Frage: Herr Blazek, die BaFin-Untersuchung zeigt, dass der Fachkräftemangel auch Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV) stark betrifft. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?
Daniel Blazek: Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein Problem für klassische Unternehmen, sondern trifft zunehmend auch die Finanzbranche und speziell die Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung. Pensionskassen und -fonds haben es schwer, mit Banken, Versicherern und anderen Finanzdienstleistern um qualifiziertes Personal zu konkurrieren. Das Problem wird durch steigende regulatorische Anforderungen und die zunehmende Digitalisierung noch verschärft.
Frage: Welche Geschäftsbereiche sind besonders betroffen?
Daniel Blazek: Laut der BaFin-Untersuchung gibt es vor allem in den Bereichen Kapitalanlagen, Risikomanagement, Leistungsbearbeitung und IT erhebliche Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung von Stellen. Besonders im IT-Sektor besteht das Risiko, dass Pensionskassen ihre aufsichtsrechtlichen Verpflichtungen nicht mehr vollständig erfüllen können. Ohne eine funktionierende IT-Infrastruktur wird es zunehmend schwierig, den Betrieb sicherzustellen.
Frage: Wie reagieren die Unternehmen auf diese Herausforderungen?
Daniel Blazek: Viele Pensionskassen und -fonds setzen mittlerweile auf Ausgliederungen von Geschäftsbereichen. Laut BaFin haben bereits 97 % der befragten Unternehmen Teile ihrer Prozesse an externe Dienstleister übergeben. Das reicht von der IT-Sicherheit über das Bestandsmanagement bis hin zur Kapitalverwaltung. Diese Strategie ist zwar kurzfristig hilfreich, birgt aber auch Risiken, da die Unternehmen weiterhin für die Einhaltung regulatorischer Vorschriften verantwortlich bleiben.
Frage: Welche Risiken ergeben sich aus der zunehmenden Ausgliederung?
Daniel Blazek: Die größte Gefahr besteht darin, dass Unternehmen die Kontrolle über ihre ausgelagerten Prozesse verlieren. Es reicht nicht aus, eine Dienstleistung extern zu vergeben – die Überwachung und Steuerung dieser Prozesse bleibt eine zentrale Pflicht der Unternehmen. Die BaFin hat in ihren aufsichtlichen Mindestanforderungen (MaGo für EbAV) klare Vorgaben gemacht, wie diese Risiken gemanagt werden müssen. Dazu gehören umfassende vertragliche Regelungen, regelmäßige Überprüfungen der Dienstleister und ein effektives Risikomanagement.
Frage: Neben der Ausgliederung denken einige Unternehmen sogar über eine Bestandsübertragung oder eine vollständige Auflösung nach. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Daniel Blazek: Das ist ein alarmierendes Zeichen. Wenn 22 Unternehmen bereits eine Bestandsübertragung und 15 eine Unternehmensauflösung in Erwägung ziehen, zeigt das, wie gravierend die Herausforderungen sind. Eine Bestandsübertragung kann eine Lösung sein, wenn es gelingt, die Verträge an leistungsfähigere Träger zu übergeben. Bei einer Unternehmensauflösung stellt sich allerdings die Frage, wer die bestehenden Versorgungsverpflichtungen übernimmt. Solche Szenarien müssen gut durchdacht sein, um keine Nachteile für die Versicherten zu erzeugen.
Frage: Welche Maßnahmen sollten Unternehmen ergreifen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?
Daniel Blazek: Neben der Auslagerung von Prozessen gibt es weitere Lösungsansätze. Unternehmen sollten verstärkt in Mitarbeiterbindung und Weiterbildung investieren. Flexible Arbeitsmodelle, attraktive Vergütungspakete und gezielte Schulungsmaßnahmen könnten dazu beitragen, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten. Zudem sollte verstärkt auf Automatisierung gesetzt werden, um Personalengpässe abzufedern. Schließlich müssen Unternehmen sicherstellen, dass sie frühzeitig Nachfolgeregelungen treffen, insbesondere für Schlüsselfunktionen wie Vorstände oder Aufsichtsräte.
Frage: Wie wird die BaFin in Zukunft mit diesem Thema umgehen?
Daniel Blazek: Die BaFin hat bereits angekündigt, weitere Untersuchungen durchzuführen und mit betroffenen Unternehmen gezielt ins Gespräch zu gehen. Zudem will sie stärker auf das Risikomanagement bei ausgelagerten Dienstleistungen achten. Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass die aufsichtsrechtlichen Anforderungen an Kontrolle und Steuerung von Outsourcing-Prozessen weiter steigen werden. Wer hier proaktiv agiert und frühzeitig Lösungen findet, wird langfristig besser aufgestellt sein.
Frage: Abschließend, was ist Ihr Fazit zu dieser Entwicklung?
Daniel Blazek: Der Fachkräftemangel ist eine ernsthafte Herausforderung für Pensionskassen und -fonds. Unternehmen müssen strategische Entscheidungen treffen: Entweder sie investieren in eigene Fachkräfte, setzen auf Digitalisierung oder gliedern Aufgaben aus. Jede dieser Lösungen hat Vor- und Nachteile, aber eines ist klar: Nichtstun ist keine Option. Die BaFin wird genau beobachten, wie sich der Markt entwickelt, und Unternehmen, die nicht rechtzeitig handeln, könnten unter verstärkten aufsichtsrechtlichen Druck geraten. Wer jetzt klug agiert, kann die Weichen für eine stabile Zukunft stellen.