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„Sechs Millionen Adidas-Aktien verschwinden: Warum Anleger bei der Kapitalherabsetzung genau hinschauen sollten“

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay

Interviewer: Herr Reime, adidas zieht sechs Millionen eigene Aktien ein und setzt dadurch das Grundkapital um sechs Millionen Euro herab. Das klingt zunächst nach einer schlechten Nachricht. Verliert das Unternehmen Kapital?

Reime: Genau dieser Eindruck kann entstehen, ist hier aber irreführend. Nach der Bekanntmachung werden eigene Aktien eingezogen, die sich bereits im Besitz der adidas AG befinden. Gleichzeitig wird das Grundkapital entsprechend von 180 Millionen Euro auf 174 Millionen Euro herabgesetzt. Das ist zunächst ein gesellschaftsrechtlicher Vorgang und nicht mit einer Kapitalherabsetzung zur Deckung aufgelaufener Verluste gleichzusetzen.

Interviewer: Woher wissen wir, dass das Grundkapital vorher 180 Millionen Euro betrug?

Reime: Das lässt sich aus der Bekanntmachung unmittelbar errechnen. Sechs Millionen Aktien entsprechen laut adidas rund 3,33 Prozent des Grundkapitals vor der Einziehung. Nach der Einziehung verbleiben 174 Millionen Aktien. Vorher waren es folglich 180 Millionen Stück.

Interviewer: Was passiert mit diesen sechs Millionen Aktien konkret?

Reime: Sie verschwinden. Die Aktien werden eingezogen und existieren anschließend nicht mehr. Deshalb reduziert sich auch die Gesamtzahl der Aktien von 180 Millionen auf 174 Millionen.

Interviewer: Und was bedeutet das für einen Anleger, der beispielsweise 100 adidas-Aktien besitzt?

Reime: Seine 100 Aktien bleiben 100 Aktien. Der Anleger muss keine Aktien abgeben. Da anschließend aber insgesamt weniger Aktien existieren, repräsentieren seine 100 Aktien rechnerisch einen etwas größeren Anteil am Unternehmen als zuvor.

Interviewer: Können wir das einmal konkret ausrechnen?

Reime: Vor der Einziehung entsprechen 100 Aktien einem Anteil von 100 zu 180 Millionen. Anschließend sind es 100 zu 174 Millionen. Der relative Unternehmensanteil dieses Aktionärs steigt damit rechnerisch um rund 3,45 Prozent – vorausgesetzt natürlich, seine eigene Aktienzahl verändert sich nicht.

Interviewer: Wird seine Beteiligung dadurch automatisch 3,45 Prozent mehr wert?

Reime: Nein. Das wäre ein entscheidender Denkfehler. Ein größerer prozentualer Unternehmensanteil bedeutet nicht automatisch, dass der Börsenkurs entsprechend steigt. Der Marktwert einer Aktie hängt von vielen Faktoren ab: Geschäftsentwicklung, Gewinne, Erwartungen, Konjunktur und natürlich der Bewertung durch den Kapitalmarkt.

Außerdem muss man berücksichtigen, dass adidas diese Aktien zuvor erworben hat. Für Aktienrückkäufe wird Unternehmensvermögen eingesetzt. Man darf daher nicht nur auf die anschließend geringere Aktienzahl schauen.

Interviewer: Könnte man trotzdem sagen: Für die verbleibenden Aktionäre wird der Kuchen auf weniger Stücke verteilt?

Reime: Als vereinfachtes Bild kann man das verwenden. Nach der Einziehung gibt es weniger Stücke. Aber bei einem Aktienrückkauf muss man eben auch berücksichtigen, was das Unternehmen vorher für den Erwerb dieser Stücke bezahlt hat.

Interviewer: Warum kauft eine Aktiengesellschaft überhaupt eigene Aktien zurück?

Reime: Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Eigene Aktien können beispielsweise eingezogen oder für andere gesetzlich zulässige Zwecke verwendet werden. In diesem konkreten Fall hat der Vorstand entschieden, sechs Millionen eigene Aktien einzuziehen.

Wichtig ist: Die rechtliche Grundlage dafür wurde nicht erst jetzt geschaffen. Nach der Bekanntmachung hatte die Hauptversammlung bereits am 11. Mai 2023 den Vorstand zum Erwerb eigener Aktien und zu deren Einziehung ohne weiteren Hauptversammlungsbeschluss ermächtigt.

Interviewer: Der Vorstand konnte also am 2. September 2026 entscheiden: Diese sechs Millionen Aktien werden vernichtet?

Reime: Vereinfacht gesagt ja, innerhalb der bestehenden Ermächtigung. Genau auf diese Ermächtigung beruft sich die Bekanntmachung.

Interviewer: Muss ein Aktionär jetzt irgendetwas unternehmen?

Reime: Aus der vorliegenden Bekanntmachung ergibt sich für einen normalen Aktionär keine Handlungspflicht. Es handelt sich nicht um eine Aufforderung, Aktien einzureichen oder umzutauschen. Eingezogen werden Aktien, die adidas selbst hält.

Interviewer: Ändert sich der Nennwert beziehungsweise der rechnerische Anteil einer einzelnen Aktie am Grundkapital?

Reime: Nach den veröffentlichten Angaben nicht. Nach Durchführung der Maßnahme beträgt das Grundkapital 174 Millionen Euro und ist in 174 Millionen Stückaktien aufgeteilt. Auf jede Aktie entfällt damit weiterhin ein anteiliger Betrag am Grundkapital von einem Euro.

Interviewer: Was wäre der Unterschied zu einer klassischen Kapitalherabsetzung wegen hoher Verluste?

Reime: Das ist für Anleger wahrscheinlich der wichtigste Punkt der gesamten Meldung. Wenn ein Unternehmen sein Grundkapital herabsetzt, um Verluste auszugleichen, kann das auf eine völlig andere wirtschaftliche Situation hindeuten.

Hier sagt die Bekanntmachung etwas anderes: adidas zieht sechs Millionen bereits eigene Aktien ein und reduziert das Grundkapital entsprechend. Aus dieser Bekanntmachung lässt sich gerade nicht ableiten, dass die Kapitalherabsetzung der Verlustdeckung dient.

Interviewer: Also sollte man bei der Schlagzeile „adidas senkt Grundkapital um sechs Millionen Euro“ vorsichtig sein?

Reime: Unbedingt. Ohne den Hintergrund könnte eine solche Überschrift einen falschen Eindruck vermitteln. Entscheidend ist der Grund für die Kapitalherabsetzung. Hier lautet er: Einziehung eigener Aktien.

Interviewer: Sechs Millionen Aktien sind immerhin 3,33 Prozent. Ist das eine relevante Größenordnung?

Reime: Rechnerisch durchaus. Nach der Maßnahme existieren sechs Millionen Aktien weniger. Bezogen auf die verbleibenden Aktien ist das keine völlig unbedeutende Veränderung.

Für die wirtschaftliche Bewertung einer adidas-Aktie reicht diese Zahl allein aber nicht. Ein Anleger müsste beispielsweise betrachten, zu welchen Preisen die eigenen Aktien ursprünglich erworben wurden, wie viel Geld adidas insgesamt für Rückkäufe eingesetzt hat und wie sich Gewinne, Cashflow und Geschäftsaussichten entwickeln.

Interviewer: Kann die Einziehung Auswirkungen auf Kennzahlen wie den Gewinn je Aktie haben?

Reime: Grundsätzlich kann eine geringere Anzahl ausstehender Aktien Kennzahlen beeinflussen, bei denen Unternehmensgrößen auf die Aktienzahl verteilt werden. Der Gewinn je Aktie ist dafür das klassische Beispiel.

Man darf daraus aber nicht automatisch auf einen höheren Unternehmensgewinn schließen. Wenn derselbe Gewinn auf weniger Aktien verteilt wird, kann der rechnerische Gewinn je Aktie steigen – der absolute Gewinn des Unternehmens ist dadurch aber nicht automatisch höher.

Interviewer: Und Dividenden?

Reime: Auch dort spielt die Zahl der dividendenberechtigten Aktien grundsätzlich eine Rolle. Wie hoch eine künftige Dividende tatsächlich ausfällt, wird durch die Einziehung allein aber nicht festgelegt. Dazu enthält die vorliegende Bekanntmachung auch keine Aussage.

Interviewer: Könnte adidas die sechs Millionen Aktien später wieder an der Börse verkaufen?

Reime: Nach ihrer Einziehung gerade nicht mehr. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen dem bloßen Halten eigener Aktien und ihrer Einziehung. Eingezogene Aktien sind beseitigt. Will ein Unternehmen später seine Aktienzahl wieder erhöhen, wären dafür andere gesellschaftsrechtliche Maßnahmen erforderlich.

Interviewer: Was ist für Aktionäre also die wichtigste Zahl in dieser Mitteilung?

Reime: Eigentlich sind es drei Zahlen: sechs Millionen eingezogene Aktien, 174 Millionen verbleibende Aktien und 174 Millionen Euro neues Grundkapital.

Und die entscheidende Information dahinter lautet: Die sechs Millionen Aktien werden nicht den übrigen Aktionären weggenommen. Es handelt sich um Aktien im Bestand der Gesellschaft.

Interviewer: Was sollten Anleger aus der Bekanntmachung vom 4. September 2026 mitnehmen?

Reime: Vor allem sollte man den Begriff „Kapitalherabsetzung“ nicht isoliert betrachten. Im vorliegenden Fall steht dahinter die Einziehung eigener Aktien. Die Zahl der Aktien sinkt von rechnerisch 180 auf 174 Millionen, das Grundkapital entsprechend von 180 auf 174 Millionen Euro.

Für einen Aktionär, der seine Aktien behält, steigt damit rechnerisch sein prozentualer Anteil am Unternehmen. Ob seine Aktien deshalb an der Börse mehr wert werden, ist dagegen eine völlig andere Frage. Eine Aktien-Einziehung verändert die Zahl der Anteile – sie garantiert keinen Kursgewinn.

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