Der Jahresabschluss 2025 der WSB Windpark Reußen GmbH & Co. KG aus Dresden zeigt eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Konstellation: Ein Windparkunternehmen mit einer Bilanzsumme von rund 2,38 Millionen Euro weist gerade einmal 1 Euro Sachanlagevermögen aus. Gleichzeitig liegen mehr als 2,19 Millionen Euro auf Bankkonten.
Für Anleger ist das durchaus interessant. Denn hinter den Zahlen scheint eine Gesellschaft zu stehen, deren Windenergieanlagen bilanziell praktisch vollständig abgeschrieben sind, die aber weiterhin Stromerlöse erzielt und über eine ausgesprochen hohe Liquidität verfügt. Gleichzeitig gibt es einen Punkt, den Anleger nicht übersehen sollten: Das Kapitalkonto III ist inzwischen mit mehr als 3 Millionen Euro negativ.
2,2 Millionen Euro Liquidität – aber nur noch 1 Euro Sachanlagen
Die Bilanzsumme sank 2025 von 2,695 Millionen auf 2,376 Millionen Euro, also um knapp 12 Prozent.
Besonders auffällig ist die Zusammensetzung der Aktivseite. Das gesamte Anlagevermögen beträgt lediglich 1.870 Euro. Davon entfallen 1.869 Euro auf immaterielle Vermögensgegenstände und gerade einmal 1 Euro auf Sachanlagen.
Bei einer Windparkgesellschaft wirkt das zunächst paradox.
Der geringe Buchwert bedeutet jedoch keineswegs, dass die Windenergieanlagen wirtschaftlich wertlos sein müssen. Bei älteren Windparks können die Anlagen nach jahrelangen planmäßigen Abschreibungen bilanziell weitgehend oder vollständig abgeschrieben sein, obwohl sie technisch weiterhin betrieben werden und Strom produzieren.
Dass weiterhin ein operativer Betrieb stattfindet, lässt sich auch aus dem Anhang erkennen. Dort heißt es, dass die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen hauptsächlich Stromerlöse für Dezember 2025 sowie Weiterberechnungen umfassen.
Damit wird eine entscheidende Frage für Anleger relevant: Wie lange können die nahezu vollständig abgeschriebenen Anlagen noch wirtschaftlich betrieben werden?
Diese Information lässt sich aus der Bilanz allein nicht beantworten.
Beeindruckender Liquiditätspuffer
Finanziell fällt zunächst die hohe Liquidität positiv auf.
Zum Jahresende verfügte die Gesellschaft über 2.196.225,73 Euro liquide Mittel. Im Vorjahr waren es 2.290.322,26 Euro.
Damit befinden sich rund 92 Prozent der gesamten Bilanzsumme unmittelbar in liquiden Mitteln.
Hinzu kommen Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände von 127.890,99 Euro. Das Umlaufvermögen erreicht damit insgesamt rund 2,324 Millionen Euro.
Auf der anderen Seite stehen lediglich 150.262,52 Euro Verbindlichkeiten.
Rein bilanziell ergibt sich damit ein ausgesprochen komfortabler Liquiditätspuffer.
Selbst sämtliche ausgewiesenen Verbindlichkeiten könnten rechnerisch mehr als vierzehnmal allein aus den vorhandenen Bankguthaben gedeckt werden.
Schulden nahezu halbiert
Auch die Entwicklung der Verbindlichkeiten ist bemerkenswert.
Sie reduzierten sich von
287.955,84 Euro auf 150.262,52 Euro.
Das entspricht einem Rückgang um rund 48 Prozent innerhalb eines Jahres.
Sämtliche Verbindlichkeiten haben zudem eine Restlaufzeit von höchstens einem Jahr. Langfristige Finanzverbindlichkeiten weist die Gesellschaft überhaupt nicht aus.
Die Verbindlichkeiten gegenüber Gesellschaftern gingen ebenfalls zurück – von 58.800 Euro auf 35.700 Euro.
Für Anleger ist das grundsätzlich positiv: Eine klassische langfristige Bankfinanzierung, wie sie bei jüngeren Windparks häufig einen erheblichen Teil der Bilanz ausmacht, ist hier nicht mehr erkennbar.
Eigenkapitalquote von fast 80 Prozent
Noch deutlicher wird die solide Bilanzstruktur beim Eigenkapital.
Das Eigenkapital beträgt 1.892.859,26 Euro. Bei einer Bilanzsumme von 2.375.947,98 Euro entspricht das einer Eigenkapitalquote von ungefähr 79,7 Prozent.
Das ist bilanziell ausgesprochen komfortabel.
Allerdings sank das Eigenkapital gegenüber dem Vorjahr deutlich. Ende 2024 waren noch 2.119.487,08 Euro ausgewiesen.
Der Rückgang beträgt damit rund 226.628 Euro beziehungsweise 10,7 Prozent.
Hier lohnt ein Blick auf die Kapitalkonten.
Der kritische Punkt: Kapitalkonto III bei minus 3 Millionen Euro
Die eingetragene Kommanditeinlage beträgt 4,9 Millionen Euro.
Das Kapitalkonto I steht entsprechend bei 4.900.000 Euro.
Demgegenüber weist das Kapitalkonto III zum 31. Dezember 2025 einen Stand von
–3.007.159,74 Euro
auf.
Ein Jahr zuvor waren es noch –2.780.512,92 Euro.
Der negative Saldo hat sich somit innerhalb eines Jahres um rund 226.647 Euro vergrößert.
Der Anhang liefert hierzu einen wichtigen Hinweis: Das Jahresergebnis 2025 wurde bereits den Kapitalkonten der Kommanditisten – konkret dem Kapitalkonto III – zugewiesen.
Die Veränderung spricht daher dafür, dass das Ergebnis 2025 die Kapitalkonten um rund 226.600 Euro belastet hat.
Das sollte aus Anlegersicht nicht ignoriert werden.
Denn die hohe Liquidität und die hohe Eigenkapitalquote erzählen nur eine Seite der Geschichte. Gleichzeitig hat sich die wirtschaftliche Kapitalposition der Kommanditisten 2025 verschlechtert.
Für eine abschließende Bewertung wäre insbesondere die vollständige Gewinn- und Verlustrechnung wichtig.
Rückbau der Windkraftanlagen wird bereits berücksichtigt
Ein weiterer interessanter Punkt betrifft das Ende der Betriebsphase.
Die sonstigen Rückstellungen enthalten ausdrücklich Kosten für den Rückbau der Windkraftanlagen.
Hierfür waren Ende 2025 rund 207.600 Euro zurückgestellt. Im Vorjahr waren es noch rund 188.400 Euro.
Der Anstieg um gut 19.000 Euro zeigt, dass die Rückbauverpflichtungen bilanziell berücksichtigt werden.
Für Anleger ist das grundsätzlich positiv, denn Windenergieanlagen müssen nach Ende ihrer Nutzung üblicherweise zurückgebaut und Flächen wiederhergestellt werden.
Allerdings stellt sich auch hier eine entscheidende Frage: Reichen die gebildeten 207.600 Euro tatsächlich für den späteren Rückbau aus?
Das kann anhand des veröffentlichten Abschlusses nicht beurteilt werden. Dafür müsste unter anderem bekannt sein, wie viele Anlagen betroffen sind, um welche Anlagentypen es sich handelt und welche vertraglichen Rückbaupflichten bestehen.
Weitere Verpflichtungen von rund 373.000 Euro außerhalb der Bilanz
Nicht übersehen werden sollten zudem Verpflichtungen, die nicht als Verbindlichkeiten in der Bilanz stehen.
Der Anhang nennt sonstige finanzielle Verpflichtungen aus Dauerschuldverhältnissen von insgesamt rund 372.700 Euro.
Davon entfallen 196.900 Euro auf Wartungs- und Betriebsführungsverträge, 60.200 Euro auf Pacht- und Nutzungsverträge sowie 115.600 Euro auf sonstige Dauerschuldverhältnisse.
Diese Beträge relativieren die extrem niedrigen bilanziellen Verbindlichkeiten etwas.
Sie erscheinen angesichts von mehr als 2,19 Millionen Euro Liquidität allerdings zunächst beherrschbar.
Was Anleger positiv bewerten können
Die Bilanz enthält mehrere klare Stärken. Besonders hervorzuheben sind die hohe Liquidität von rund 2,2 Millionen Euro, die Eigenkapitalquote von knapp 80 Prozent und der starke Rückgang der Verbindlichkeiten.
Langfristige Finanzschulden sind nicht vorhanden.
Auch Haftungsverhältnisse nach § 251 HGB bestanden laut Anhang zum Bilanzstichtag nicht.
Damit unterscheidet sich die Gesellschaft erheblich von hoch fremdfinanzierten Windparkprojekten, bei denen große Teile der zukünftigen Cashflows zunächst für Zins und Tilgung benötigt werden.
Trotzdem ist die Bilanz nicht automatisch ein Entwarnungssignal
Aus Anlegersicht wäre es zu einfach, aus dem hohen Bankguthaben unmittelbar auf eine hervorragende wirtschaftliche Situation zu schließen.
Drei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Erstens ist das Sachanlagevermögen praktisch vollständig abgeschrieben. Entscheidend ist daher die technische Restlebensdauer der Windenergieanlagen.
Zweitens hat sich das Kapitalkonto III auf mehr als minus 3 Millionen Euro verschlechtert.
Und drittens sind Rückbaukosten bereits ein konkretes bilanzielles Thema. Das deutet darauf hin, dass bei der wirtschaftlichen Betrachtung nicht nur die aktuellen Stromerlöse, sondern zunehmend auch das Ende des Anlagenlebenszyklus berücksichtigt werden muss.
Gerade bei einem älteren Windpark kann deshalb ein großes Bankguthaben täuschen: Ein Teil dieser Liquidität könnte wirtschaftlich für Rückbau, Wartung, zukünftige Verpflichtungen oder Ausschüttungen benötigt werden.
Fazit: Viel Geld vorhanden – aber entscheidend ist die verbleibende Lebensdauer des Windparks
Der Jahresabschluss der WSB Windpark Reußen GmbH & Co. KG vermittelt insgesamt keinen Eindruck einer akut angespannten Bilanz. Im Gegenteil: Mehr als 2,19 Millionen Euro Bankguthaben, lediglich rund 150.000 Euro Verbindlichkeiten und eine Eigenkapitalquote von knapp 80 Prozent sprechen zunächst für eine sehr solide finanzielle Ausgangslage.
Der interessante Punkt liegt woanders.
Die Gesellschaft scheint sich bilanziell in einer späten Phase des Lebenszyklus ihres Windparks zu befinden. Das Sachanlagevermögen ist mit einem Erinnerungswert von lediglich 1 Euro praktisch vollständig abgeschrieben, während weiterhin Stromerlöse erzielt werden und bereits Rückstellungen für den späteren Rückbau bestehen.
Für Anleger wäre deshalb weniger die Frage entscheidend, was die Windräder heute noch in der Bilanz wert sind, sondern was sie in den kommenden Jahren noch erwirtschaften können.
Dazu müssten vor allem Stromproduktion, Umsätze, Jahresergebnisse, Ausschüttungen, technische Restlaufzeit, EEG- beziehungsweise Vermarktungssituation sowie die erwarteten Rückbaukosten bekannt sein.
Die entscheidende Anlegerfrage lautet daher: Sind die 2,2 Millionen Euro auf dem Konto der komfortable Ertrag eines weitgehend entschuldeten Windparks – oder ist dieses Geld bereits teilweise der finanzielle Puffer für dessen letzte Betriebsjahre und den anschließenden Rückbau?
Genau diese Unterscheidung lässt sich aus der Bilanz allein noch nicht treffen.