibt der Sozialbereich der größte Ausgabenblock.
Allein für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sind 2027 rund 201,5 Milliarden Euro vorgesehen. Das sind etwa 4,1 Milliarden Euro mehr als 2026.
Im gesamten Finanzplan werden die Sozialausgaben für 2027 mit rund 238,9 Milliarden Euro angegeben. Die Sozialausgabenquote soll nach Angaben der Bundesregierung dennoch von 46,7 Prozent im Jahr 2026 auf 43 Prozent im Jahr 2027 zurückgehen.
Damit wird verständlich, warum die Debatte über Sozialausgaben politisch so bedeutend ist: Schon relativ kleine prozentuale Veränderungen können bei einem Ausgabenblock dieser Größenordnung Milliardenbeträge ausmachen.
Klingbeil warnt vor Abbau des Sozialstaats
Finanzminister Klingbeil verbindet die Haushaltsdebatte deshalb mit einer grundsätzlichen Diskussion über die Rolle des Sozialstaats.
Nach seiner Argumentation müssen wirtschaftliche Veränderungen und Reformen mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Gerechtigkeit verbunden werden. Die Bundesregierung steht gleichzeitig vor dem Problem, zusätzliche Mittel für Verteidigung und Infrastruktur bereitzustellen, ohne die sozialen Verpflichtungen des Bundes aus dem Blick zu verlieren.
Genau daraus entsteht einer der zentralen Konflikte des Haushalts 2027: Die finanziellen Wünsche und Verpflichtungen wachsen schneller, als sie allein durch zusätzliche Steuereinnahmen finanziert werden können.
Steuereinnahmen steigen – aber deutlich langsamer als die Ausgaben
Für 2027 kalkuliert die Bundesregierung mit Steuereinnahmen von 394,7 Milliarden Euro.
2026 sollen es 387,2 Milliarden Euro sein. Das wäre lediglich ein Anstieg um rund 7,5 Milliarden Euro.
Dem steht ein Anstieg der geplanten Kernhaushaltsausgaben um 30,9 Milliarden Euro gegenüber.
Die Differenz macht deutlich, warum die Kreditaufnahme weiter wächst: Zusätzliche Steuereinnahmen allein reichen nach der vorgelegten Planung nicht aus, um die steigenden Ausgaben zu finanzieren.
Zinskosten steigen um fast 40 Prozent
Neue Schulden haben zudem langfristige Folgen für kommende Haushalte.
Für Zinsen sind 2027 bereits 41,9 Milliarden Euro eingeplant. Gegenüber 2026 bedeutet das einen Anstieg um 11,6 Milliarden Euro.
Rechnerisch entspricht das einem Zuwachs von rund 38 Prozent innerhalb eines Jahres.
Das ist für die längerfristige Haushaltsentwicklung von erheblicher Bedeutung. Zinszahlungen finanzieren keine neuen Straßen, Schulen, Sozialleistungen oder Verteidigungssysteme. Sie sind Kosten bereits bestehender beziehungsweise aufgenommener Finanzierung.
Je stärker die Zinsausgaben wachsen, desto größer wird daher der Teil des Haushalts, der für andere Aufgaben nicht mehr zur Verfügung steht.
Die Verschuldung soll auch nach 2027 weiter steigen
Noch interessanter wird der Blick auf die mittelfristige Finanzplanung.
Der Finanzplan des Bundes sieht für 2028 Ausgaben von 588,2 Milliarden Euro, für 2029 von 597,8 Milliarden Euro und für 2030 schließlich 635,4 Milliarden Euro vor.
Gleichzeitig soll die Nettokreditaufnahme des Kernhaushalts von 118,7 Milliarden Euro im Jahr 2027 bis 2030 auf 167,3 Milliarden Euro steigen.
Damit handelt es sich bei der hohen Kreditaufnahme nach der derzeitigen Planung nicht lediglich um einen einmaligen Ausschlag im Jahr 2027.
Gerade dieser längerfristige Trend dürfte in den kommenden Haushaltsberatungen eine wichtige Rolle spielen.
Investitionen: Mehr Geld – aber viele verschiedene Finanzierungstöpfe
Die Bundesregierung begründet einen erheblichen Teil der zusätzlichen Ausgaben mit Investitionen und sicherheitspolitischen Anforderungen.
Im Kernhaushalt sind für 2027 56,3 Milliarden Euro Investitionen vorgesehen. Bereinigt um finanzielle Transaktionen sind es 50 Milliarden Euro nach 47,9 Milliarden Euro im Jahr 2026.
Dazu kommen die Milliarden aus dem Infrastruktur-Sondervermögen.
Für eine sachliche Bewertung des Haushalts ist deshalb entscheidend, zwischen laufenden Ausgaben, Investitionen, Verteidigungsausgaben und kreditfinanzierten Sondervermögen zu unterscheiden.
Die Aussage „mehr als 200 Milliarden Euro neue Schulden“ kann ohne diese Differenzierung leicht missverstanden werden.
Der Haushalt ist noch nicht beschlossen
Die jetzt diskutierten Zahlen sind außerdem noch nicht endgültig.
Der Bundestag berät zunächst über den Regierungsentwurf. Anschließend beschäftigt sich insbesondere der Haushaltsausschuss intensiv mit den einzelnen Positionen. Dort können Ausgaben erhöht, reduziert oder umgeschichtet werden.
Die abschließende Beratung und Verabschiedung des Bundeshaushalts 2027 ist derzeit für den 27. November 2026 vorgesehen.
Bis dahin dürfte intensiv darüber gestritten werden, welche politischen Prioritäten finanziert werden und an welchen Stellen gespart werden soll.
Fazit: Deutschland steht vor einem Haushalt der großen Zahlen
Der Bundeshaushalt 2027 macht deutlich, wie stark sich die finanzpolitischen Rahmenbedingungen verändert haben.
555,4 Milliarden Euro Ausgaben im Kernhaushalt, 118,7 Milliarden Euro Nettokreditaufnahme, fast 42 Milliarden Euro Zinsen, steigende Verteidigungsausgaben und zusätzliche kreditfinanzierte Sondervermögen zeigen die Dimension der anstehenden Entscheidungen.
Dabei stehen sich mehrere Ziele gegenüber: Der Staat will mehr in Infrastruktur investieren, erheblich mehr Geld für Verteidigung bereitstellen und zugleich umfangreiche Sozialleistungen finanzieren.
Die entscheidende Frage der kommenden Jahre wird deshalb nicht nur lauten, wofür der Bund Geld ausgibt, sondern zunehmend auch, wie dauerhaft diese Ausgaben finanziert werden können.
Denn während zusätzliche Kredite kurzfristig größere finanzielle Spielräume ermöglichen, wachsen gleichzeitig Zinslast und zukünftige Verpflichtungen. Der Haushalt 2027 ist deshalb weit mehr als eine Aufstellung von Einnahmen und Ausgaben – er ist der Auftakt zu einer grundsätzlichen Debatte über die finanziellen Prioritäten Deutschlands.