Der Plan, in Südniedersachsen künftig Windräder auch in besonders alten und ökologisch wertvollen Wäldern zu errichten, sorgt für massiven Protest seitens der großen Umweltverbände. BUND und NABU sprechen von einem gefährlichen Präzedenzfall, einem „Tabubruch“, der sowohl den ökologischen Grundkonsens als auch das Vertrauen in die Klimapolitik erschüttern könne.
Ein bisheriges Tabu wird gebrochen
Bisher galt in Niedersachsen – wie auch in vielen anderen Bundesländern – das Prinzip, dass Windenergieanlagen in naturnahen, alten Waldbeständen nicht errichtet werden dürfen. Diese Flächen sind nicht nur besonders artenreich, sondern auch aus ökologischer Sicht unersetzlich: Als Rückzugsräume für gefährdete Arten, Kohlenstoffsenken, Wasserspeicher und Puffer gegen Temperaturspitzen haben alte Wälder eine herausragende Bedeutung für den Natur- und Klimaschutz.
Nun aber will die Landesregierung dieses Verbot aufweichen. Im Zuge der geplanten massiven Ausweitung der Windenergieflächen sollen künftig auch Gebiete einbezogen werden, die bisher aus Naturschutzgründen tabu waren – darunter auch jahrzehnte- oder gar jahrhundertealte Waldbestände in Südniedersachsen. Die Entscheidung sei laut Umweltministerium notwendig, um den Flächenbedarf zur Erfüllung der Windkraftziele zu decken.
Umweltverbände fühlen sich übergangen
Der Widerstand der Umweltverbände ist entschieden. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der Windenergie – im Gegenteil. Aber sie darf nicht auf Kosten der letzten wertvollen Naturflächen erfolgen“, erklärt ein Sprecher des BUND Niedersachsen. Der NABU wiederum spricht von einem „Vertrauensbruch“ gegenüber der Zivilgesellschaft. Man habe erwartet, dass der politische Wille zur Energiewende mit Rücksicht auf ökologische Leitplanken erfolgt – doch gerade diese würden nun eingerissen.
Besonders kritisieren die Naturschützer, dass der geplante Schritt ohne angemessene Beteiligung der Fachverbände erfolgt sei. Sie warnen vor einem Dammbruch: Wenn alte Wälder heute zugunsten der Windkraft geopfert werden, könnten morgen andere Schutzgüter – etwa Moore oder Landschaftsschutzgebiete – zur Disposition stehen.
Die Gretchenfrage: Klimaschutz gegen Naturschutz?
Die Landesregierung steht unter Druck. Der Bund hat verbindliche Flächenziele für die Windkraftnutzung vorgegeben, die bis 2032 erreicht werden müssen. Angesichts von Flächenkonkurrenz, Bürgerprotesten und langwierigen Genehmigungsverfahren werden nun auch Waldflächen als „potenzielle Reserve“ deklariert.
Doch viele Experten sehen hierin einen gefährlichen Zielkonflikt: Wird der Klimaschutz gegen den Naturschutz ausgespielt, leidet nicht nur die Umwelt, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung in eine glaubwürdige und nachhaltige Klimapolitik.
Der bekannte Waldökologe Prof. Dr. Hans Dieter Knapp warnt: „Alte Wälder sind komplexe Ökosysteme, die sich nicht einfach wiederherstellen lassen. Was einmal gerodet ist, ist für Generationen verloren.“
Kritik an fehlender Alternativprüfung
Auch an der konkreten Planung hagelt es Kritik. Statt in alten Wäldern Windräder zu bauen, fordern Umweltverbände und Wissenschaftler, stärker auf bereits vorbelastete oder wirtschaftlich genutzte Flächen zu setzen – etwa entlang von Autobahnen, Bahnstrecken oder Industriegebieten. Auch Altstandorte, ehemalige Truppenübungsplätze oder konventionell genutzte Wirtschaftswälder könnten geeignete Alternativen darstellen.
Doch genau diese Alternativen würden häufig nicht ausreichend geprüft oder aufgrund bürokratischer Hürden verworfen, so der Vorwurf.
Langfristige Folgen – auch für die Akzeptanz der Energiewende
Die Debatte hat auch gesellschaftspolitische Brisanz. Wird der Eindruck erweckt, dass ökologische Mindeststandards für klimapolitische Ziele geopfert werden, droht ein nachhaltiger Vertrauensverlust. Gerade ländliche Räume, in denen die Akzeptanz für Windkraft ohnehin nicht selbstverständlich ist, könnten sich weiter entfremden – mit negativen Folgen für die gesamtgesellschaftliche Energiewende.
Fazit: Energiewende braucht ökologisches Augenmaß
Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist unbestritten notwendig. Doch er darf nicht im ökologischen Blindflug erfolgen. Nachhaltigkeit bedeutet, ökologische, wirtschaftliche und soziale Interessen miteinander zu verbinden – und nicht eines gegen das andere auszuspielen.
Wenn selbst alte Wälder für Windräder geopfert werden, ist eine rote Linie überschritten. Eine echte Energiewende darf nicht bedeuten: Klimaschutz um jeden Preis. Sondern: Klimaschutz mit Verantwortung.