Dark Mode Light Mode

Commerzbank vor der Übernahme? Klingbeil stellt UniCredit-Chef Bedingungen

ulleo (CC0), Pixabay

UniCredit hat sich inzwischen den Zugriff auf annähernd die Hälfte der Commerzbank gesichert. Gleichzeitig hält der Bund weiterhin rund zwölf Prozent der Aktien und verfügt damit über erheblichen politischen und wirtschaftlichen Einfluss.

Beim heutigen Treffen zwischen Lars Klingbeil und Andrea Orcel dürfte es deshalb um weit mehr als ein gewöhnliches Gespräch zwischen Politik und Finanzwirtschaft gehen.

Nach Medienberichten will die Bundesregierung mehrere Bedingungen durchsetzen: Die Commerzbank soll ihre deutsche Identität bewahren, weiterhin an der Frankfurter Börse notiert bleiben und ihre wichtige Rolle bei der Finanzierung des deutschen Mittelstands fortsetzen. Zudem soll es keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

Damit zeichnet sich ein bemerkenswerter Kurswechsel ab. Nachdem Berlin die Übernahmepläne lange entschieden bekämpft hatte, scheint die Bundesregierung nun stärker darauf zu setzen, die Bedingungen eines möglichen Zusammenschlusses mitzugestalten.

Klingbeil empfängt Orcel in Berlin

Das Treffen im Bundesfinanzministerium könnte zu einem entscheidenden Moment im seit Langem schwelenden Übernahmekampf werden.

Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil hat UniCredit-Chef Andrea Orcel nach Berlin eingeladen. Offiziell soll dabei die Position der Bundesregierung erläutert und der Austausch mit der italienischen Großbank vertieft werden.

Hinter den Kulissen geht es jedoch um handfeste Interessen.

Die Bundesregierung betrachtet die Commerzbank nicht wie irgendein gewöhnliches Unternehmen. Das Frankfurter Institut gehört zu den wichtigsten Finanzierern deutscher Unternehmen und insbesondere des Mittelstands. Gleichzeitig ist die Bank ein bedeutender Arbeitgeber und ein wichtiger Bestandteil des Finanzplatzes Frankfurt.

Entsprechend groß ist das politische Interesse daran, was nach einer möglichen Übernahme mit der Bank passiert.

UniCredit hat sich eine mächtige Position aufgebaut

Aus einem zunächst überraschenden Einstieg der Italiener ist inzwischen eine grundlegend veränderte Eigentümerstruktur geworden.

UniCredit hat ihren Einfluss Schritt für Schritt ausgebaut. Nach dem Aktientauschangebot im Sommer und weiteren Finanzinstrumenten verfügt die italienische Großbank mittlerweile über Zugriff auf annähernd 50 Prozent der Commerzbank.

Damit hat sich die Ausgangslage dramatisch verändert.

Während die Bundesregierung und die Commerzbank eine Übernahme lange verhindern wollten, ist eine vollständige Abwehr inzwischen erheblich schwieriger geworden. Berlin scheint deshalb zunehmend darauf zu setzen, Bedingungen für die Zukunft der Bank auszuhandeln.

Berlin stellt Bedingungen

Im Zentrum steht zunächst die deutsche Identität der Commerzbank.

Nach Informationen von Reuters will die Bundesregierung darauf drängen, dass die Commerzbank auch unter Kontrolle von UniCredit weiterhin in Deutschland börsennotiert bleibt. Ebenso wichtig ist Berlin offenbar, dass die Kreditvergabe an deutsche Unternehmen und insbesondere den Mittelstand nicht geschwächt wird.

Ein weiterer Konfliktpunkt sind die Arbeitsplätze.

UniCredit-Chef Orcel sieht bei einer Kombination beider Institute erhebliches Einsparpotenzial. Entsprechend groß ist bei Arbeitnehmervertretern die Sorge vor einem umfangreichen Stellenabbau.

Die Bundesregierung will deshalb laut Insidern auf einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen drängen.

Auch beim Einfluss des Staates könnte Berlin Forderungen stellen: Im Gespräch ist, dass der Bund weiterhin zwei Vertreter für den Aufsichtsrat benennen können soll.

Der Bund besitzt noch zwölf Prozent

Eine Besonderheit des Übernahmekampfs ist die direkte Beteiligung des deutschen Staates.

Der Bund hält weiterhin rund zwölf Prozent der Commerzbank. Die Beteiligung geht auf die Rettung des Instituts während der Finanzkrise zurück.

Damit ist Deutschland nicht nur politischer Beobachter, sondern selbst bedeutender Aktionär.

Genau diese Position verschafft der Bundesregierung Verhandlungsspielraum. Lange hatte Berlin einen Verkauf seiner Beteiligung abgelehnt. Inzwischen scheint ein Ausstieg zumindest nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen zu sein – vorausgesetzt, für die Zukunft der Commerzbank wird eine aus Sicht der Bundesregierung akzeptable Lösung gefunden.

Vom Widerstand zum Verhandlungstisch

Bemerkenswert ist vor allem die Veränderung der politischen Strategie.

Noch vor wenigen Monaten stellte sich die Bundesregierung deutlich gegen eine Übernahme. Im März erklärte sie offiziell, die Eigenständigkeit der Commerzbank zu unterstützen und eine feindliche Übernahme nicht akzeptieren zu wollen.

Inzwischen ist UniCredit jedoch so weit vorgedrungen, dass sich die Machtverhältnisse verschoben haben.

Die Bundesregierung scheint deshalb nicht mehr ausschließlich darüber zu diskutieren, ob UniCredit die Commerzbank übernehmen kann. Zunehmend geht es darum, unter welchen Bedingungen dies geschehen könnte.

Das heutige Treffen zwischen Klingbeil und Orcel symbolisiert diesen Strategiewechsel.

Warum die Commerzbank für Deutschland so wichtig ist

Bei der Auseinandersetzung geht es nicht nur um Nationalität oder Prestige.

Die Commerzbank spielt eine zentrale Rolle bei der Finanzierung deutscher Unternehmen. Besonders für mittelständische Firmen ist sie ein wichtiger Kreditgeber. Genau deshalb befürchtet Berlin, dass eine vollständige Integration in einen internationalen Bankkonzern langfristig Auswirkungen auf Kreditentscheidungen und Unternehmensfinanzierungen in Deutschland haben könnte.

Hinzu kommt die Bedeutung Frankfurts als europäischer Finanzplatz.

Die hessische Landesregierung fordert deshalb ebenfalls weitreichende Zusagen. Nach Medienberichten soll unter anderem der rechtliche Sitz der Commerzbank dauerhaft in Frankfurt bleiben und das Institut weiterhin als Aktiengesellschaft nach deutschem Recht bestehen.

Gleichzeitig gibt es Argumente für den Zusammenschluss

Aus europäischer Perspektive sieht die Lage teilweise anders aus.

Ein Zusammenschluss von UniCredit und Commerzbank würde einen Bankkonzern mit einer Bilanzsumme von mehr als 1,3 Billionen Euro schaffen. Damit könnte ein deutlich größerer europäischer Wettbewerber entstehen.

Die Europäische Zentralbank wirbt seit Jahren für eine stärkere grenzüberschreitende Konsolidierung des europäischen Bankensektors. Größere europäische Institute sollen international besser mit amerikanischen und asiatischen Großbanken konkurrieren können.

Damit prallen zwei Interessen aufeinander: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach leistungsfähigeren europäischen Banken, auf der anderen Seite die Sorge Deutschlands um Arbeitsplätze, Unternehmensfinanzierung und den Finanzplatz Frankfurt.

Für Klingbeil geht es um einen schwierigen Balanceakt

Der Finanzminister muss deshalb mehrere Interessen gleichzeitig berücksichtigen.

Berlin kann eine wirtschaftlich sinnvolle europäische Bankenfusion nicht ohne Weiteres blockieren. Gleichzeitig wäre es politisch schwer vermittelbar, wenn eine ehemals mit Milliarden an Steuergeldern stabilisierte Bank übernommen würde und anschließend Tausende Arbeitsplätze verschwänden oder wichtige Funktionen aus Deutschland verlagert würden.

Deshalb dürfte Klingbeils Strategie darauf hinauslaufen, einen möglichen Zusammenschluss nicht mehr grundsätzlich zu verhindern, dafür aber möglichst weitreichende Garantien von UniCredit zu erhalten.

Was jetzt entscheidend wird

Das Treffen zwischen Klingbeil und Orcel bedeutet noch nicht, dass die Übernahme unmittelbar abgeschlossen wird. Es zeigt jedoch, wie weit sich die Situation verändert hat.

UniCredit hat inzwischen eine Beteiligungsposition aufgebaut, die sich politisch kaum noch ignorieren lässt. Gleichzeitig besitzt der Bund mit seinen zwölf Prozent weiterhin einen wichtigen Hebel.

Entscheidend wird deshalb sein, welche Zugeständnisse Orcel zu machen bereit ist.

Bleibt die Commerzbank eigenständig an der Frankfurter Börse? Bleibt Frankfurt ein bedeutendes Entscheidungszentrum? Gibt es Garantien für Beschäftigte? Behält die Bank ihre starke Position bei der Finanzierung des deutschen Mittelstands? Und welchen Einfluss wird der Bund künftig noch besitzen?

Fazit: Aus dem Abwehrkampf wird ein Ringen um die Bedingungen

Der Streit um die Commerzbank erreicht eine neue Phase.

Lange lautete die politische Frage in Berlin: Wie lässt sich eine Übernahme durch UniCredit verhindern?

Inzwischen lautet sie zunehmend: Wie kann Deutschland seine Interessen sichern, wenn die Übernahme tatsächlich kommt?

Genau deshalb ist das Treffen zwischen Lars Klingbeil und Andrea Orcel von besonderer Bedeutung. Es geht nicht nur um zwei Banken, sondern um Arbeitsplätze, Frankfurt als Finanzzentrum, die Finanzierung des deutschen Mittelstands und die künftige Struktur des europäischen Bankensektors.

UniCredit hat sich bereits eine äußerst starke Position verschafft. Jetzt versucht die Bundesregierung, ihren verbliebenen Einfluss zu nutzen.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Beim Einkauf sparen: Warum die größte Packung nicht immer die günstigste ist

Next Post

Deutscher Bergsteiger stürzt in Tirol rund 100 Meter ab – Zustand kritisch