Love Scamming ist längst nicht auf Datingplattformen beschränkt.
Betrüger können grundsätzlich überall dort versuchen, Beziehungen zu potenziellen Opfern aufzubauen, wo Menschen miteinander kommunizieren. Ein berufliches Netzwerk bietet dafür eine besondere Ausgangssituation.
Denn wer auf XING eine Kontaktanfrage erhält, denkt zunächst eher an einen Recruiter, potenziellen Geschäftspartner oder Branchenkontakt als an einen möglichen Liebesbetrüger.
Genau dieser Vertrauensvorschuss kann ausgenutzt werden.
Erst geht es um den Beruf
Der Anfang kann völlig unspektakulär wirken.
Ein vermeintlicher Unternehmer interessiert sich für die berufliche Tätigkeit seines Gegenübers. Eine angebliche Führungskraft lobt einen Beitrag. Ein neuer Kontakt behauptet, in derselben Branche zu arbeiten oder geschäftliche Gemeinsamkeiten entdeckt zu haben.
Solche Nachrichten passen zum Zweck eines Karrierenetzwerks.
Deshalb kann die erste Kontaktaufnahme weniger verdächtig wirken als die Nachricht eines unbekannten Verehrers über Facebook, Instagram oder eine Dating-App.
Erst allmählich verändert sich das Gespräch.
Aus einer Frage zum Beruf wird eine Frage zum Wochenende. Danach geht es vielleicht um Familie, frühere Beziehungen oder persönliche Wünsche.
Der Übergang kann so langsam erfolgen, dass das Opfer ihn kaum wahrnimmt.
Professionelles Profil kann Vertrauen schaffen
Hinzu kommt die Gestaltung beruflicher Profile.
Dort können Arbeitgeber, Positionen, Ausbildung, frühere Tätigkeiten und weitere Karriereinformationen aufgeführt sein.
Ein umfangreiches Profil mit Foto, beruflicher Biografie und zahlreichen Kontakten kann deshalb zunächst seriös wirken.
Doch ein professioneller Auftritt ist kein Identitätsnachweis.
Angaben können erfunden, Bilder übernommen und berufliche Lebensläufe konstruiert werden. Ebenso können Informationen real existierender Personen missbraucht werden.
Ein überzeugendes Profil allein beweist deshalb nicht, dass die Person dahinter tatsächlich diejenige ist, für die sie sich ausgibt.
Der Wechsel zu WhatsApp oder Telegram
Ein wichtiger Moment kann erreicht sein, wenn der neue Kontakt die Kommunikation von der ursprünglichen Plattform wegverlagern möchte.
Dann heißt es beispielsweise, XING sei für private Gespräche zu umständlich. Man könne doch über WhatsApp oder Telegram weiterschreiben.
Ein solcher Wechsel ist für sich genommen selbstverständlich kein Beweis für einen Betrugsversuch.
Im Zusammenspiel mit weiteren Auffälligkeiten kann er jedoch relevant werden.
Auf einem Messenger lässt sich die Kommunikation stärker vom ursprünglichen beruflichen Profil lösen. Gleichzeitig kann der Austausch intensiver und persönlicher werden.
Aus Sympathie wird sehr schnell Nähe
Beim klassischen Love oder Romance Scamming versuchen Täter, eine emotionale Bindung aufzubauen.
Dabei kann eine Beziehung entstehen, die ausschließlich digital existiert.
Der Kontakt schreibt regelmäßig, interessiert sich scheinbar intensiv für den Alltag des Opfers und vermittelt das Gefühl einer außergewöhnlichen persönlichen Verbindung.
Liebeserklärungen können vergleichsweise früh folgen.
Genau diese emotionale Bindung ist für die spätere Betrugsphase entscheidend.
Denn die Geldforderung soll nicht mehr von einem unbekannten Internetkontakt kommen, sondern von einer Person, der das Opfer inzwischen vertraut.
Dann kommt plötzlich das Geld ins Spiel
Die Geschichten können unterschiedlich sein.
Ein vermeintlicher Geschäftsmann steckt angeblich vorübergehend in finanziellen Schwierigkeiten. Eine Überweisung sei blockiert. Eine wichtige Geschäftsreise müsse bezahlt werden. Ein Familienmitglied benötige dringend medizinische Hilfe.
In anderen Fällen wird die romantische Beziehung mit einem angeblichen Investment verbunden.
Der neue Partner berichtet dann beispielsweise von außergewöhnlichen Erfolgen mit Kryptowährungen oder anderen Geldanlagen und bietet an, dem Opfer ebenfalls beim Investieren zu helfen.
Spätestens wenn eine zunächst persönliche oder berufliche Bekanntschaft unerwartet mit Geldforderungen oder Investitionsempfehlungen verbunden wird, ist besondere Vorsicht angebracht.
Anlagebetrug und Love Scamming können ineinandergreifen
Diese Kombination kann besonders gefährlich sein.
Das Opfer vertraut der empfohlenen Geldanlage nicht deshalb, weil es das Finanzprodukt gründlich geprüft hat, sondern weil es der Person vertraut, die es empfiehlt.
Die emotionale Beziehung wird damit zum Instrument für eine finanzielle Entscheidung.
Ein angeblicher Partner kann beispielsweise von hohen Gewinnen berichten und das Opfer auf eine Handelsplattform verweisen.
Dort können zunächst vermeintliche Gewinne angezeigt werden. Das allein beweist jedoch nicht, dass tatsächlich entsprechende Vermögenswerte vorhanden sind oder echte Geschäfte stattfinden.
Problematisch wird es spätestens, wenn für Auszahlungen plötzlich zusätzliche Steuern, Gebühren oder Sicherheitsleistungen verlangt werden.
Kleine Zahlungen können der Anfang sein
Nicht immer beginnt der finanzielle Teil mit einer großen Forderung.
Ein Betrüger kann zunächst um einen überschaubaren Betrag bitten.
Wird dieser gezahlt, folgen möglicherweise weitere Forderungen.
Psychologisch entsteht dabei ein zusätzliches Problem: Wer bereits Geld überwiesen hat, möchte häufig glauben, dass die bisherige Geschichte stimmt und das Geld zurückkommt.
Weitere Zahlungen erscheinen dann möglicherweise als Möglichkeit, die vorherigen Beträge zu retten.
Genau dadurch können sich die Verluste erheblich vergrößern.
Warnsignal: Persönliches Treffen scheitert immer wieder
Auch ständig verschobene Treffen können auffällig sein.
Der angebliche Partner lebt im Ausland, befindet sich auf Geschäftsreise oder wird kurz vor einem geplanten Treffen angeblich durch einen Notfall aufgehalten.
Für jede Absage gibt es eine plausible klingende Erklärung.
Ein einzelnes abgesagtes Treffen beweist selbstverständlich keinen Betrug.
Wenn jedoch über längere Zeit eine intensive romantische Beziehung behauptet wird, reale Treffen systematisch ausbleiben und gleichzeitig Geld verlangt wird, sollten Betroffene die Identität des Gegenübers besonders kritisch überprüfen.
Videotelefonate sind kein absoluter Beweis mehr
Auch ein kurzer Videoanruf sollte heute nicht als hundertprozentiger Identitätsnachweis verstanden werden.
Manipulierte Bilder, gestohlene Videos und KI-Technologien erweitern die Möglichkeiten digitaler Täuschung.
Entscheidend ist deshalb das Gesamtbild.
Stimmen berufliche Angaben? Existiert die behauptete Person tatsächlich? Lassen sich Arbeitgeber und Position unabhängig überprüfen? Passt die Kontaktgeschichte zu öffentlich verfügbaren Informationen?
Vor allem sollte die Überprüfung nicht ausschließlich über Links und Dokumente erfolgen, die der neue Kontakt selbst zur Verfügung stellt.
Wenn Geld verlangt wird, sollte die Romantik keine Rolle spielen
Die wichtigste Grenze ist erreicht, sobald Geld ins Spiel kommt.
Wer eine Person ausschließlich oder überwiegend über das Internet kennt, sollte außergewöhnliche Geldforderungen nicht aufgrund einer emotionalen Beziehung erfüllen.
Das gilt insbesondere bei Überweisungen ins Ausland, Kryptowährungen, angeblichen Investitionen oder Forderungen, bei denen erheblicher Zeitdruck aufgebaut wird.
Auch die Bitte, Geld für eine andere Person entgegenzunehmen und weiterzuleiten, kann problematisch sein.
Im Zweifel sollte zunächst unabhängig geprüft werden, wer hinter der Forderung steht.
Was Betroffene nach einer Überweisung tun können
Wer bereits Geld überwiesen hat und anschließend einen Betrug vermutet, sollte nicht aus Scham abwarten.
Bei einer klassischen Banküberweisung kann die eigene Bank möglichst schnell kontaktiert werden. Ob sich eine Zahlung noch stoppen oder zurückholen lässt, hängt vom konkreten Fall und Zeitpunkt ab.
Beweismittel sollten gesichert werden.
Dazu gehören Nachrichtenverläufe, Profilinformationen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Zahlungsdaten, Kontoverbindungen, Screenshots und gegebenenfalls Informationen zu Kryptowährungsadressen oder Handelsplattformen.
Ein verdächtiges Profil kann außerdem dem jeweiligen Netzwerk gemeldet werden.
Bei einem konkreten Betrugsverdacht kommt auch eine Strafanzeige in Betracht.
Vorsicht vor der zweiten Betrugswelle
Nach einem finanziellen Verlust kann noch eine weitere Gefahr entstehen.
Betroffene können später von angeblichen Ermittlern, Anwälten, Finanzexperten oder spezialisierten Rückholunternehmen kontaktiert werden.
Diese behaupten möglicherweise, das verlorene Geld bereits gefunden zu haben und gegen eine Vorauszahlung zurückholen zu können.
Auch dabei kann es sich um einen weiteren Betrugsversuch handeln.
Wer bereits Opfer geworden ist, sollte deshalb besonders vorsichtig sein, wenn unbekannte Personen plötzlich versprechen, verlorenes Geld gegen Gebühren, Steuern oder Vorauszahlungen zurückzubringen.
Nicht jeder Flirt auf XING ist verdächtig
Bei aller Vorsicht darf die Warnung nicht überzogen werden.
Natürlich kann aus einem beruflichen Kontakt auch tatsächlich eine private Freundschaft oder Beziehung entstehen.
Auch der Wechsel zu einem Messenger ist im normalen Alltag nichts Ungewöhnliches.
Entscheidend ist vielmehr die Kombination mehrerer Auffälligkeiten: eine schwer überprüfbare Identität, sehr schneller Aufbau emotionaler Nähe, immer wieder verhinderte persönliche Treffen und schließlich Geldforderungen oder angeblich außergewöhnliche Investmentmöglichkeiten.
Vom Geschäftskontakt zum finanziellen Risiko
Das Besondere am Love Scamming über berufliche Netzwerke liegt damit weniger in einer völlig neuen Betrugsmethode als in ihrem Ausgangspunkt.
Das Vertrauen entsteht nicht zunächst durch romantisches Interesse, sondern durch vermeintliche berufliche Seriosität.