Fast zehn Jahre lang gehörte der kostenlose Blick von der Elbphilharmonie über Hamburg für Einheimische und Touristen einfach dazu. Damit ist jetzt Schluss. Seit dem 5. Oktober kostet der Zugang zur Plaza fünf Euro. Die Stadt verspricht sich davon Einnahmen in Millionenhöhe und will ihren Kulturhaushalt entlasten. Kritiker sehen dagegen einen kostenlosen öffentlichen Ort verschwinden. Besonders interessant ist eine andere Zahl. Die Betreiber rechnen selbst damit dass die Besucherzahlen um fast ein Drittel zurückgehen könnten.
Ein kostenloses Wahrzeichen wird kostenpflichtig
Die Plaza der Elbphilharmonie gehört zu den bekanntesten Aussichtspunkten Hamburgs.
In rund 37 Metern Höhe können Besucher einmal um das Gebäude laufen und den Blick über Hafen Speicherstadt Innenstadt und Elbe genießen.
Bislang war dafür grundsätzlich kein Eintritt notwendig.
Fast zehn Jahre nach der Eröffnung der Elbphilharmonie ändert sich das nun.
Seit Montag kostet der reguläre Zugang zur Plaza fünf Euro.
Der ermäßigte Eintritt beträgt drei Euro.
Damit endet eine Besonderheit die die Elbphilharmonie von vielen anderen großen Touristenattraktionen unterschied.
Der Blick über Hamburg war bisher kostenlos.
Warum Hamburg plötzlich Geld verlangt
Hinter der Entscheidung steht vor allem eine finanzielle Überlegung.
Die Stadt unterstützte den kostenlosen Plaza Zugang bislang mit einem jährlichen Zuschuss von 3 Millionen 600 Tausend Euro an die Betriebsgesellschaft.
Dieses Geld soll künftig an anderer Stelle im Kulturbereich eingesetzt werden.
Die Argumentation der Stadt lautet damit vereinfacht
Wer die Plaza besuchen möchte beteiligt sich künftig selbst an den Kosten während öffentliche Mittel für andere kulturelle Aufgaben zur Verfügung stehen.
Hinzu kommt dass der kostenlose Zugang ursprünglich offenbar nicht dauerhaft vorgesehen war sondern zunächst lediglich für das erste Jahr.
Aus einem zeitlich begrenzten Angebot wurden am Ende allerdings fast zehn Jahre.
Hamburg erwartet Millionen Einnahmen
Finanziell könnte die Änderung erhebliche Auswirkungen haben.
Der Senat rechnet mit einem jährlichen Bruttoerlös von rund 6 Millionen 400 Tausend Euro.
Damit wird aus dem bislang kostenlosen Aussichtspunkt gleichzeitig eine bedeutende Einnahmequelle.
Wie viel davon nach zusätzlichen Kosten tatsächlich zur Entlastung des Haushalts übrig bleibt geht aus den vorliegenden Angaben allerdings nicht hervor.
Bruttoerlös bedeutet schließlich nicht automatisch dass derselbe Betrag als zusätzlicher Überschuss zur Verfügung steht.
Genau diese Unterscheidung ist wichtig.
6 Millionen 400 Tausend Euro Einnahmen sind nicht automatisch 6 Millionen 400 Tausend Euro Gewinn.
Besucherzahlen könnten deutlich einbrechen
Die Einführung des Eintritts könnte allerdings einen erheblichen Nebeneffekt haben.
Die Betreiber rechnen damit dass die Besucherzahlen um fast ein Drittel zurückgehen könnten.
Das wäre ein deutlicher Einschnitt.
Bisher war die Plaza gerade deshalb attraktiv weil Besucher spontan vorbeikommen konnten ohne für den Ausblick bezahlen zu müssen.
Bei fünf Euro Eintritt dürfte sich mancher Tourist zweimal überlegen ob er die Aussichtsplattform tatsächlich besuchen möchte.
Für eine einzelne Person erscheinen fünf Euro zunächst überschaubar.
Bei einer Familie sieht die Rechnung bereits anders aus.
Zwei Erwachsene zahlen zusammen zehn Euro.
Kommen weitere regulär zahlende Familienmitglieder hinzu steigt der Betrag entsprechend.
Aus einem spontanen kostenlosen Abstecher wird damit eine kleine touristische Ausgabe.
820 Tausend Besucher in weniger als drei Monaten
Wie beliebt die Plaza bislang ist zeigen die aktuellen Besucherzahlen.
Zwischen dem 1. Juli und dem 27. September wurden rund 820 Tausend Gäste auf der Aussichtsplattform gezählt.
Im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres waren es rund 823 Tausend.
Die Besucherzahlen lagen damit nahezu auf demselben Niveau und waren lediglich geringfügig niedriger.
Von einem deutlichen Einbruch vor Einführung des Eintrittspreises kann anhand dieser Zahlen nicht gesprochen werden.
Umso interessanter wird sein wie sich die Zahlen nach dem 5. Oktober entwickeln.
Denn erstmals lässt sich nun beobachten wie viel den Besuchern der berühmte Blick über Hamburg tatsächlich wert ist.
Ein Drittel weniger Besucher wäre erheblich
Sollte die Prognose der Betreiber eintreten würde sich die Zusammensetzung der Besucher möglicherweise ebenfalls verändern.
Ein kostenloser Aussichtspunkt wird auch von Menschen besucht die eigentlich keine klassische Touristenattraktion buchen wollten.
Sie kommen spontan vorbei schauen sich Hamburg von oben an und gehen anschließend weiter.
Mit einem Eintrittspreis entsteht dagegen eine zusätzliche Entscheidung.
Ist mir der Blick fünf Euro wert oder nicht.
Genau diese kleine Hürde kann bei sehr hohen Besucherzahlen große Auswirkungen haben.
Selbst wenn nur ein Teil der bisherigen spontanen Besucher verzichtet können am Ende Hunderttausende Besuche pro Jahr wegfallen.
Kostenlos bleibt es für bestimmte Gruppen
Nicht jeder muss künftig bezahlen.
Wer eine Konzertkarte für die Elbphilharmonie besitzt darf bereits zwei Stunden vor Konzertbeginn kostenlos auf die Plaza.
Auch Schulklassen sowie Kita und Vorschulgruppen sollen weiterhin kostenlose Tickets vor Ort erhalten.
Damit bleibt der Zugang zumindest für bestimmte Bildungsgruppen sowie für Konzertbesucher ohne zusätzliche Eintrittskosten möglich.
Für normale Besucher gilt dagegen grundsätzlich der neue Preis.
Fünf Euro im Vergleich zu anderen Attraktionen
Die Hamburger Kulturbehörde verteidigt die Höhe des Eintrittspreises unter anderem mit einem Vergleich zu anderen touristischen Attraktionen.
Fünf Euro seien vergleichsweise günstig.
Das Argument ist nachvollziehbar.
Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied.
Für viele Hamburger war die Plaza bisher nicht einfach irgendeine kostenpflichtige Sehenswürdigkeit.
Sie wurde über Jahre als frei zugänglicher Teil eines öffentlich finanzierten Kulturgebäudes erlebt.
Deshalb geht es in der Diskussion nicht ausschließlich um die Frage ob fünf Euro viel oder wenig sind.
Es geht auch darum ob ein bislang kostenlos zugänglicher öffentlicher Ort nachträglich mit einer Eintrittsschranke versehen werden sollte.
Protest gegen die neue Gebühr
Genau daran entzündet sich die Kritik.
Am letzten Tag des kostenlosen Zugangs protestierten nach den vorliegenden Angaben rund 50 Menschen vor der Elbphilharmonie gegen die Einführung der Eintrittsgebühr.
Unterstützt wurde der Protest von politischen und gewerkschaftlichen Gruppen.
Das zentrale Argument lautet dass Kultur und öffentliche Räume auch Menschen mit wenig Geld offenstehen sollten.
Die Gegner wollen deshalb politischen Druck aufbauen damit die Entscheidung wieder rückgängig gemacht wird.
Ob dies gelingt ist offen.
Die Eintrittsregelung ist zunächst in Kraft.
Kein Ansturm auf die letzten kostenlosen Tickets
Interessanterweise führte das Ende des kostenlosen Zugangs offenbar nicht zu einem großen Abschiedsansturm.
Nach Angaben der Elbphilharmonie wurde am letzten kostenlosen Wochenende beziehungsweise unmittelbar vor der Umstellung kein außergewöhnlich hohes Besucheraufkommen festgestellt.
Das könnte darauf hindeuten dass viele Besucher die Änderung entweder noch nicht wahrgenommen hatten oder keinen Anlass sahen ihren Besuch vorzuziehen.
Spannender wird deshalb der Vergleich der kommenden Monate.
Erst dann wird sich zeigen ob die angekündigten fünf Euro tatsächlich einen größeren Teil der bisherigen Besucher abschrecken.
Eine einfache Rechnung mit großer Wirkung
Für die Stadt ist die Entscheidung wirtschaftlich interessant.
Bisher wurden jährlich 3 Millionen 600 Tausend Euro für den kostenlosen Zugang bereitgestellt.
Künftig sollen Eintrittsgelder einen Teil der Finanzierung übernehmen.
Gleichzeitig werden Bruttoeinnahmen von rund 6 Millionen 400 Tausend Euro erwartet.
Auf den ersten Blick erscheint die Rechnung deshalb attraktiv.
Doch für eine vollständige Bewertung müsste bekannt sein welche zusätzlichen Kosten durch Ticketverkauf Zugangskontrollen Abrechnung und Organisation entstehen.
Außerdem bleibt abzuwarten ob die prognostizierten Besucherzahlen tatsächlich erreicht werden.
Sollten deutlich mehr Menschen als erwartet auf einen Besuch verzichten könnten auch die Einnahmen niedriger ausfallen.
Der Preis verändert den Charakter der Plaza
Die vielleicht wichtigste Veränderung lässt sich nicht unmittelbar in Euro messen.
Bislang konnte praktisch jeder spontan auf die Plaza gehen.
Touristen konnten den Ausblick genießen ohne eine weitere Attraktion buchen zu müssen.
Hamburger konnten Gästen ihre Stadt von oben zeigen ohne Eintritt zu bezahlen.
Aus diesem kostenlosen öffentlichen Angebot wird nun eine kostenpflichtige Sehenswürdigkeit.
Fünf Euro sind keine enorme Summe.
Aber der Unterschied zwischen kostenlos und fünf Euro ist größer als der Unterschied zwischen fünf und zehn Euro erscheinen mag.
Denn kostenlos bedeutet dass über einen Besuch kaum nachgedacht werden muss.
Sobald Eintritt verlangt wird entsteht eine Kaufentscheidung.
Genau deshalb erwarten die Betreiber offenbar einen deutlichen Rückgang der Besucherzahlen.
Die kommenden Monate werden zum Test
Für Hamburg beginnt damit ein interessantes Experiment.
Die Stadt will Millionen sparen beziehungsweise zusätzliche Einnahmen erzielen ohne die Attraktivität eines ihrer bekanntesten Wahrzeichen zu stark zu beschädigen.
Sollten die Besucherzahlen tatsächlich um fast ein Drittel zurückgehen stellt sich anschließend die Frage ob dieser Rückgang politisch und wirtschaftlich akzeptiert wird.
Bleiben die Besucherzahlen dagegen überraschend stabil könnte die Stadt ihre Entscheidung bestätigt sehen.
Die ersten belastbaren Zahlen nach Einführung des Eintritts dürften deshalb besonders interessant werden.
Fazit
Fast zehn Jahre lang gehörte der kostenlose Besuch der Elbphilharmonie Plaza zum Hamburg Erlebnis.
Seit dem 5. Oktober ist diese Zeit vorbei.
Fünf Euro kostet nun der reguläre Zugang. Ermäßigt werden drei Euro verlangt.
Die Stadt möchte damit ihren Kulturhaushalt entlasten und erwartet rund 6 Millionen 400 Tausend Euro Bruttoerlös pro Jahr.
Gleichzeitig rechnen die Betreiber mit einem möglichen Rückgang der Besucherzahlen um fast ein Drittel.
Genau darin liegt der eigentliche Konflikt.
Für die Stadt sind fünf Euro eine zusätzliche Einnahmequelle.
Für den einzelnen Besucher sind fünf Euro möglicherweise keine große Ausgabe.
Doch aus einem Ort den jeder ohne nachzudenken besuchen konnte wird eine kostenpflichtige Touristenattraktion.
Ob die Rechnung aufgeht wird sich deshalb nicht nur an den Millionen Einnahmen zeigen.
Entscheidend wird auch sein wie viele Menschen künftig sagen
Für fünf Euro gehe ich trotzdem hoch
und wie viele unten bleiben.