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Nur noch „in Teilen“ Volkspartei? Die CDU steht vor einer Frage, die an ihre politische Identität geht

qimono (CC0), Pixabay

Der unmittelbare Anlass für die Debatte ist für die CDU schmerzhaft.

Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026 erreichte die CDU nach dem vorläufigen Ergebnis nur 4,9 Prozent der Zweitstimmen und verpasste damit den Wiedereinzug in den Landtag. 2021 hatte sie dort noch 13,3 Prozent erreicht und zwölf Abgeordnete gestellt. Die AfD kam 2026 auf 38,2 Prozent, die SPD auf 35,5 Prozent.

Nach diesem Ergebnis wurde Friedrich Merz gefragt, ob die CDU überhaupt noch eine Volkspartei sei.

Seine Antwort fiel bemerkenswert aus: „Wir sind es nur noch in Teilen.“

Merz selbst definiert eine Volkspartei darüber, dass sie unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft erreicht. Dazu zählt er unter anderem Arbeitnehmer, Unternehmen, Familien und sozial engagierte Menschen. Eine Volkspartei müsse in diesen Gruppen Resonanz finden und als politische Kraft wahrgenommen werden, die ihre Probleme aufnehmen und lösen könne. Nach seiner eigenen Einschätzung gelingt das der CDU derzeit nicht mehr vollständig.

Was ist überhaupt eine Volkspartei?

Genau an diesem Punkt wird die Diskussion kompliziert.

Denn „Volkspartei“ ist kein rechtlich festgelegter Status. Es gibt keine Wahlbehörde und kein bestimmtes Wahlergebnis, ab dem eine Partei dieses Etikett führen darf.

Der Politikwissenschaftler Aiko Wagner von der Freien Universität Berlin nennt gegenüber BR24 mehrere Merkmale.

Dazu gehört zunächst eine große programmatische Breite. Eine Volkspartei richtet ihr Angebot nicht ausschließlich an eine bestimmte Berufsgruppe, soziale Schicht oder ein einzelnes politisches Thema.

Hinzu kommt die Größe: hohe Stimmenanteile und eine starke Präsenz in Parlamenten spielen eine Rolle.

Doch Stimmen allein reichen nach Wagners Darstellung nicht aus.

Auch Dauerhaftigkeit, Regierungserfahrung, gesellschaftliche Verwurzelung, Mitgliederstrukturen und die Fähigkeit, unterschiedliche gesellschaftliche Interessen innerhalb einer Partei zusammenzuführen, gehören zu den klassischen Merkmalen einer Volkspartei.

Gerade diese Definition zeigt, warum die Frage nach dem Ende der CDU als Volkspartei nicht allein anhand einer einzelnen Landtagswahl beantwortet werden kann.

Kann eine Partei nur „in Teilen“ Volkspartei sein?

Wagner interpretiert die Formulierung von Merz vor allem geografisch.

Die CDU könne demnach in bestimmten Regionen Deutschlands weiterhin die Kriterien einer Volkspartei erfüllen, während dies in anderen Regionen nicht mehr der Fall sei.

Mecklenburg-Vorpommern liefert dafür ein besonders drastisches Beispiel.

Eine Partei, die nicht einmal mehr im Landesparlament vertreten ist, erfüllt dort jedenfalls das klassische Größenkriterium einer Volkspartei nicht mehr. Die CDU stürzte bei der Wahl von 13,3 auf 4,9 Prozent ab und verlor sämtliche zwölf bisherigen Landtagssitze.

Andere klassische Merkmale einer Volkspartei sieht Wagner bei der Union hingegen weiterhin als erfüllt an.

Damit entsteht ein ungewöhnliches Bild: Eine Partei kann bundesweit tief in gesellschaftlichen und politischen Strukturen verankert sein und gleichzeitig in einzelnen Regionen massiv an Bedeutung verlieren.

Und ist die AfD inzwischen eine Volkspartei?

Nach dem Wahlerfolg in Mecklenburg-Vorpommern beansprucht die AfD diese Bezeichnung für sich.

AfD-Co-Chefin Alice Weidel erklärte nach der Wahl, ihre Partei habe die CDU als Volkspartei abgelöst. Das ist zunächst eine politische Selbsteinordnung der AfD.

Politikwissenschaftler Wagner differenziert.

Das Größenkriterium erfülle die AfD inzwischen stärker, und die Partei habe Zugang zu immer mehr gesellschaftlichen Bereichen gefunden. Andere klassische Merkmale sieht er dagegen noch nicht im gleichen Umfang.

Nach seiner Einschätzung fehlen unter anderem eine vergleichbar langfristig stabile Mitgliederbasis und dauerhaft etablierte gesellschaftliche Vorfeldstrukturen, wie sie traditionelle Volksparteien über Jahrzehnte aufgebaut haben.

Auch bei der programmatischen gesellschaftlichen Breite sieht Wagner Unterschiede. Er bezeichnet die AfD als stark profilierte Rechtsaußenpartei und argumentiert, dass sie programmatisch nicht in vergleichbarer Weise weit in die politische Mitte hineinreiche. Zudem sei ihre Phase großer Wahlerfolge im Vergleich zur Geschichte klassischer Volksparteien noch relativ jung.

Ob die Bezeichnung „Volkspartei“ auf die AfD zutrifft, hängt damit ebenfalls davon ab, welche Kriterien man zugrunde legt. Die bloße Selbstbezeichnung einer Partei beantwortet diese politikwissenschaftliche Frage nicht.

Das eigentliche Problem reicht weit über die CDU hinaus

Vielleicht ist deshalb eine andere Frage interessanter: Kann es die klassische Volkspartei des 20. Jahrhunderts in ihrer früheren Form überhaupt noch geben?

Über Jahrzehnte konnten CDU/CSU und SPD große gesellschaftliche Milieus an sich binden.

Eine Volkspartei musste dabei zwangsläufig sehr unterschiedliche Interessen unter einem gemeinsamen politischen Dach zusammenbringen.

Genau das wird nach Einschätzung Wagners schwieriger.

Moderne Gesellschaften seien heterogener, pluralistischer und individualisierter. Gleichzeitig veränderten sich soziale Lebenswelten und damit auch politische Präferenzen stärker.

Das traditionelle „große Zelt“, unter dem sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen dauerhaft dieselbe Partei wählen, lässt sich dadurch schwerer aufrechterhalten.

Eine einzelne Niederlage entscheidet die Frage nicht

Der Absturz der CDU in Mecklenburg-Vorpommern ist deshalb ein wichtiges Signal, aber für sich genommen kein wissenschaftlicher Beweis für das Ende der CDU als Volkspartei.

Dafür müsste man mehrere Ebenen betrachten: Wahlergebnisse über längere Zeiträume, regionale Unterschiede, Mitgliederentwicklung, gesellschaftliche Verankerung, programmatische Breite und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen dauerhaft innerhalb einer Partei zusammenzuführen.

Genau deshalb ist auch die Aussage von Merz bemerkenswert.

Der CDU-Vorsitzende erklärt seine Partei nicht für gescheitert und gibt den Anspruch einer Volkspartei ausdrücklich nicht auf. Er räumt vielmehr ein, dass die CDU diesen Anspruch gegenwärtig nicht überall erfüllt und ihn wieder stärker erreichen will.

Damit beschreibt Merz letztlich ein Spannungsfeld, in dem nicht nur die CDU steht.

Die entscheidende Frage lautet möglicherweise weniger, ob die CDU irgendwann offiziell „keine Volkspartei mehr“ ist. Entscheidend ist, ob Parteien in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft überhaupt noch dauerhaft so viele unterschiedliche Gruppen an sich binden können, wie es CDU/CSU und SPD über Jahrzehnte gelungen ist.

Das Ergebnis aus Mecklenburg-Vorpommern liefert dafür ein besonders deutliches Beispiel. Eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Ende der Volksparteien liefert eine einzelne Wahl jedoch nicht.

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