Es begann mit einem erschütternden Geständnis zwischen zwei ehemaligen Mitschülern – und entwickelte sich zu einem jahrelangen Kampf um Aufklärung, der Zia und Yusron schließlich auch als Paar zusammenbrachte. Heute sind die beiden verheiratet. Doch der Mann, gegen den mehrere ehemalige Schülerinnen schwere Vorwürfe erheben, ist nach Angaben der BBC weiterhin im Amt.
Yusron Azzahidi erinnert sich noch genau an den Moment, als er die Stimme am anderen Ende des Telefons hörte. Seine Schwester hatte ihm dringend geschrieben und ihn gebeten anzurufen. Doch als er die Nummer wählte, meldete sich nicht seine Schwester.
Am Telefon war sein ehemaliger Schulleiter Ahmad Imanuddin Sumar, von seinen Schülern „Abah“, also „Vater“, genannt.
Yusron wusste sofort, worum es ging.
Abah war ein angesehener Leiter eines islamischen Internats auf der indonesischen Insel Lombok. Doch Yusron und mehrere ehemalige Mitschülerinnen hatten begonnen, Aussagen von Schülerinnen zusammenzutragen, die dem Schulleiter sexuelle Übergriffe vorwarfen.
Nun wollte Abah offenbar verhindern, dass diese Vorwürfe öffentlich wurden.
Was er nicht wusste: Yusron zeichnete das Gespräch auf.
„Bewahre die Schande deines Lehrers“
In der Aufnahme ist laut BBC zu hören, wie der Schulleiter Yusron eindringlich bittet, zu schweigen.
Sinngemäß fordert er ihn auf, die Schande seines Lehrers zu bedecken und verweist darauf, dass jeder Mensch Fehler mache.
Sexueller Missbrauch an islamischen Internaten gilt in Indonesien als gravierendes Problem. Die Nationale Kommission gegen Gewalt an Frauen bezeichnete die Situation laut BBC sogar als nationalen Notstand. Rechtsexperten berichten, dass viele Fälle nie vor Gericht gelangen, weil Betroffene unter Druck gesetzt würden, ihre Vorwürfe zurückzunehmen oder zu schweigen.
Zia erzählt ihrem Freund, was ihr passiert sein soll
Begonnen hatte Yusrons Suche nach der Wahrheit etwa ein Jahr zuvor.
Er und seine frühere Mitschülerin Ziadatur Rahmah, genannt Zia, hatten beide zu den besten Schülern des Internats Abu Barokat auf Lombok gehört. Inzwischen studierten sie weit voneinander entfernt – Yusron in Jakarta, Zia in Kairo.
Bei einem ihrer Telefongespräche über die gemeinsame Schulzeit erzählte Zia ihm schließlich von einem Erlebnis, das sie jahrelang belastet hatte.
Sie berichtete, Abah habe sie sexuell angegriffen, als sie 16 Jahre alt gewesen sei.
Nach ihrer Schilderung wollte sie während des Unterrichts zur Toilette gehen, als der Schulleiter sie im Schulgarten ansprach und bat, ihn in sein auf dem Schulgelände gelegenes Haus zu begleiten.
Dort habe er ihr gesagt, dass er sie liebe.
Anschließend habe er sie auf seinen Schoß gezogen, geküsst und ihren Körper berührt. Zia berichtete später auch dem BBC World Service über den Vorfall.
Erst als eines der Kinder des Schulleiters an die verschlossene Haustür klopfte, habe sie entkommen können.
Die Folgen seien für sie verheerend gewesen.
Sie habe sich danach „sehr schmutzig, ruiniert und verloren“ gefühlt.
Die ehemaligen Schüler beginnen zu ermitteln
Yusron wusste zunächst nicht, wie er mit Zias Geschichte umgehen sollte. Die Schule hatte ihren Schülern ein Prinzip vermittelt, das sinngemäß bedeutete: „Wir hören und wir gehorchen.“
Doch Zias Schilderungen ließen ihn nicht mehr los.
Gemeinsam mit Zia und den ehemaligen Mitschülerinnen Wanda Hamidah und Mahima Eka begann er deshalb, weitere Aussagen und mögliche Belege zu sammeln.
Nach und nach meldeten sich weitere ehemalige Schülerinnen.
Eine besonders schwerwiegende Aussage kam von Sukma Rohana, die damals noch die Schule besuchte.
Eine Mitschülerin erinnerte sich daran, Sukma eines Nachts weinend in einer Schultoilette gesehen zu haben. Kurz darauf sei Abah auf der Suche nach ihr erschienen – mit gerötetem Gesicht und außer Atem.
Sukma berichtete später der BBC selbst von dem Vorfall.
17-Jährige berichtet von versuchter Vergewaltigung
Sukma war nach eigenen Angaben 17 Jahre alt, als der Schulleiter sie zu Gebeten anlässlich des neuen Jahres eingeladen habe.
Als sie sein Haus betrat, soll er ihr den Mund zugehalten und sie aufgefordert haben, sich hinzulegen. Anschließend habe er sich unterhalb der Taille ausgezogen.
Sukma berichtete, er habe gesagt, er könne sich nicht länger kontrollieren.
Dann habe er sie durch ihre Unterwäsche hindurch angefasst und versucht, sie zu vergewaltigen.
Die Jugendliche habe schließlich die Kraft gefunden, ihm heftig in den Bauch zu treten. Diesen Moment habe sie genutzt, um zu fliehen.
Während sie davonlief, habe sie zurückgeblickt und gesehen, wie der Mann mit einer Taschenlampe nach ihr suchte.
Sieben Seiten voller Vorwürfe
Yusron begann, die verschiedenen Aussagen systematisch zusammenzutragen. Er telefonierte mit den Schülerinnen, dokumentierte ihre Berichte und erstellte schließlich ein sieben Seiten umfassendes Papier.
Darin wurden mutmaßliche Übergriffe gegen Sukma, Zia und vier weitere ehemalige Schülerinnen beschrieben.
Wanda organisierte daraufhin ein Treffen mit Vertretern der Nahdlatul Wathan Diniyah Islamiyah, kurz NWDI – jener einflussreichen Organisation, die die Schule und zahlreiche weitere Einrichtungen betreibt.
Zunächst schien alles gut zu laufen.
Nach Angaben der ehemaligen Schüler signalisierten Vertreter der Organisation Unterstützung und erklärten, man werde ihnen helfen, den Fall zur Polizei zu bringen.
Doch dann änderte sich die Situation.
Plötzlich hatte der Beschuldigte die Unterlagen
Drei Wochen später erhielt Yusron die dringende Nachricht seiner Schwester. Als er zurückrief, befand sich sein ehemaliger Schulleiter im Haus seiner Familie.
Damit wurde nach Darstellung Yusrons klar, dass seine Unterlagen beim Beschuldigten gelandet waren.
Auf der heimlich angefertigten Aufnahme ist laut BBC zu hören, wie Abah darüber spricht, dass er „zerstört“ wäre, falls die Angelegenheit an die Medien gelangen sollte.
Er soll Yusron außerdem aufgefordert haben, seine Aussagen zurückzunehmen, und ihm verschiedene Erklärungen vorgeschlagen haben, mit denen er sein Dokument widerrufen könne.
Auch Zia erhielt einen Anruf.
Sie zeichnete das Gespräch ebenfalls auf.
Nach Darstellung der BBC ist darauf zu hören, wie Abah den Übergriff auf sie einräumt und sie gleichzeitig darum bittet, darüber zu schweigen.
Sukma berichtet von massivem Druck
Auch Sukma schildert, unter erheblichen Druck gesetzt worden zu sein.
Sie sei in das Haus des Schulleiters gerufen worden. Dort hätten zwei Polizisten und ein Anwalt der NWDI auf sie gewartet.
Nach ihrer Darstellung wurde sie gezwungen, ein Dokument zu unterschreiben, in dem sie erklärte, ihre Vorwürfe seien gelogen.
Sukma fertigte später selbst eine geheime Aufnahme eines Gesprächs mit Hurmiati, der Ehefrau des Schulleiters, an.
Darauf ist laut BBC zu hören, wie Hurmiati sie auffordert, sich an die Vereinbarung zu halten, wonach nichts passiert sei. Außerdem habe sie Sukma gefragt, ob die Angelegenheit sie für den Rest ihres Lebens verfolgen und ihre Chancen auf eine Heirat beeinträchtigen solle.
Auch Yusrons Familie geriet nach seinen Angaben unter Druck.
Seine Eltern sollten nach Jakarta fliegen und ihn an seiner Universität suchen. Yusron versteckte sich zu diesem Zeitpunkt in einem Hotel.
Für seine Mutter wurde die Belastung schließlich zu groß. Sie sagte ihrem Sohn, der Stress mache sie krank.
Yusron brach seine Nachforschungen zunächst ab.
Aus Freundschaft wird Liebe
Während all dieser Ereignisse kamen sich Yusron und Zia immer näher.
Aus der Freundschaft entwickelte sich eine Fernbeziehung. Die beiden telefonierten regelmäßig miteinander.
Yusron bemerkte, wie sehr Zia weiterhin unter ihren Erinnerungen litt. Gleichzeitig fühlte er sich zwischen dem Wunsch, ihr zu helfen, und seinem Versprechen gegenüber seiner Mutter hin- und hergerissen.
Acht Monate später erfuhr er von einer Gruppe, die öffentlich auf sexuellen Missbrauch an islamischen Schulen aufmerksam machte.
Gegründet worden war sie von Ayu Masruroh, die zuvor einer Freundin dabei geholfen hatte, nach einem sexuellen Übergriff durch einen Lehrer Gerechtigkeit zu suchen.
Ayu sprach in sozialen Netzwerken offen über die Problematik.
Das ermutigte Zia dazu, auf Instagram einen Aufruf zu veröffentlichen. Indonesische Schülerinnen und Schüler, die selbst Missbrauch erlebt hatten, sollten sich bei ihr melden.
Daraufhin meldete sich eine weitere Person.
Sie behauptete, ebenfalls von Abah sexuell ausgebeutet worden zu sein – und zwar fast ein Jahr nachdem er gegenüber Zia und Yusron versprochen haben soll, sein Verhalten zu ändern.
Für Zia war dies ein Wendepunkt.
Sie kam zu dem Schluss, dass sich der Mann aus ihrer Sicht überhaupt nicht verändert habe.
Diesmal holen sie sich einen Anwalt
Schließlich erklärten sich auch Yusrons Eltern damit einverstanden, dass ihr Sohn Zia und Sukma erneut bei ihrem Kampf um Aufklärung unterstützt.
Dieses Mal wollten die ehemaligen Schüler anders vorgehen.
Sie wandten sich an Ayu, die ihnen einen klaren Rat gab: Sie sollten einen Anwalt einschalten.
So kamen sie mit einem Juristen in Kontakt, der Erfahrung mit der Vertretung von Betroffenen sexueller Gewalt hatte.
Nach dessen Einschätzung bot Sukmas Fall die stärkste Grundlage für ein mögliches Strafverfahren.
Die BBC erklärte, sowohl Abah als auch seine Ehefrau Hurmiati mit den Vorwürfen konfrontiert zu haben. Beide hätten darauf nicht reagiert.
Die NWDI teilte dagegen mit, dass sie die Vorwürfe weiterhin intern untersuche. Den Vorwurf, sexuellen Missbrauch vertuscht zu haben, wies die Organisation zurück.
Sie habe vielmehr die Pflicht, die Organisation davor zu schützen, durch mutmaßliche Handlungen einzelner Personen beschädigt zu werden.
Anzeige bei der Polizei – doch der Schulleiter bleibt im Amt
Sukma erstattete nach Angaben der BBC im Februar des vergangenen Jahres Anzeige gegen Abah.
Bis heute warte sie darauf, dass die Polizei tätig werde.
Der beschuldigte Schulleiter sei weiterhin im Amt.
Sukmas Motivation ist nach ihren eigenen Worten eindeutig: Sie wolle verhindern, dass anderen Schülerinnen das Gleiche widerfahre. Und sie wolle Gerechtigkeit.
Während der juristische Kampf weiterging, veränderte sich auch das Leben von Zia und Yusron.
Nach drei Jahren voller Nachrichten und Telefongespräche entschied sich Yusron im Februar des vergangenen Jahres, nach Kairo zu ziehen, um bei Zia zu sein.
Für ihn sei die Begegnung nach den belastenden Monaten in Jakarta wie „Medizin“ gewesen.
Zia wiederum erkannte nach eigenen Worten, wie ernst es Yusron mit ihr meinte: Er war für sie bis nach Ägypten gekommen.
Aus gemeinsamem Kampf wird eine Ehe
Das Vertrauen zwischen den beiden entstand auch durch die gemeinsamen Erfahrungen und ihren jahrelangen Versuch, die Vorwürfe aufzuklären.
Im vergangenen Monat heirateten Zia und Yusron.
Ihr Anwalt Joko Jumadi zeigt sich nach Angaben der BBC beeindruckt vom Mut und von der Genauigkeit der ehemaligen Schüler.
Besonders wichtig seien die heimlich aufgenommenen Gespräche. Sie dokumentierten den Druck, der auf Betroffene ausgeübt worden sei, damit diese schweigen.
Nach Einschätzung des Anwalts handelt es sich dabei um besonders wertvolle Beweismittel.
Joko und sein Team haben nach eigenen Angaben innerhalb von drei Jahren 20 Fälle sexuellen Missbrauchs im Zusammenhang mit islamischen Internaten allein in der Provinz West Nusa Tenggara betreut.
Für den Anwalt sind diese Fälle möglicherweise nur ein kleiner Teil eines wesentlich größeren Problems.