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Späte Erkenntnis: ADHS wird bei Erwachsenen immer häufiger diagnostiziert

chenspec (CC0), Pixabay

Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen nimmt seit Jahren deutlich zu. Immer mehr Menschen erhalten die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) erst im Erwachsenenalter – eine Entwicklung, die mit einem lange vorherrschenden Bild bricht, nach dem ADHS vor allem eine Erkrankung von Kindern und Jugendlichen sei. Aktuelle Auswertungen, die im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurden, machen das Ausmaß dieses Trends deutlich.

Demnach lag die Zahl der Erstdiagnosen im vergangenen Jahr bei 25,7 pro 10.000 Einwohner. Vor etwa zehn Jahren betrug dieser Wert lediglich 8,6 pro 10.000 Einwohner. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Diagnoserate damit nahezu verdreifacht. Besonders auffällig ist, dass der stärkste Anstieg nicht bei jungen Erwachsenen, sondern auch bei Menschen mittleren Alters zu beobachten ist.

Als eine zentrale Ursache für diese Entwicklung gilt ein deutlich gestiegenes gesellschaftliches und medizinisches Bewusstsein für ADHS. Symptome wie anhaltende Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, emotionale Überforderung, Impulsivität oder Schwierigkeiten bei Organisation und Zeitmanagement werden heute häufiger als mögliche Anzeichen einer neurobiologischen Störung erkannt. Während solche Auffälligkeiten bei Erwachsenen früher oft als Persönlichkeitsmerkmale, Stressfolgen oder mangelnde Disziplin eingeordnet wurden, erfolgt inzwischen deutlich häufiger eine differenzierte diagnostische Abklärung.

Hinzu kommt, dass sich das Verständnis von ADHS in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat. Fachleute betonen zunehmend, dass die Störung nicht zwangsläufig mit ausgeprägter Hyperaktivität einhergehen muss. Gerade bei Erwachsenen – und insbesondere bei Frauen – äußert sich ADHS oft eher durch innere Unruhe, Gedankensprünge, Erschöpfung und emotionale Dysregulation. Diese Formen wurden lange Zeit übersehen oder falsch diagnostiziert, etwa als Depression, Angststörung oder Burn-out.

Auch die psychischen Belastungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie könnten den Anstieg der Diagnosen begünstigt haben. Lockdowns, soziale Isolation, Homeoffice, der Wegfall fester Tagesstrukturen sowie anhaltender Leistungsdruck haben bei vielen Menschen psychische Probleme verstärkt oder erstmals sichtbar gemacht. In dieser Ausnahmesituation traten Defizite in Aufmerksamkeit, Selbstorganisation und Stressregulation deutlicher zutage – Bereiche, die bei Menschen mit ADHS ohnehin besonders anfällig sind.

Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass der Anstieg der Diagnosen nicht automatisch bedeutet, dass ADHS heute tatsächlich häufiger vorkommt als früher. Vielmehr sprechen die Daten dafür, dass die Störung heute besser erkannt, ernst genommen und diagnostiziert wird. Gleichzeitig sind die Hürden, sich psychologische oder psychiatrische Hilfe zu suchen, gesunken, während Informationsangebote und Selbsttests im Internet viele Betroffene erstmals auf das Thema aufmerksam machen.

Für viele Erwachsene hat eine späte ADHS-Diagnose eine große persönliche Bedeutung. Sie liefert eine Erklärung für jahrelange Schwierigkeiten im Berufsleben, in Beziehungen oder im Alltag – etwa häufige Überforderung, wiederkehrende Misserfolge oder das Gefühl, trotz großer Anstrengung hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Zugleich eröffnet die Diagnose neue Wege der Unterstützung, sei es durch gezielte Therapie, Coaching, medikamentöse Behandlung oder einfach durch ein besseres Verständnis der eigenen Stärken und Grenzen.

Insgesamt zeigt der starke Anstieg der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen weniger eine „Modekrankheit“ als vielmehr einen Wandel im gesellschaftlichen und medizinischen Umgang mit psychischer Gesundheit. Was lange unbeachtet blieb, wird heute benannt – und kann dadurch endlich behandelt werden.

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