Während die Bundesregierung die geplante Aktiv-Rente als großen Schritt in Richtung einer flexibleren und gerechteren Altersvorsorge feiert, wächst der Widerstand in einer Berufsgruppe, die oft vergessen wird: den Selbstständigen und Freiberuflern.
Sie fordern mit Nachdruck, endlich gleichberechtigt in das neue Rentenkonzept einbezogen zu werden – und werfen der Regierung vor, sie bewusst außen vor zu lassen.
🧓 Was die Aktiv-Rente bringen soll
Mit der Aktiv-Rente möchte die Bundesregierung die Arbeit im Alter attraktiver und lohnender machen. Wer nach dem regulären Renteneintrittsalter weiterarbeitet, soll künftig steuerlich entlastet werden. Ziel ist es, den Fachkräftemangel zu mildern und älteren Menschen mehr Anreize zu geben, ihre Erfahrung weiter einzubringen.
Nach aktuellem Stand profitieren von der Reform aber vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis stehen. Sie können ihre Einkünfte besser mit der gesetzlichen Rente kombinieren und sollen von Steuererleichterungen profitieren.
Doch für viele Selbstständige, Gründerinnen und Freiberufler gilt das nicht – selbst dann nicht, wenn sie freiwillig oder pflichtweise in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Genau das sorgt für Empörung.
⚖️ „Wir werden einfach ausgeschlossen“ – Kritik von Selbstständigenvertretern
Andreas Lutz, Vorsitzender des Bundesverbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland (DGSV), kritisiert diese Ungleichbehandlung scharf. Im MDR sagte er:
„Viele Selbstständige zahlen schon heute Beiträge in die Rentenversicherung ein – und trotzdem sollen sie von der Aktiv-Rente ausgeschlossen bleiben. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch ein Schlag ins Gesicht für alle, die Verantwortung übernehmen und mit ihrer Arbeit zur wirtschaftlichen Stabilität beitragen.“
Lutz betont, dass Selbstständige ohnehin höhere Risiken tragen: keine Arbeitgeberzuschüsse, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine automatische Absicherung. Viele von ihnen investieren privat in die Altersvorsorge und zahlen oft überdurchschnittlich hohe Beträge. „Und nun werden sie auch noch von möglichen Steuervorteilen ausgeschlossen – das widerspricht jedem Gedanken von Gleichbehandlung“, sagt er.
💬 Unterstützung aus der Wirtschaft: „Das ist schlichtweg nicht gerechtfertigt“
Rückendeckung bekommt Lutz von Thomas Maas, Geschäftsführer der Plattform freelancermap, die sich für die Interessen von Freiberuflern und Digital-Selbstständigen starkmacht.
Maas hält die aktuelle Regelung für „wirtschaftlich kurzsichtig und gesellschaftlich gefährlich“:
„Die Aktiv-Rente soll älteren Menschen helfen, aktiv zu bleiben. Doch ausgerechnet die Gruppe, die oft bis ins hohe Alter arbeitet – die Selbstständigen – wird ausgeschlossen. Da wird eine Reform gefeiert, die Aktivität fördern soll, aber einen großen Teil der Aktiven vergisst. Das ist schlichtweg nicht gerechtfertigt.“
Laut Maas tragen Selbstständige erheblich zur Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bei. Gerade in Branchen wie IT, Handwerk, Beratung und Kreativwirtschaft sind erfahrene Freiberufler unverzichtbar. „Wenn die Politik sie aus dem System drängt oder benachteiligt, schwächt sie langfristig die wirtschaftliche Basis des Landes“, warnt er.
📊 Hintergrund: Selbstständige und das deutsche Rentensystem
In Deutschland gibt es rund vier Millionen Selbstständige, von denen ein großer Teil nicht automatisch in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt. Einige Berufsgruppen – wie Handwerker oder Künstler – sind jedoch pflichtversichert.
Viele Selbstständige sorgen privat vor, durch Fonds, Lebensversicherungen oder Immobilien. Doch der Zugang zu staatlich geförderten Vorsorgemodellen ist oft erschwert, und steuerliche Anreize bleiben gering.
„Selbstständige zahlen ihre Beiträge komplett selbst – ohne Arbeitgeberanteil. Und trotzdem werden sie oft behandelt, als stünden sie außerhalb des Systems“, so Lutz. Die geplante Aktiv-Rente verstärke diesen Eindruck noch.
Dabei könnten laut DGSV gerade erfahrene Selbstständige einen wichtigen Beitrag zur Entlastung des Arbeitsmarkts leisten, wenn sie länger tätig bleiben und ihr Wissen weitergeben – vorausgesetzt, sie werden nicht benachteiligt.
🏛️ Forderungen an die Politik
Die Interessenverbände fordern daher eine umfassende Öffnung der Aktiv-Rente für Selbstständige. Sie verlangen:
-
Gleichbehandlung bei steuerlichen Vorteilen, unabhängig vom Erwerbsstatus
-
Anrechnung freiwilliger Rentenversicherungsbeiträge, damit auch diese Gruppe von Zuschüssen profitieren kann
-
Flexiblere Übergänge zwischen Erwerbstätigkeit und Ruhestand – etwa durch Teilrentenmodelle oder reduzierte Beitragspflichten
„Es geht nicht um Sonderrechte“, betont Lutz. „Es geht um Gerechtigkeit. Wer ins System einzahlt, muss auch dieselben Rechte haben – egal ob angestellt oder selbstständig.“
🚀 Eine Reformchance mit Signalwirkung
Die Diskussion über die Aktiv-Rente könnte weitreichende Folgen haben. Denn sie berührt ein grundsätzliches Problem des deutschen Sozialstaats: die ungleiche Behandlung von Erwerbsformen.
Während Politik und Wirtschaft verstärkt auf Selbstständigkeit, Innovation und Flexibilität setzen, scheint das Sozialrecht noch immer auf das klassische Angestelltenmodell ausgerichtet zu sein.
„Wenn die Regierung es ernst meint mit moderner Altersvorsorge und Fachkräftesicherung, muss sie alle Erwerbstätigen einbeziehen“, fordert Maas. „Sonst bleibt die Aktiv-Rente ein Stückwerk – gut gemeint, aber ungerecht umgesetzt.“
🧭 Fazit
Die Aktiv-Rente soll Menschen motivieren, länger aktiv zu bleiben – doch sie droht, genau jene auszuschließen, die ohnehin am längsten arbeiten.
Gründer, Freiberufler und Selbstständige sehen sich erneut an den Rand gedrängt und fordern Gleichbehandlung.
Ob die Politik ihren Forderungen nachkommt, ist offen. Doch der Druck wächst: Immer mehr Verbände, Initiativen und Wirtschaftsvertreter schließen sich der Bewegung an. Ihr Ziel: Eine wirklich inklusive Altersvorsorge, die die Lebensrealität des 21. Jahrhunderts abbildet – und niemanden zurücklässt.