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Nach Jahrzehnten der offenen Fragen: Kühne+Nagel will seine Rolle im Nationalsozialismus untersuchen lassen
Staatsanwaltschaft Hannover

Nach Jahrzehnten der offenen Fragen: Kühne+Nagel will seine Rolle im Nationalsozialismus untersuchen lassen

bluebudgie (CC0), Pixabay

Der Logistikkonzern Kühne+Nagel steht vor einer historischen Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit. Der Verwaltungsrat will sich mit der Rolle des Unternehmens während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen. Nach übereinstimmenden Medienberichten bestätigte ein Unternehmenssprecher, dass sich das Gremium mit dem Thema befassen werde. Dem Vernehmen nach soll eine unabhängige Untersuchung in den kommenden Monaten auf den Weg gebracht werden. Einen konkreten Zeitplan gibt es bislang allerdings nicht.

Damit könnte bei einem der weltweit bekannten Logistikunternehmen eine Aufarbeitung beginnen, die über viele Jahre hinweg nicht in dieser Form erfolgt ist.

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Ankündigung auch deshalb, weil der im August 2026 im Alter von 89 Jahren verstorbene langjährige Mehrheitsaktionär Klaus-Michael Kühne einer solchen Aufarbeitung zu Lebzeiten ablehnend gegenüberstand. Sein Tod am 24. August 2026 wurde von der Kühne Holding offiziell bekannt gegeben.

Die Geschichte des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1890 zurück. Kühne+Nagel wurde in Bremen gegründet und verlegte seinen Firmensitz Ende der 1960er-Jahre in die Schweiz. Die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft gehören dabei zu den besonders belasteten Kapiteln der Unternehmensgeschichte.

Kühne+Nagel hatte in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass die eigenen Firmenarchive durch die Zerstörung der Bürohäuser in Bremen und Hamburg während des Zweiten Weltkriegs weitgehend verloren gegangen seien. Gleichzeitig hatte das Unternehmen bereits eingeräumt, während der NS-Zeit in Transporte beschlagnahmter Güter von Verfolgten involviert gewesen zu sein. In einer Stellungnahme aus dem Jahr 2015 erklärte der Konzern zudem, während des Krieges teilweise im Auftrag des NS-Regimes tätig gewesen zu sein.

Historische Forschungen gehen darüber hinaus.

Besonders im Mittelpunkt steht die sogenannte „M-Aktion“. Dabei wurden während des Zweiten Weltkriegs Wohnungen von geflohenen oder deportierten Jüdinnen und Juden in den von Deutschland besetzten westeuropäischen Gebieten systematisch ausgeräumt. Möbel, Hausrat und andere Gegenstände wurden anschließend in das Deutsche Reich transportiert.

Historiker haben Kühne+Nagel eine bedeutende Rolle bei diesen Transporten zugeschrieben. Nach Recherchen, über die unter anderem der Deutschlandfunk und die Tagesschau berichteten, war das Unternehmen an der logistischen Abwicklung der Transporte von geraubtem Eigentum beteiligt. Die historischen Forschungen sprechen von Zehntausenden betroffenen Wohnungen in den besetzten Gebieten.

Der NDR berichtet unter Berufung auf historische Recherchen, dass Kühne+Nagel ab 1942 in großem Umfang Eigentum jüdischer Menschen aus den besetzten Niederlanden, Frankreich, Luxemburg und Belgien nach Deutschland transportierte. Insgesamt wurden im Rahmen der „M-Aktion“ Gegenstände aus rund 70.000 Wohnungen beschlagnahmt.

Ein weiteres sensibles Kapitel betrifft den früheren jüdischen Mitgesellschafter Adolf Maass.

Maass war seit 1910 am Unternehmen beteiligt und baute die Hamburger Niederlassung auf. Er verließ Kühne+Nagel 1933. Über die genauen Umstände seines Ausscheidens gibt es unterschiedliche beziehungsweise nicht abschließend geklärte Darstellungen. Sicher dokumentiert ist, dass Maass später deportiert und in Auschwitz ermordet wurde.

Gerade solche offenen oder historisch umstrittenen Punkte könnten Gegenstand einer unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung werden.

Bislang ist allerdings noch nicht öffentlich bekannt, wer die Untersuchung durchführen soll, welchen Zugang die beauftragten Historiker zu Unternehmensunterlagen erhalten werden und welchen konkreten Zeitraum beziehungsweise welche Geschäftsvorgänge die Untersuchung umfassen wird. Auch ein Veröffentlichungstermin für mögliche Ergebnisse wurde bislang nicht genannt.

Das dürfte entscheidend dafür sein, welche neuen Erkenntnisse eine solche Untersuchung tatsächlich liefern kann. Dass nach Angaben des Unternehmens große Teile des eigenen historischen Archivs im Krieg verloren gingen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Rekonstruktion der Unternehmensgeschichte unmöglich ist. Historische Forschung kann beispielsweise auch staatliche Archive, Unterlagen ehemaliger Geschäftspartner, Transportdokumente sowie Quellen aus den während des Krieges besetzten Ländern auswerten.

Die angekündigte Untersuchung könnte deshalb erstmals die Möglichkeit eröffnen, bereits bekannte Forschungsergebnisse zusammenzuführen und bislang offene Fragen systematisch untersuchen zu lassen.

Dabei geht es nicht nur um die allgemeine Feststellung, dass Kühne+Nagel Teil der deutschen Kriegswirtschaft war. Von besonderem historischen Interesse ist vielmehr, welche konkreten Aufträge das Unternehmen ausführte, welche wirtschaftlichen Vorteile daraus entstanden, welche Verantwortung die damalige Unternehmensführung trug und welche Rolle Kühne+Nagel bei der Verwertung beziehungsweise dem Transport geraubten Eigentums spielte.

Ebenso dürfte die Geschichte Adolf Maass‘ eine wichtige Rolle spielen. Wann und unter welchen konkreten Umständen der jüdische Mitgesellschafter seine Beteiligung verlor beziehungsweise aus dem Unternehmen ausschied, gehört zu den Fragen, bei denen eine quellenbasierte historische Untersuchung zusätzliche Klarheit schaffen könnte.

Die Ankündigung des Verwaltungsrats ist deshalb zunächst vor allem eines: der Beginn eines Prozesses.

Ob daraus eine umfassende Aufarbeitung entsteht, wird davon abhängen, wie unabhängig die Untersuchung tatsächlich ausgestaltet wird, welche Quellen einbezogen werden und ob ihre Ergebnisse vollständig veröffentlicht werden.

Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus könnten damit Fragen wissenschaftlich untersucht werden, die die Geschichte eines der bekanntesten europäischen Logistikunternehmen bis heute begleiten.

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