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Galeria erneut insolvent: 672 Beschäftigte im Norden bangen – und Innenstädte fürchten den nächsten Leerstand

FelixMittermeier (CC0), Pixabay

Die Warenhauskette Galeria steckt erneut in einer schweren Krise. Das Unternehmen hat beim Amtsgericht Düsseldorf einen Insolvenzantrag gestellt. Das Gericht hat daraufhin ein vorläufiges Insolvenzverfahren angeordnet.

Besonders bitter für die Beschäftigten: Es ist bereits der vierte Insolvenzantrag innerhalb von sechs Jahren.

In Niedersachsen und Bremen sind die Auswirkungen unmittelbar zu spüren. Betroffen sind die Galeria-Häuser in Hannover, Lüneburg, Braunschweig, Göttingen, Goslar, Oldenburg und Bremen.

Insgesamt arbeiten dort 672 Menschen.

Für sie beginnt erneut eine Phase großer Unsicherheit. Noch ist offen, wie viele Standorte fortgeführt werden können, ob weitere Filialen geschlossen werden und welche Auswirkungen das Verfahren auf die Arbeitsplätze haben wird.

Beschäftigte erneut im Krisenmodus

Besonders scharf fällt die Reaktion der Gewerkschaft ver.di aus.

Die Beschäftigten hätten bereits über Jahre erhebliche Belastungen auf sich genommen, um ihre Standorte zu erhalten. Nach jahrelangem Gehaltsverzicht treffe sie die erneute Insolvenz deshalb besonders hart, erklärte ver.di-Fachbereichsleiterin Sabine Gatz.

Die Gewerkschaft verlangt nun konkrete Zukunftsperspektiven für die betroffenen Häuser.

Für die Mitarbeiter stellt sich daneben eine ganz praktische Frage: Wie geht es mit ihren Einkommen weiter?

Nach dem vorliegenden Bericht ist noch unklar, ob die Beschäftigten Insolvenzgeld erhalten.

Damit steht für Hunderte Familien nicht nur die langfristige berufliche Zukunft, sondern möglicherweise auch die kurzfristige finanzielle Planung im Mittelpunkt.

Braunschweigs Oberbürgermeister spricht von „Schlag ins Gesicht“

Besonders deutlich fällt die Kritik aus Braunschweig aus.

Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) erklärte, das Vertrauen in die handelnden Personen habe einen neuen Tiefpunkt erreicht. Er bezeichnete das erneute Insolvenzverfahren als „Schlag ins Gesicht“.

Hinter der Kritik steht eine längere Vorgeschichte.

Nach Angaben Kornblums habe es über Jahre Gespräche über die Zukunft des Standorts gegeben – auch unter Beteiligung des Landes. Investitionen seien zugesagt, jedoch kaum umgesetzt worden. Gleichzeitig habe Galeria wiederholt Mietnachlässe verlangt.

Damit rückt ein Konflikt in den Mittelpunkt, der die Warenhauskette bereits seit Jahren begleitet: Wie viel Unterstützung können Vermieter, Städte und Beschäftigte leisten, wenn das grundlegende Geschäftsmodell trotzdem nicht dauerhaft wirtschaftlich stabil wird?

Galeria zum vierten Mal in sechs Jahren insolvent

Die Zahl verdeutlicht das Ausmaß der Probleme.

Vier Insolvenzanträge innerhalb von sechs Jahren zeigen, dass es sich bei den Schwierigkeiten nicht lediglich um eine kurzfristige Krise handelt.

Bereits 2020 und 2022 durchlief Galeria Insolvenzverfahren.

Anfang 2024 folgte die nächste Insolvenz, nachdem der damalige Mutterkonzern Signa in massive wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war.

Damals wurden neun der insgesamt 92 Warenhäuser geschlossen.

Anschließend übernahmen der US-Investor NRDC und eine Gesellschaft des Unternehmers Bernd Beetz die Warenhauskette.

Die Hoffnung war erneut, Galeria dauerhaft wirtschaftlich zu stabilisieren.

Nun steht das Unternehmen wieder vor einem Insolvenzverfahren.

33 Filialen standen bereits auf dem Prüfstand

Dass die Situation angespannt war, hatte sich schon vor dem neuen Insolvenzantrag abgezeichnet.

Im Juli hatte Galeria angekündigt, 33 Filialen überprüfen zu wollen. Zu den genannten Standorten gehörten auch Braunschweig und Oldenburg.

Damit stand bereits vor dem Insolvenzantrag die Frage im Raum, welche Häuser langfristig wirtschaftlich betrieben werden können.

Das neue Verfahren dürfte den Druck nun erheblich erhöhen.

Denn ein Insolvenzverwalter muss nicht nur prüfen, wie das Unternehmen fortgeführt werden kann. Entscheidend ist letztlich auch, welche Standorte wirtschaftlich tragfähig sind und wo möglicherweise weitere Einschnitte notwendig werden.

Insolvenzverwalter kennt Galeria bereits

Das Amtsgericht Düsseldorf hat den Rechtsanwalt Frank Kebekus zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

Er ist mit Galeria bereits vertraut.

Kebekus begleitete die Insolvenzverfahren des Unternehmens in den Jahren 2020 und 2022 als Sachwalter.

Nun muss er zunächst die wirtschaftliche Situation des Unternehmens prüfen.

Dabei geht es unter anderem darum, ob die Voraussetzungen für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vorliegen und ob genügend Vermögen vorhanden ist, um die Kosten des Verfahrens zu decken.

Erst danach dürfte sich deutlicher abzeichnen, welche Zukunft Galeria und seine einzelnen Filialen haben.

Miteigentümer Beetz: Insolvenz wäre vermeidbar gewesen

Für zusätzliche Brisanz sorgt Kritik aus dem Eigentümerkreis selbst.

Galeria-Miteigentümer Bernd Beetz erklärte gegenüber der „Bild-Zeitung“, er halte die Insolvenz „grundsätzlich für vermeidbar“.

Die Gesellschafter hätten das Unternehmen in einer schwierigen Situation übernommen und viel Zeit, Energie sowie eigenes Kapital investiert.

Entscheidend wäre nach seiner Darstellung gewesen, die notwendige Transformation des Unternehmens schneller und konsequenter umzusetzen.

Damit stellt sich erneut die Frage, ob die Krise vor allem durch äußere Faktoren verursacht wurde – oder ob auch Managemententscheidungen eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Warum haben klassische Warenhäuser solche Probleme?

Galerias Schwierigkeiten stehen gleichzeitig für ein viel größeres Problem des deutschen Einzelhandels.

Das klassische Warenhausmodell steht seit Jahren unter Druck.

Kunden können Kleidung, Elektronik, Kosmetik, Haushaltswaren und zahlreiche andere Produkte heute mit wenigen Klicks im Internet bestellen. Gleichzeitig haben sich spezialisierte Einzelhandelsketten und Markenstores etabliert.

Das traditionelle Versprechen des Warenhauses – möglichst viele unterschiedliche Produkte unter einem Dach anzubieten – besitzt dadurch weniger Alleinstellungswert als früher.

Hinzu kommen hohe Kosten.

Große Warenhäuser benötigen viel Fläche, liegen häufig an zentralen und entsprechend teuren Innenstadtstandorten und verursachen erhebliche Ausgaben für Personal, Energie und Gebäudebetrieb.

Wenn gleichzeitig Kundenfrequenz und Umsätze sinken, kann diese Kombination wirtschaftlich problematisch werden.

Warum eine Galeria-Schließung die ganze Innenstadt treffen kann

Die möglichen Folgen reichen deshalb weit über Galeria selbst hinaus.

Die Industrie- und Handelskammer Niedersachsen (IHKN) weist darauf hin, dass große Warenhäuser nach wie vor wichtige Frequenzbringer und sogenannte Ankerbetriebe für Innenstädte sind.

Das bedeutet: Sie ziehen Menschen in die Innenstadt – und davon profitieren auch umliegende Geschäfte, Cafés und Restaurants.

Schließt ein großes Warenhaus, verschwindet deshalb nicht nur ein einzelnes Geschäft.

Es kann ein großflächiger Leerstand entstehen, der wiederum die Attraktivität einer gesamten Einkaufsstraße beeinträchtigt.

Weniger Besucher können niedrigere Umsätze bei benachbarten Geschäften bedeuten. Dadurch können weitere Leerstände entstehen.

Genau diese Entwicklung wollen viele Kommunen verhindern.

Riesige Gebäude lassen sich nicht einfach neu vermieten

Ein weiteres Problem sind die Immobilien selbst.

Klassische Warenhäuser verfügen häufig über mehrere Etagen und sehr große Verkaufsflächen. Für solche Gebäude einen einzelnen neuen Einzelhandelsmieter zu finden, ist angesichts des Strukturwandels schwierig.

Deshalb setzen Städte zunehmend auf andere Konzepte.

Statt wieder ein Warenhaus in ein ehemaliges Warenhaus zu holen, sollen die großen Gebäude unterschiedlich genutzt werden.

Vom Kaufhaus zum „Haus der Musik“

Die IHKN nennt dafür das frühere Karstadt-Gebäude in Braunschweig als Beispiel.

Dort soll ein „Haus der Musik“ entstehen, das unter anderem einen Konzertsaal und eine Musikschule umfasst.

Damit wird aus einer früher ausschließlich kommerziell genutzten Immobilie ein Gebäude mit kulturellen und öffentlichen Funktionen.

Auch in Hannover gibt es entsprechende Pläne für einen ehemaligen Kaufhof.

Dort ist eine Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Berufsschule, Sportangeboten und Wohnungen vorgesehen.

Solche Projekte zeigen, wie sich deutsche Innenstädte verändern könnten.

Die Zukunft großer Innenstadtimmobilien muss demnach nicht zwangsläufig wieder im klassischen Einzelhandel liegen.

Die Galeria-Krise wird damit zur Innenstadtfrage

Genau deshalb ist die vierte Insolvenz von Galeria nicht nur eine Unternehmensmeldung.

Sie berührt eine grundsätzliche Frage: Welche Funktion sollen Innenstädte künftig haben?

Über Jahrzehnte waren Kaufhäuser zentrale Anlaufpunkte deutscher Stadtzentren. Menschen kamen zum Einkaufen – und besuchten anschließend Restaurants, Cafés oder andere Geschäfte.

Dieses Modell funktioniert vielerorts nicht mehr wie früher.

Innenstädte müssen deshalb möglicherweise stärker Wohnen, Bildung, Kultur, Gastronomie, Dienstleistungen und Einzelhandel miteinander verbinden.

Eine Galeria-Schließung kann kurzfristig einen erheblichen Verlust bedeuten. Langfristig kann die notwendige Umgestaltung großer Warenhausimmobilien aber auch neue Möglichkeiten eröffnen.

Für 672 Beschäftigte zählt zunächst etwas anderes

Für Stadtplaner sind solche langfristigen Konzepte wichtig. Für die 672 betroffenen Galeria-Beschäftigten in Niedersachsen und Bremen steht jedoch zunächst eine wesentlich unmittelbarere Frage im Mittelpunkt:

Bleibt ihr Arbeitsplatz erhalten?

Nach mehreren Sanierungsrunden, Insolvenzen und Einschnitten beginnt für sie erneut eine Zeit der Unsicherheit.

Auch für die betroffenen Städte dürfte deshalb entscheidend sein, wie schnell Klarheit über die einzelnen Standorte geschaffen werden kann.

Denn die vierte Galeria-Insolvenz innerhalb von sechs Jahren stellt nicht nur die Zukunft des Unternehmens infrage.

Sie zeigt zugleich, dass die Suche nach einem dauerhaft tragfähigen Geschäftsmodell für das klassische Warenhaus noch immer nicht abgeschlossen ist – und dass die Folgen eines Scheiterns längst Beschäftigte, Vermieter, Kommunen und ganze Innenstädte betreffen.

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