Die DEGAG-Gesellschaften stehen aktuell unter intensiver Beobachtung, insbesondere durch die Genussrechtsinhaber, die auf Klarheit über die wirtschaftliche Situation der Unternehmen hoffen. Rechtsanwältin Bontschev und Rechtsanwalt Reime, beide Mitglieder des neu gegründeten Anlegerbeirats, sprechen im Interview über ihre Aufgabe, die Herausforderungen und die möglichen Konsequenzen einer Insolvenz.
Frage: Frau Bontschev, Herr Reime, der Anlegerbeirat hat nun seine Arbeit aufgenommen. Was ist Ihre erste Einschätzung zur aktuellen Lage der DEGAG-Gesellschaften?
Rechtsanwältin Bontschev: Die Lage der DEGAG-Gesellschaften ist zweifellos angespannt. Unsere Aufgabe im Anlegerbeirat besteht zunächst darin, die wirtschaftliche Situation der Unternehmen detailliert zu prüfen und mögliche Risiken zu identifizieren. Es gibt viele offene Fragen, insbesondere im Hinblick auf die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaften. Derzeit können wir noch keine abschließende Bewertung abgeben, aber die ersten Zahlen und Fakten deuten darauf hin, dass die Situation ernst ist.
Rechtsanwalt Reime: Genau, und es ist wichtig zu betonen, dass wir im Anlegerbeirat als Vertreter der Genussrechtsinhaber handeln. Wir prüfen nicht nur die wirtschaftliche Lage, sondern auch, welche Maßnahmen zum Schutz der Anleger ergriffen werden können. Dabei arbeiten wir eng mit Bernd Klein und den zuständigen Behörden zusammen, um eine möglichst transparente und faire Lösung zu finden.
Frage: Welche konkreten Schritte unternimmt der Anlegerbeirat derzeit?
Rechtsanwältin Bontschev: Unser erster Schritt war es, einen Überblick über die finanzielle Situation der DEGAG-Gesellschaften zu erhalten. Dazu gehört die Analyse der Vermögenswerte, der Verbindlichkeiten und der Liquidität. Parallel dazu prüfen wir, ob die Gesellschaften möglicherweise verpflichtet sind, einen Insolvenzantrag zu stellen.
Rechtsanwalt Reime: Zusätzlich haben wir eine Vertraulichkeits- und Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet, die uns rechtlich bindet. Das ist besonders wichtig, da wir im Falle einer Insolvenz eine Schlüsselrolle spielen könnten, etwa als Mitglieder eines möglichen Gläubigerausschusses. Momentan sammeln wir Informationen und bewerten mögliche Szenarien, um eine fundierte Grundlage für unsere Arbeit zu schaffen.
Frage: Herr Reime, warum spielt die Frage der Insolvenzantragspflicht eine so große Rolle?
Rechtsanwalt Reime: Die Insolvenzantragspflicht ist ein zentraler Punkt, weil sie entscheidet, ob die DEGAG-Gesellschaften handlungsfähig bleiben oder nicht. Wenn die Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung der Unternehmen festgestellt wird, muss ein Insolvenzantrag unverzüglich gestellt werden. Die Folgen einer Insolvenz wären weitreichend, insbesondere für die Genussrechtsinhaber, deren Forderungen im Insolvenzfall nachrangig behandelt werden.
Unsere Aufgabe ist es, genau zu prüfen, ob diese Voraussetzungen vorliegen. Sollte dies der Fall sein, ist es unsere Pflicht, den Anlegern gegenüber transparent zu kommunizieren und die Interessen der Genussrechtsinhaber bestmöglich zu vertreten.
Frage: Frau Bontschev, Sie erwähnten die Vertraulichkeitserklärung. Warum ist diese so wichtig, und welche Rolle spielt sie im aktuellen Kontext?
Rechtsanwältin Bontschev: Die Vertraulichkeitserklärung ist ein essenzieller Bestandteil unserer Arbeit im Anlegerbeirat. Sie stellt sicher, dass sensible Informationen, die wir im Zuge unserer Tätigkeit erhalten, nicht nach außen dringen und keinen Schaden anrichten.
Besonders wichtig ist diese Regelung, weil der Anlegerbeirat im Fall einer Insolvenz automatisch in einen Gläubigerausschuss überführt werden könnte. Der Gläubigerausschuss hat im Insolvenzverfahren eine zentrale Rolle: Er überwacht den Insolvenzverwalter, prüft die Vermögenslage und vertritt die Interessen der Gläubiger. Deshalb ist es entscheidend, dass alle Informationen vertraulich behandelt werden, um keine Unsicherheiten oder Fehlinformationen zu verbreiten.
Frage: Wie ist die Stimmung unter den Anlegern? Gibt es viel Verunsicherung?
Rechtsanwältin Bontschev: Ja, die Verunsicherung ist groß, was in einer solchen Situation verständlich ist. Viele Anleger wissen nicht, ob ihre Investitionen sicher sind und was sie in den kommenden Wochen erwarten können.
Rechtsanwalt Reime: Genau. Die Unsicherheit wird durch die Tatsache verstärkt, dass aktuell noch keine klaren Ergebnisse vorliegen. Es ist, wie man so schön sagt, „klar, dass nichts klar ist“. Unsere Aufgabe im Anlegerbeirat ist es daher, so schnell wie möglich belastbare Fakten zu schaffen und den Anlegern Perspektiven aufzuzeigen.
Frage: Was können Anleger in den kommenden Tagen erwarten?
Rechtsanwältin Bontschev: In den nächsten Tagen werden wir weitere Informationen zusammentragen und die Prüfung der wirtschaftlichen Lage intensivieren. Parallel dazu werden wir eng mit Bernd Klein und den zuständigen Behörden zusammenarbeiten, um Klarheit über die nächsten Schritte zu schaffen.
Rechtsanwalt Reime: Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Prozesse Zeit benötigen. Anleger müssen sich darauf einstellen, dass es noch einige Wochen dauern kann, bis wir konkrete Ergebnisse präsentieren können. In der Zwischenzeit werden wir alles tun, um die Interessen der Genussrechtsinhaber zu schützen.
Frage: Gibt es bereits mögliche Lösungsansätze oder Szenarien, die diskutiert werden?
Rechtsanwältin Bontschev: Aktuell ist es noch zu früh, um konkrete Lösungsansätze zu benennen. Vieles hängt von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaften ab. Sollte eine Insolvenz unausweichlich sein, wird der Gläubigerausschuss eine entscheidende Rolle spielen.
Rechtsanwalt Reime: Wichtig ist, dass wir alle Optionen prüfen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, die Gesellschaften in Teilen weiterzuführen oder alternative Maßnahmen zu ergreifen, die die Verluste für die Anleger minimieren. Unser Fokus liegt darauf, das bestmögliche Ergebnis für die Genussrechtsinhaber zu erzielen.
Frage: Möchten Sie den Anlegern noch etwas mit auf den Weg geben?
Rechtsanwältin Bontschev: Wir verstehen die Sorgen und die Unruhe, die viele Anleger derzeit empfinden. Unser Ziel ist es, schnellstmöglich Klarheit zu schaffen und ihre Interessen so gut wie möglich zu vertreten.
Rechtsanwalt Reime: Ja, und ich möchte betonen, dass wir im Anlegerbeirat alles daran setzen, die Situation gründlich zu analysieren und faire Lösungen zu erarbeiten. Die kommenden Wochen werden entscheidend sein, und wir bitten die Anleger um Geduld, während wir an einer transparenten und tragfähigen Lösung arbeiten.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bontschev und Herr Reime.