LFS Bewirtschaftungs AG spricht von „beinahe sämtlichen“ Plantagen, mehreren hundert Besetzern und höherer Gewalt – unabhängig bestätigt ist das bislang nicht
Für ehemalige Kunden der Life Forestry Switzerland AG kommt die nächste Hiobsbotschaft.
Der Redaktion liegt ein Schreiben vor, das nach seinem Inhalt von der LFS Bewirtschaftungs AG stammt. Die Gesellschaft, die ehemaligen Life-Forestry-Kunden die weitere Bewirtschaftung und Verwertung ihrer Teakbestände anbietet, berichtet darin von einer angeblich dramatisch eskalierten Situation in Costa Rica.
Danach sollen inzwischen „beinahe sämtliche ehemaligen Life Forestry Plantagen“ von illegalen Besetzungen betroffen sein.
Teilweise bewaffnete und nach Darstellung von LFS aggressive Personen sollen Mitarbeiter, Viehzüchter und andere Menschen bedroht und von Grundstücken vertrieben haben. Von „mehreren hundert Personen“ auf den besetzten Flächen ist die Rede.
Für Anleger klingt das alarmierend.
Doch bevor aus Alarm Entscheidungen werden, muss eine grundlegende Frage beantwortet werden:
Wo sind die überprüfbaren Nachweise?
Unsere Recherche bestätigt die konkrete Darstellung bislang nicht
Wir haben nach öffentlich zugänglichen Berichten aus Costa Rica gesucht.
Tatsächlich gibt es insbesondere in der nördlichen Grenzregion erhebliche Sicherheitsprobleme. Das costa-ricanische Ministerium für öffentliche Sicherheit berichtet unter anderem über illegalen Goldabbau, Lager illegaler Goldgräber sowie Straftaten in Cutris und Pocosol. Im März 2026 wurde am Cerro Conchuditas beispielsweise ein großes illegales Bergbaucamp geräumt. Im Juni wurden Verdächtige nach Raubüberfällen in Cutris und Pocosol festgenommen.
Das zeigt: Die Sicherheitsprobleme der Region sind real.
Es beweist jedoch nicht, dass die betroffenen Grundstücke ehemalige Life-Forestry-Plantagen waren.
Für die Aussage, nahezu sämtliche dieser Plantagen seien inzwischen von mehreren hundert teilweise bewaffneten Personen besetzt, konnten wir bislang keine unabhängige öffentliche Bestätigung finden.
Das bedeutet nicht, dass die Mitteilung falsch sein muss. Nicht jeder Polizeivorgang ist sofort im Internet auffindbar.
Es bedeutet aber sehr wohl, dass Anleger auf Grundlage der bislang vorliegenden Informationen die dramatischen Behauptungen nicht selbst überprüfen können.
Anleger erfahren nicht einmal, welche Plantagen betroffen sein sollen
Das Schreiben lässt zentrale Informationen offen.
Es wird nicht mitgeteilt, welche konkreten Plantagen besetzt sind.
Es werden keine Grundstücks- oder Katasterdaten genannt.
Es wird nicht gesagt, wann die jeweiligen Besetzungen begonnen haben.
Es fehlen Zahlen für die einzelnen Flächen.
Es fehlen Angaben zu konkreten Polizeieinsätzen.
Es fehlen Aktenzeichen.
Und selbst bei der schwerwiegenden Behauptung, Personen seien unter Einsatz oder Androhung von Schusswaffen vertrieben worden, fehlt jede konkret überprüfbare Zuordnung.
Für Kunden, deren wirtschaftliches Schicksal von gerade diesen Flächen abhängt, ist das unbefriedigend.
Noch im September bereitete LFS Ernten vor
Die neue Darstellung ist auch deshalb bemerkenswert, weil die LFS Bewirtschaftungs AG noch kurz zuvor öffentlich ein völlig anderes operatives Bild zeichnete.
Am 10. September 2026 erklärte die Gesellschaft, die Teakbestände ehemaliger Life-Forestry-Kunden befänden sich auf den entsprechenden Plantagen in Costa Rica, Ecuador und Kolumbien. Die Vorbereitungen für erste Ausforstungen und Ernten liefen; potenzielle Holzkäufer seien aufgefordert worden, Angebote für Ernte, Transport und Holzkauf abzugeben.
Am 5. Juli hatte Patrick Huber noch detailliert erläutert, wie Genehmigungen für Ernte und Transport in Costa Rica und Ecuador eingeholt werden sollten. Ende 2026 sollten demnach in Costa Rica die Plantagen des Jahrgangs 2003 begutachtet und geerntet werden. Als mögliche Verzögerungsfaktoren nannte die Gesellschaft Arbeitskräfte, Transport, Logistik und Wetter.
Eine angeblich weitreichende Bedrohung durch Landbesetzer wurde dort nicht erwähnt.
Auch am 9. Juli argumentierte LFS ausdrücklich damit, ein Reisebericht habe bestätigt, dass besuchte Plantagen existierten und weiterhin mit Teakbäumen bestockt seien.
Am 24. September hieß es sogar: Ernten beginnen
Hinzu kommt eine Pressemitteilung der Life Forestry Switzerland AG in Liquidation vom 24. September 2026.
Dort erklärte Verwaltungsrat Lambert Liesenberg, mehr als 4.000 Kunden hätten Verträge mit der neuen Bewirtschaftungslösung abgeschlossen und es würden nun Teakbäume geerntet und Holz verkauft. Die Gesellschaft behauptete darüber hinaus, Besuche zeigten Plantagen in gutem Pflegezustand. Auch hier gilt: Das ist die Darstellung des Unternehmens, nicht das Ergebnis unabhängiger Recherche.
Gerade deshalb müssen Anleger nun erfahren, wann und wo sich die Lage verändert haben soll.
Besonders heikel: „Höhere Gewalt“
LFS bezeichnet die behaupteten Besetzungen in dem Schreiben als ein Ereignis „höherer Gewalt“.
Für Verbraucher sollte dieser Begriff kein Anlass sein, automatisch davon auszugehen, dass sämtliche vertraglichen Pflichten der Gesellschaft damit entfallen.
LFS gibt hier zunächst ihre eigene rechtliche Einschätzung wieder.
Welche konkreten Folgen sich daraus für einen einzelnen Bewirtschaftungsvertrag ergeben, hängt vom Vertrag und von den tatsächlich nachweisbaren Umständen ab.
Gerade deshalb sollten Betroffene sich die konkrete Klausel nennen lassen, auf die LFS sich beruft.
Noch wichtiger: LFS will offenbar vorzeitig Bäume fällen
Der für Anleger wirtschaftlich vielleicht wichtigste Teil der Nachricht steht weiter unten.
LFS will auf noch zugänglichen Flächen Ernten beziehungsweise Ausforstungen vorziehen. Begründet wird dies damit, dass die Gelegenheit zur wirtschaftlichen Verwertung genutzt werden solle, bevor weitere Besetzungen dies möglicherweise verhinderten.
Das mag aus Sicht eines Bewirtschafters nachvollziehbar erscheinen.
Für den einzelnen Baumbesitzer ergeben sich aber erhebliche Fragen.
Eine heute gefällte Teakfläche kann morgen nicht weiterwachsen.
Eine vorgezogene Ernte beeinflusst Holzmenge, Stammdurchmesser, Qualität und möglicherweise den erzielbaren Preis.
Und der angebliche Zeitdruck darf nicht dazu führen, dass Kunden anschließend lediglich eine Endabrechnung präsentiert bekommen, ohne nachvollziehen zu können, weshalb gerade ihre Bäume gefällt wurden und ob ein marktgerechter Preis erzielt worden ist.
LFS erklärte noch am 10. September, Käuferangebote für Ernte, Transport und Holzankauf würden miteinander verglichen.
Diese Transparenz muss gerade unter Zeitdruck erhalten bleiben.
Was betroffene Kunden jetzt schriftlich verlangen sollten
Wer von einer vorgezogenen Ernte betroffen ist oder eine entsprechende Mitteilung erhält, sollte sich die Grundlagen schriftlich dokumentieren lassen.
Dazu gehören insbesondere Plantagenname und Grundstücksnummer, die konkrete Lage des eigenen Bestandes, Zahl beziehungsweise Zuordnung der betroffenen Bäume, der Zeitpunkt und die Begründung einer vorgezogenen Fällung, das ermittelte Holzvolumen, vorhandene Genehmigungen, Käufer und Verkaufspreis, Vergleichsangebote sowie sämtliche vorgesehenen Kosten und Abzüge.
Bei der behaupteten Besetzung sollten Anleger zusätzlich nach den Vorgangsnummern von Polizei, OIJ, Staatsanwaltschaft oder Gericht fragen.
Wenn tatsächlich bewaffnete Personen Mitarbeiter von Grundstücken vertrieben haben und mehrere hundert Personen Life-Forestry-Flächen besetzen, sollte es möglich sein, wenigstens Aktenzeichen oder behördliche Vorgangsnummern zu nennen.
Die bemerkenswerteste Behauptung im ganzen Schreiben
LFS schreibt nicht lediglich von allgemeinen Landbesetzungen in Costa Rica.
Nach den angeblich vorliegenden Erkenntnissen beträfen die bekannten Besetzungen ausschließlich ehemalige Life-Forestry-Plantagen.
Das bezeichnet selbst die Gesellschaft als außergewöhnlich.
Und das ist tatsächlich ein Punkt, der besondere Aufklärung verlangt.
Warum ausschließlich diese Flächen?
Wer sind die Besetzer?
Handelt es sich um organisierte Gruppen?
Gibt es einen gemeinsamen Hintergrund?
Besteht ein Zusammenhang zwischen den Grundstückseigentümern?
Gibt es wirtschaftliche Interessen Dritter?
Oder beruht die Aussage lediglich darauf, dass LFS naturgemäß nur über die von ihr betreuten Flächen Informationen besitzt und deshalb gar keinen vollständigen Überblick über andere Grundstücke hat?
Gerade hier wäre eine präzise Erklärung notwendig.
LFS forderte selbst „überprüfbare Fakten“ – jetzt muss sie liefern
Die Situation hat eine gewisse Ironie.
Noch am 10. September kritisierte LFS Veröffentlichungen des Verbraucherschutzforums Berlin, der IG Life Forestry und anderer Plattformen. Das Unternehmen forderte sinngemäß eine Diskussion auf Grundlage überprüfbarer Fakten und erklärte, Anleger sollten sich anhand vorhandener Unterlagen selbst ein Bild machen.
Das ist ein vernünftiger Anspruch.
Er muss aber für alle Beteiligten gelten.
Auch für die LFS Bewirtschaftungs AG.
Wer von nahezu sämtlichen Plantagen, mehreren hundert Besetzern, Schusswaffen, Bedrohungen und höherer Gewalt spricht, sollte diesen Angaben überprüfbare Tatsachen folgen lassen.
Unser Fazit für Life-Forestry-Kunden
Es gibt keinen Grund, die Mitteilung von LFS ohne weitere Prüfung pauschal als falsch abzutun.
Die Sicherheitslage in Teilen Nord-Costa-Ricas ist nachweislich problematisch. Illegale Bergbauaktivitäten und andere Straftaten sind dort Realität.
Aber ebenso gibt es derzeit keinen Grund, die gesamte Darstellung ungeprüft als bewiesene Tatsache zu übernehmen.
Die angebliche nahezu vollständige Besetzung der ehemaligen Life-Forestry-Plantagen konnte von uns bislang nicht unabhängig bestätigt werden.
Deshalb gilt gerade jetzt:
Dokumente statt Dramatisierung.
Plantagenlisten statt Sammelbegriffe.
Aktenzeichen statt Hörensagen.
Polizeimeldungen statt unüberprüfbarer Behauptungen.
Und bei vorgezogenen Ernten: nachvollziehbare Inventurdaten, Genehmigungen, Käuferangebote, Preise und Abrechnungen.
Die Bäume sind für viele Kunden möglicherweise der letzte greifbare wirtschaftliche Wert aus einem Investment, das sie seit vielen Jahren begleitet.
Wer über deren vorzeitige Fällung entscheidet, trägt deshalb eine besonders hohe Verantwortung für Transparenz.
Das Verbraucherschutzforum Berlin wird die weitere Entwicklung kritisch begleiten.
Die LFS Bewirtschaftungs AG ist eingeladen, zu den offenen Fragen Stellung zu nehmen und entsprechende behördliche oder sonstige überprüfbare Nachweise zur Verfügung zu stellen. Eine substanzielle Stellungnahme werden wir selbstverständlich in die weitere Berichterstattung einbeziehen.