Am heutigen Tag der Organspende richtet sich die Aufmerksamkeit in Deutschland auf Menschen, deren Leben durch eine Organtransplantation gerettet wurde – Menschen wie Nicole Volkmann. Die 42-Jährige aus Niedersachsen lebt seit fünf Jahren mit einem Spenderherz. Ihre Geschichte ist eine von Hoffnung, Überleben und tiefer Dankbarkeit – aber auch von einem Gesundheitssystem, das im Bereich Organspende dringend Veränderung braucht.
Ein Leben am Limit – bis das Spenderherz kam
Nicole Volkmann war schwer herzkrank. Eine seltene Form der Herzmuskelentzündung führte dazu, dass ihr Herz immer schwächer wurde. Medikamente halfen nicht mehr, ein Kunstherz war keine dauerhafte Lösung. Die Ärzte gaben ihr noch wenige Monate zu leben – es sei denn, es würde rechtzeitig ein geeignetes Spenderorgan gefunden.
Die rettende Nachricht kam nach einem Jahr Wartezeit. Ein Herz war verfügbar. Die Transplantation verlief erfolgreich. Heute, fünf Jahre später, lebt Nicole Volkmann ein weitgehend normales Leben. Sie muss täglich Medikamente nehmen, um die Abstoßung des fremden Organs zu verhindern. Doch sie kann wieder arbeiten, spazieren gehen, lachen – leben. „Ich trage das Herz eines anderen Menschen in mir. Jeden Tag bin ich dankbar, dass jemand diese Entscheidung getroffen hat“, sagt sie.
Deutschland: Schlusslicht bei Organspenden
Trotz solcher bewegenden Schicksale gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern in Sachen Organspende. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) standen Anfang 2025 rund 8.500 Menschen auf der Warteliste für ein neues Organ. Doch die Zahl der tatsächlichen Spender stagniert seit Jahren. 2024 wurden bundesweit weniger als 900 Organspender gezählt – das sind weniger als elf Spender pro eine Million Einwohner. Zum Vergleich: In Spanien, das ein System der Widerspruchslösung praktiziert, liegt die Quote bei über 40 pro Million.
Das bedeutet: Tausende schwerkranke Menschen in Deutschland warten – oft vergeblich – auf ein lebensrettendes Organ. Viele sterben, bevor ein geeignetes Spenderorgan verfügbar ist.
Warum so wenige spenden – ein Systemproblem
Ein zentraler Grund für die niedrige Spenderzahl liegt im deutschen Rechtssystem. Hier gilt die sogenannte Entscheidungslösung: Bürgerinnen und Bürger sollen sich zu Lebzeiten freiwillig für oder gegen die Organspende entscheiden – etwa über einen Organspendeausweis oder einen Eintrag in das Online-Register. Doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nutzt diese Möglichkeit aktiv.
Im Ernstfall müssen dann oft die Angehörigen entscheiden – häufig unter großem Zeitdruck und emotionalem Stress. Viele wissen nicht, was der Verstorbene gewollt hätte, und entscheiden sich aus Unsicherheit gegen die Spende.
Widerspruchslösung als mögliche Alternative
Medizinische Fachgesellschaften, Ethikräte und viele Betroffene fordern daher eine grundlegende Reform: die Einführung der Widerspruchslösung. Danach gilt jeder Mensch automatisch als potenzieller Organspender – es sei denn, er oder sie hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. Diese Regelung ist in vielen europäischen Ländern längst Alltag – mit nachweislich positiven Auswirkungen auf die Zahl der Transplantationen.
Ein entsprechender Gesetzesentwurf scheiterte 2020 im Bundestag knapp. Doch die Diskussion ist längst nicht beendet – auch angesichts der weiter hohen Sterberate auf den Wartelisten.
Nicole Volkmann als Botschafterin der Hoffnung
Für Nicole Volkmann ist das Thema zur Lebensaufgabe geworden. Sie engagiert sich heute als Sprecherin für eine Selbsthilfegruppe transplantierter Menschen, hält Vorträge in Schulen und bei Informationsveranstaltungen. Sie erzählt ihre Geschichte, um aufzuklären – und um andere zum Nachdenken zu bringen.
„Organspende ist ein zutiefst menschlicher Akt“, sagt sie. „Ich habe durch einen fremden Menschen mein Leben zurückbekommen. Das ist ein Geschenk, das man nicht in Worte fassen kann.“
Ihr Appell zum Tag der Organspende: „Reden Sie mit Ihren Angehörigen. Entscheiden Sie sich – für oder gegen die Spende. Aber treffen Sie eine bewusste Wahl. Denn irgendwann könnte es jeden von uns treffen – als Empfänger oder als Spender.“
Hintergrund: Tag der Organspende
Der Tag der Organspende findet jährlich am ersten Samstag im Juni statt. Er soll über das Thema aufklären, Vorurteile abbauen und Menschen ermutigen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie nach dem Tod Organe spenden möchten. Zahlreiche Kliniken, Stiftungen und Organisationen veranstalten dazu bundesweit Informationsangebote, Aktionen und Gesprächsrunden mit Ärzten, Patienten und Angehörigen.