Im Süden Bosniens spielt sich ein Umweltkrimi ab: In der türkisgrünen Neretva, einem der letzten weitgehend unberührten Flüsse Europas, sterben seit Wochen massenhaft Fische. Fischer, Umweltschützer und Wissenschaftler schlagen Alarm – und richten ihren Verdacht gegen ein neues Wasserkraftwerk, das am Oberlauf des Flusses in Betrieb genommen wurde.
Ein Fluss voller Leben – und plötzlich voller Tod
Die Neretva, oft als das „blaue Herz Europas“ bezeichnet, schlängelt sich über 200 Kilometer durch die Gebirgslandschaft Bosniens und Herzegowinas bis zur Adria. Sie gilt als eines der klarsten Gewässer des Kontinents und beheimatet seltene Fischarten wie die Weißfischforelle (Salmo obtusirostris), die es nur hier gibt.
Doch seit Anfang Oktober häufen sich Berichte über tote Fische, die an den Ufern treiben oder im flachen Wasser verenden. Die lokale Bevölkerung ist entsetzt: „So etwas haben wir in Jahrzehnten nicht gesehen“, sagt der Fischer Marko Ljubić aus Konjic. „Das Wasser riecht anders, die Fische liegen mit offenen Mäulern im Fluss. Es ist, als würde ihnen die Luft fehlen.“
Verdacht auf Wasserkraftwerk – Umweltorganisationen fordern Aufklärung
Im Mittelpunkt des Verdachts steht das neue Wasserkraftwerk Ulog, das erst kürzlich den Probebetrieb aufgenommen hat. Aktivisten vermuten, dass plötzliche Wasserstandsschwankungen, Sauerstoffmangel und chemische Ablagerungen durch Bauarbeiten das empfindliche Ökosystem aus dem Gleichgewicht gebracht haben.
„Die Betreiber sprechen von einem modernen, umweltfreundlichen Projekt – aber die Realität im Fluss sieht anders aus“, erklärt Mira Hadžić von der Umweltorganisation Eko Neretva. Ihre Gruppe hat Proben genommen und festgestellt, dass die Sauerstoffwerte in einigen Flussabschnitten deutlich unter dem Normalwert liegen.
Regierung schweigt – Bevölkerung fordert Antworten
Während Umweltschützer schnelle Untersuchungen fordern, reagiert die Regierung in Sarajevo bislang zögerlich. Das Umweltministerium kündigte „umfassende Analysen“ an, erklärte jedoch, es gebe „noch keinen eindeutigen Beweis“ für einen Zusammenhang zwischen dem Kraftwerk und dem Fischsterben.
In den sozialen Medien machen unterdessen Videos und Fotos der toten Fische die Runde – begleitet von wütenden Kommentaren. Viele Bosnier sehen in dem Vorfall ein Symbol für eine Politik, die Profit über Natur stellt.
Europas bedrohtes Naturjuwel
Die Neretva ist nicht nur ein Fluss, sondern ein Symbol. Sie gehört zu den letzten freifließenden Gewässern Europas, deren Ökosystem noch weitgehend intakt ist. Internationale Umweltorganisationen warnen seit Jahren vor einem massiven Ausbau der Wasserkraft auf dem Balkan – allein in Bosnien sind über 300 Projekte geplant.
„Wasserkraft gilt als grüne Energie, doch sie zerstört Flüsse, Landschaften und Artenvielfalt“, sagt die Biologin Dr. Lena Krstić von der Universität Mostar. „Die Neretva ist ein Schatz, der nicht für kurzfristige Energiegewinne geopfert werden darf.“
Fazit: Ein Fluss im Ausnahmezustand
Noch ist unklar, was genau das Massensterben verursacht hat – ob giftige Rückstände, Sauerstoffmangel oder technische Fehlsteuerungen. Doch eines ist sicher: Der Vorfall hat ein Schlaglicht auf die fragile Balance zwischen Klimaschutz, Energiepolitik und Naturschutz geworfen.
Für Fischer Ljubić ist das Urteil längst gefallen:
„Wenn wir so weitermachen, bleibt vom blauen Herz Europas bald nur noch eine Narbe.“