Junge Frauen, die von einer internationalen Modelkarriere träumten, Kontakte zu Scouts und Agenturen suchten und auf den großen Durchbruch hofften: Genau dieses Umfeld soll der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gezielt genutzt haben, um Frauen in Europa in sein Umfeld zu bringen. Gemeinsame Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung zeichnen anhand der veröffentlichten Epstein-Akten und weiterer Dokumente das Bild eines systematischen Vorgehens, bei dem Karriereversprechen, finanzielle Unterstützung und persönliche Abhängigkeiten eine zentrale Rolle gespielt haben sollen.
Die Dimension ist erheblich. Das Rechercheteam konnte mindestens 19 Europäerinnen namentlich identifizieren, die offenbar über Kontakte aus der Modelbranche zu Epstein gelangten. Darüber hinaus fanden sich Hinweise auf Dutzende weitere Frauen aus Europa und Russland. Weil die verfügbaren Unterlagen unvollständig sind, konnten diese Fälle allerdings nicht ausreichend verifiziert werden. Wie groß das tatsächliche Ausmaß war, bleibt deshalb offen.
Nach den Recherchen waren offenbar mindestens fünf Personen als Modelscouts beziehungsweise Vermittler für Epstein tätig. Junge Frauen wurden angesprochen und mit der Aussicht auf eine Karriere als Model gelockt. Anschließend sollen Fotos der Frauen an Epstein weitergeleitet worden sein – häufig zusammen mit Angaben zu Alter und Nationalität. Gefielen ihm die Aufnahmen, konnte ein erstes Gespräch oder persönliches Treffen folgen.
Damit erscheint die Modelbranche nicht bloß als zufälliger Kontaktpunkt. Vielmehr soll Epstein Strukturen genutzt haben, die für junge Nachwuchsmodels ohnehin zum Berufsalltag gehören: Scouts sprechen potenzielle Models an, Fotos werden verschickt, internationale Reisen gehören zum Geschäft und persönliche Empfehlungen können über eine Karriere entscheiden. Genau diese Normalität konnte es besonders schwierig machen, seriöse berufliche Angebote von einer gefährlichen Anbahnung zu unterscheiden.
Wie fatal das werden konnte, zeigt die Geschichte einer Frau, die in den Recherchen unter dem Namen Mara auftritt. Ihr tatsächlicher Name wird zum Schutz ihrer Identität nicht genannt. Sie war Anfang 20 und wollte Model werden, als sie nach eigenen Angaben von einem Mann angesprochen wurde, der sich als Modelscout präsentierte und ihr berufliche Möglichkeiten in Aussicht stellte. Später soll er sie Epstein vorgestellt haben.
Epstein habe ihr zunächst bei ihrer Karriere helfen sollen. Kurz nach dem Kontakt organisierte er nach den ausgewerteten Unterlagen eine Reise in die USA, bezahlte das Flugticket und gab der jungen Frau Geld. Doch in seinem Anwesen in Miami sei es nach Maras Schilderung plötzlich nicht mehr um eine Modelkarriere gegangen. Epstein habe ihr stattdessen eine Tätigkeit als Assistentin angeboten. Nach ihren Aussagen entwickelte sich daraus ein fast zweijähriges Abhängigkeitsverhältnis, in dessen Verlauf Epstein sie wiederholt sexuell missbraucht habe.
Besonders brisant sind die dokumentierten Kontakte zu einem in den Recherchen als Daniel S. bezeichneten Modelscout. Nach Auswertung der Epstein-Akten soll er Epstein zwischen 2005 und 2019 Fotos von mindestens 52 verschiedenen Frauen geschickt haben. Die Frauen waren demnach überwiegend zwischen 18 und 23 Jahre alt; mindestens eine soll zum betreffenden Zeitpunkt noch minderjährig gewesen sein. Ob und welche dieser Frauen Epstein anschließend tatsächlich trafen, lässt sich jedoch in vielen Fällen nicht feststellen.
Auch Geldflüsse sind dokumentiert. Zwischen 2011 und 2018 sollen mindestens 72.000 Euro von Epsteins Konten an Daniel S. geflossen sein. Daraus allein lässt sich allerdings keine strafrechtliche Beteiligung an Epsteins Taten ableiten. Daniel S. hat Fehlverhalten zurückgewiesen. Er erklärte, professioneller Modelscout gewesen zu sein und Frauen ausschließlich als Models an Epstein vermittelt zu haben. Von dessen kriminellen Aktivitäten habe er damals nichts gewusst.
Diese Unterscheidung ist für die gesamte Aufarbeitung des Epstein-Komplexes entscheidend. Wer in den Akten auftaucht, Kontakt zu Epstein hatte oder Zahlungen von ihm erhielt, ist deshalb nicht automatisch an dessen Straftaten beteiligt gewesen. Bei jedem Beteiligten muss getrennt untersucht werden, was die Person tatsächlich wusste und welche Handlungen ihr konkret zugerechnet werden können. Die bloße Nennung eines Namens in den umfangreichen Epstein-Unterlagen ist kein Schuldnachweis.
Eine weitere wichtige Verbindung führt zum inzwischen verstorbenen französischen Modelagenten Jean-Luc Brunel. Epstein unterstützte die Gründung von Brunels Modelagentur MC2 Model Management nach den Recherchen mit einem Kredit über eine Million US-Dollar. Die Ermittlungen und Recherchen beschäftigten sich mit der Frage, welche Rolle Brunel bei der Vermittlung junger Frauen an Epstein spielte. Brunel starb 2022 in französischer Untersuchungshaft.
Das eigentlich Verstörende an dem rekonstruierten System ist jedoch weniger ein einzelner Name als dessen Funktionsweise. Am Anfang stand offenbar nicht zwangsläufig eine erkennbare Bedrohung. Stattdessen standen Hoffnung, Karriere und vermeintliche Chancen.
Für eine junge Frau, die international als Model arbeiten möchte, kann die Aussicht auf Kontakte in die USA, ein bezahltes Flugticket oder die Bekanntschaft mit einem wohlhabenden und bestens vernetzten Geschäftsmann zunächst wie eine außergewöhnliche Gelegenheit wirken. Gerade dadurch konnte ein Machtgefälle entstehen: Wer Reisen bezahlt, Geld zur Verfügung stellt und angeblich über die berufliche Zukunft entscheiden kann, gewinnt erheblichen Einfluss.
Nach Einschätzung der früheren Generalstaatsanwältin der Amerikanischen Jungferninseln, Denise George, gehörten entsprechende Modelversprechen zu Epsteins Methoden, junge Frauen und Mädchen anzulocken.
Die Recherchen legen deshalb ein wesentlich größeres Problem offen als die Frage, wie Epstein einzelne Frauen kennenlernte. Sie zeigen, wie eine internationale Branche mit jungen, mobilen und häufig karriereorientierten Menschen für ein Missbrauchssystem instrumentalisiert werden konnte.
Dabei darf allerdings auch hier nicht pauschalisiert werden. Die Modelbranche insgesamt ist damit ebenso wenig verantwortlich wie jeder Scout oder jede Agentur, die irgendwann Kontakt mit Epstein hatte. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob einzelne Personen wissentlich an der Rekrutierung für dessen Missbrauchssystem beteiligt waren oder ob sie glaubten, tatsächlich berufliche Kontakte zu vermitteln.
Mehrere europäische Staaten beschäftigen sich inzwischen weiter mit möglichen Verbindungen und Beteiligten. In Frankreich meldeten sich nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft etwa 20 mutmaßlich betroffene Frauen, darunter eine Frau aus Deutschland. Wie viele von ihnen über Modelversprechen in Epsteins Umfeld gelangten, ist nicht bekannt.
Die Aufarbeitung dürfte deshalb noch lange nicht abgeschlossen sein. Die veröffentlichten Akten liefern zwar zahlreiche Namen, E-Mails, Fotos, Aussagen und Verbindungen – sie beantworten aber nicht automatisch die entscheidende juristische Frage, wer von den Straftaten wusste, wer daran beteiligt war und wer lediglich Kontakt zu Epstein hatte.
Gerade deshalb ist die „Model-Masche“ so bedeutsam. Sie zeigt, dass Epsteins Macht offenbar nicht allein auf seinem Vermögen und seinen prominenten Kontakten beruhte. Sein System funktionierte auch deshalb, weil er Träume und Abhängigkeiten nutzen konnte. Für manche junge Frau begann der Weg offenbar mit der Aussicht auf Laufsteg, Reisen und internationale Karriere – und endete nach den Schilderungen Betroffener in Kontrolle, Abhängigkeit und sexuellem Missbrauch.