Arm_sein_in_Deutschland_Gesamtausgabe
Deutschland ist ein reiches Land. Zumindest auf dem Papier. Doch während Milliarden bewegt und wirtschaftliche Erfolge gefeiert werden, stehen Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, für ein paar Tüten Lebensmittel bei der Tafel an. Menschen, die morgens aufstehen, ihren Pflichten nachkommen und trotzdem nicht wissen, wie sie bis zum Monatsende über die Runden kommen sollen.
Eine besonders bedrückende Geschichte kommt aus Rostock. Dort arbeitet eine 65-jährige Verkäuferin, die seit 40 Jahren im Lebensmittelhandel beschäftigt ist. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen kann sie inzwischen nur noch wenige Stunden täglich arbeiten. Rund 400 Euro verdient sie monatlich.
Seit 20 Jahren ist die Tafel für sie ein fester Bestandteil ihres Lebens.
Man muss sich das einmal vorstellen: Eine Frau verkauft jahrzehntelang Lebensmittel, die sie sich selbst kaum leisten kann. Für 2,50 Euro bekommt sie bei der Tafel vier volle Tüten. Ohne diese Unterstützung wäre eine ausgewogene Ernährung für sie deutlich schwieriger.
Arbeiten, verzichten und trotzdem kein Geld haben
Auch ein Paar aus Rostock kennt diese Situation. Der Mann arbeitet Vollzeit für den Mindestlohn und verdient nach eigenen Angaben etwa 1.600 Euro netto. Seine gesundheitlich eingeschränkte Partnerin erhält ergänzende Sozialleistungen.
Trotz Arbeit reicht das Geld nicht für ein finanziell abgesichertes Leben.
Ein Besuch im Fußballstadion? Zu teuer. Ein gemeinsamer Urlaub? Undenkbar. Geht die Waschmaschine kaputt, wird daraus ein ernsthaftes finanzielles Problem.
Was für andere selbstverständlich erscheint, bleibt für diese Menschen unerreichbar.
Die Tafeln retten, was das Einkommen nicht mehr ermöglicht
Allein die Rostocker Tafel unterstützt nach eigenen Angaben wöchentlich zwischen 3.500 und 4.500 Menschen.
Rentner, Familien, Alleinerziehende und Erwerbstätige stehen dort an. Nicht, weil sie Luxus erwarten, sondern weil sie Lebensmittel benötigen.
Den ehrenamtlichen Helfern gebührt größter Respekt. Doch es ist eine bedrückende gesellschaftliche Entwicklung, wenn gespendete Lebensmittel für viele Menschen zur regelmäßigen Lebensgrundlage werden.
Die Tafeln lindern Not. Sie können aber keine ausreichenden Einkommen und keine funktionierende soziale Absicherung ersetzen.
Armut nimmt Menschen mehr als nur Geld
Wer arm ist, verliert häufig auch ein Stück Lebensqualität, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe.
Jeder Einkauf wird zur Rechenaufgabe. Jede Rechnung verursacht Sorgen. Selbst kleine Wünsche müssen zurückgestellt werden.
Besonders erschütternd ist, wenn Menschen nach jahrzehntelanger Arbeit feststellen müssen, dass ihre Lebensleistung nicht ausreicht, um ihren Lebensabend finanziell abzusichern.
Was muss sich ändern?
Politik und Gesellschaft müssen sich mit einer unbequemen Frage auseinandersetzen: Warum können Menschen trotz Erwerbsarbeit oder jahrzehntelanger Beschäftigung ihren Lebensunterhalt teilweise nicht ausreichend bestreiten?
Die Antworten betreffen Löhne, Renten, Wohnkosten, Energiepreise und soziale Leistungen.
Dabei geht es nicht darum, jedem Menschen Wohlstand zu versprechen. Es geht darum, wirtschaftliche Existenzängste zu verringern und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Unser Fazit: Ein reiches Land sollte sich nicht daran gewöhnen, dass arbeitende Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen sind.
Denn Arbeit darf nicht nur bedeuten, irgendwie den nächsten Monat zu überstehen.
Wer arbeitet, sollte davon leben können. Und wer ein Leben lang gearbeitet hat, sollte im Alter nicht um ausreichend Lebensmittel bangen müssen.