Eine Speisekarte lesen, ein Formular ausfüllen, eine Nachricht verstehen oder einen Arbeitsvertrag prüfen: Für die meisten Menschen gehören solche Dinge zum Alltag. Für mindestens 220.000 Menschen in Schleswig-Holstein können sie dagegen zu einer erheblichen Herausforderung werden.
Zum Weltalphabetisierungstag am 8. September rückt damit ein Problem in den Mittelpunkt, das im Alltag häufig unsichtbar bleibt. Viele Betroffene können zwar einzelne Wörter oder einfache Sätze lesen und schreiben, haben aber Schwierigkeiten, längere Texte sicher zu erfassen und zu verstehen.
Fachleute sprechen deshalb heute häufig nicht mehr von Analphabetismus, sondern von geringer Literalität.
„Die Buchstaben machen mir manchmal Angst“
Wie stark das Leben dadurch beeinflusst werden kann, zeigt die Geschichte eines 65-jährigen Mannes, den der NDR unter seinem Vornamen Willi vorstellt.
Noch heute vermeidet er es möglichst, vor anderen Menschen zu lesen. Selbst in seinem Alphabetisierungskurs, dessen Teilnehmer er teilweise seit Jahren kennt, fällt ihm das schwer.
Beim Lesen könne ihn Panik überkommen, berichtet er. Dann blockiere sein Kopf.
Hinter dieser Angst steckt eine belastende Kindheit. Willi erzählt, dass sein Vater ihn bereits als kleines Kind zum Vorlesen gezwungen und bei Fehlern geschlagen habe. Nach dem frühen Tod des Vaters habe auch seine Mutter ihm die notwendige Unterstützung beim Lesen und Schreiben nicht geben können.
Die Schule konnte seine Schwierigkeiten ebenfalls nicht auffangen. Willi verließ sie schließlich ohne Abschluss.
Ein Problem, das häufig verborgen bleibt
Willi ist kein Einzelfall.
Studien zufolge leben allein in Schleswig-Holstein mindestens 220.000 gering literalisierte Menschen. Erfasst werden dabei nur Erwachsene im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen könnte deshalb noch höher liegen.
Dabei geht es keineswegs nur um Menschen, die überhaupt nicht lesen oder schreiben können.
Joachim Kring von der Volkshochschule Dithmarschen erklärt, dass viele Betroffene einfache Sätze durchaus lesen und schreiben können. Schwierigkeiten entstehen jedoch beim Verständnis komplexerer Texte.
Genau das macht das Problem im Alltag oft schwer erkennbar.
Viele Betroffene haben einen Arbeitsplatz
Auch die Vorstellung, Menschen mit großen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben seien automatisch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, trifft nicht zu.
Nach den im NDR-Beitrag genannten Studien sind die meisten Betroffenen erwerbstätig.
Allerdings arbeiten sie überdurchschnittlich häufig in Tätigkeiten mit geringen Qualifikationsanforderungen. Damit gehen oftmals niedrigere Einkommen und eine höhere Gefahr einher, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Arbeitsplatz zu verlieren.
Das Problem besitzt deshalb neben einer bildungspolitischen auch eine soziale und wirtschaftliche Dimension.
Formulare und Speisekarten werden zum Problem
Wie viel Energie es kosten kann, die eigenen Schwierigkeiten vor anderen zu verbergen, zeigt Willis Berufsleben.
Mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete er als Monteur für Isolationstechnik. Besonders schwierig wurde es für ihn beispielsweise auf Montage, wenn im Hotel Anmeldeformulare ausgefüllt werden mussten.
Auch Restaurantbesuche erforderten Strategien.
Statt selbst die Speisekarte vollständig lesen zu müssen, bestellte er beispielsweise dasselbe wie seine Kollegen oder hörte genau zu, wenn diese über die Gerichte sprachen.
Was für andere eine Nebensächlichkeit ist, kann für Menschen mit geringer Literalität damit ständig neue Situationen erzeugen, in denen sie improvisieren müssen.
Scham verhindert häufig Hilfe
Ein wesentliches Problem ist die Scham.
Alphabetisierungsexperte Joachim Kring beschreibt es für Betroffene als oftmals sehr belastend, nicht richtig lesen und schreiben zu können. Gerade weil Lesen und Schreiben gesellschaftlich als selbstverständliche Grundfähigkeiten gelten, versuchen viele Menschen, ihre Schwierigkeiten zu verbergen.
Auch Willi erinnert sich noch genau an seinen ersten Abend im Alphabetisierungskurs.
Seine große Sorge war zunächst, dass ihn jemand erkennen könnte.
Erst dort wurde individuell festgestellt, auf welchem Niveau er stand und welche Förderung er benötigte. Mittlerweile besucht er seit 23 Jahren einen Alphabetisierungskurs.
Das Problem beginnt häufig schon in der Kindheit
Fachleute sehen einen wichtigen Faktor im frühen Lernumfeld.
Kinder, denen vorgelesen wird und die früh mit Büchern, Sprache und Buchstaben in Berührung kommen, entwickeln wichtige Voraussetzungen für das spätere Lesen und Schreiben.
Fehlen solche Erfahrungen, können bereits beim Eintritt in die Grundschule erhebliche Entwicklungsunterschiede bestehen.
Nach Einschätzung Krings können diese Unterschiede zwischen Kindern mehrere Jahre betragen. Schulen könnten dadurch an ihre Grenzen geraten – insbesondere dann, wenn Kinder auch zu Hause wenig Unterstützung erhalten.
Besonders nachdenklich macht eine weitere Zahl: Laut Kring erreichen 25 Prozent der Viertklässler nicht die Mindestanforderungen beim Lesen und Schreiben.
Schulen sollen stärker gegensteuern
Das Bildungsministerium Schleswig-Holstein verweist auf zusätzliche Maßnahmen.
Grundschulen erhalten seit diesem Schuljahr für Erstklässler eine zusätzliche Deutschstunde. Außerdem soll mit diagnostischen Verfahren regelmäßig festgestellt werden, wo einzelne Kinder Lernprobleme haben.
Hinzu kommt das sogenannte Leseband: Dabei ist täglich eine 20-minütige Lesezeit vorgesehen.
Damit soll möglichst früh verhindert werden, dass Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben über Jahre bestehen bleiben.
700.000 Euro für Alphabetisierung und Grundbildung
Doch auch Erwachsene können Lesen und Schreiben nachholen.
Schleswig-Holstein hat gemeinsam mit den Volkshochschulen Regionalstellen für Alphabetisierung und Grundbildung sowie entsprechende Kurse aufgebaut. Das Land stellt dafür nach Angaben des Bildungsministeriums rund 700.000 Euro im Jahr 2026 bereit.
Die Alphabetisierungskurse der Volkshochschulen sind kostenlos und bewusst klein gehalten.
Maximal acht Personen nehmen an einem Kurs teil. Dadurch können die Lehrkräfte gezielt auf die sehr unterschiedlichen Kenntnisse der Teilnehmer eingehen.
Es geht um mehr als Buchstaben
Solche Angebote haben noch eine zweite Funktion.
Sie schaffen einen geschützten Raum, in dem Menschen erleben, dass sie mit ihren Schwierigkeiten nicht allein sind. Teilnehmer treffen dort andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.
Gerade nach vielen Jahren des Verbergens kann das ein wichtiger Schritt sein.
Fazit: Ein Bildungsproblem, das mitten in der Gesellschaft steckt
Die Zahl von mindestens 220.000 Betroffenen allein in Schleswig-Holstein macht deutlich, dass geringe Literalität kein Randphänomen ist.
Viele dieser Menschen arbeiten, haben Familien und führen ein weitgehend selbstständiges Leben. Gleichzeitig können alltägliche Situationen – vom Formular über eine Speisekarte bis zu einem längeren Schreiben – erhebliche Schwierigkeiten verursachen.
Der Weltalphabetisierungstag macht deshalb auf ein Problem aufmerksam, das meistens verborgen bleibt.
Besonders wichtig ist dabei der Blick auf die nächste Generation. Wenn bereits ein Viertel der Viertklässler die Mindestanforderungen beim Lesen und Schreiben nicht erreicht, geht es nicht nur darum, Erwachsenen nachträglich zu helfen. Es geht ebenso darum, Schwierigkeiten bei Kindern möglichst früh zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.
Denn Lesen und Schreiben sind weit mehr als Schulfächer: Sie entscheiden darüber, wie selbstständig Menschen am Berufsleben, an gesellschaftlichen Angeboten und am Alltag teilnehmen können.