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Hawala: Wie ein jahrhundertealtes Vertrauenssystem zur Schattenbank der organisierten Kriminalität wurde

geralt (CC0), Pixabay

Ein Geldtransfer von Wien nach Damaskus, von Brüssel nach Istanbul oder von Deutschland nach Nordafrika kann innerhalb eines Hawala-Netzwerks funktionieren, ohne dass zwischen Absender und Empfänger eine klassische Banküberweisung stattfindet. Genau darin liegt die Stärke dieses jahrhundertealten Systems – und zugleich sein größtes Risiko.

Eine investigative Recherche des ORF gemeinsam mit anderen europäischen öffentlich-rechtlichen Sendern zeigt, welche Dimension Hawala inzwischen für die internationale organisierte Kriminalität erreicht hat. Nach den im Bericht genannten Schätzungen sollen weltweit jährlich Geldtransfers von mehr als 200 Milliarden US-Dollar über entsprechende Strukturen abgewickelt werden. Gleichzeitig betont der Bericht, dass Hawala keineswegs ausschließlich ein kriminelles System ist. Es wird auch von Migranten genutzt, die Geld an Angehörige in Ländern schicken, in denen Bankverbindungen teuer, unsicher oder kaum verfügbar sind.

Das Grundprinzip ist erstaunlich einfach. Ein Kunde übergibt beispielsweise einem Hawaladar in Wien 10.000 Euro und nennt einen Empfänger in einem anderen Land. Der österreichische Händler informiert anschließend einen Geschäftspartner im Zielland. Dieser zahlt dem dortigen Empfänger den entsprechenden Betrag aus, häufig nachdem ein vereinbartes Kennwort genannt wurde.

Die 10.000 Euro selbst müssen Wien dabei zunächst überhaupt nicht verlassen.

Zwischen den beiden Hawaladaren entsteht vielmehr eine Forderung. Diese kann später mit anderen Transaktionen verrechnet werden. Hat beispielsweise ein Kunde im Zielland Geld nach Österreich geschickt, können beide Vorgänge gegeneinander aufgerechnet werden. Offene Salden können darüber hinaus durch Bargeldtransporte, Banküberweisungen, Warenhandel oder andere Geschäfte ausgeglichen werden.

Genau deshalb ist Hawala für Strafverfolgungsbehörden schwierig zu verfolgen. Bei einer normalen Banküberweisung hinterlassen Sender, Empfänger, Konten, Banken und Zahlungswege eine elektronische Dokumentation. Im Hawala-System kann der eigentliche wirtschaftliche Transfer dagegen durch ein Netzwerk gegenseitiger Verrechnungen stattfinden.

Europol hat dieses Problem in zahlreichen Ermittlungsverfahren dokumentiert. Bei einer im August 2026 bekanntgegebenen Operation gegen ein großes Schmuggelnetzwerk im westlichen Mittelmeer stellten Ermittler neben Bargeld, Drogen, Waffen und Booten auch ein Hawala-Kassenbuch sicher. Nach Angaben von Europol wurden die Finanzströme des Netzwerks über das Hawala-System organisiert, wodurch illegale Einnahmen schwerer nachzuverfolgen gewesen seien.

Bereits frühere Fälle zeigen die Größenordnung. Europol berichtete beispielsweise über ein internationales Geldwäschenetzwerk, dessen Hauptverdächtiger innerhalb von etwas mehr als einem Jahr rund 200 Millionen Euro für verschiedene kriminelle Organisationen gewaschen haben soll. Auch dort spielte Hawala eine zentrale Rolle. Die Organisation sammelte große Bargeldbeträge ein und organisierte anschließend deren wirtschaftliche Weiterleitung an andere kriminelle Gruppen.

Der aktuelle ORF-Bericht geht noch weiter. Demnach konnten Journalisten Einblick in eine private WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „The Traders of Great Europe“ erhalten. Mehr als 500 Hawaladare sollen dort Geldtransfers organisiert oder angeboten haben.

Laut dem belgischen Staatsanwalt Vincent Guerra wurden über das untersuchte Netzwerk innerhalb weniger Monate Beträge in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro zwischen verschiedenen Ländern verschoben. Die Ermittler waren nach seiner Darstellung selbst vom Umfang des Systems überrascht.

In einem großen belgischen Strafverfahren war das Mobiltelefon eines Hauptbeschuldigten ausgewertet worden. Rund 82.000 Nachrichten sollen darauf gefunden worden sein. Einer der zentralen Beschuldigten wurde laut ORF später unter anderem wegen Terrorismusfinanzierung verurteilt.

Das verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Hawala ist nicht nur eine alternative Form des Zahlungsverkehrs. Ein professionell aufgebautes Netzwerk kann faktisch die Funktionen einer grenzüberschreitenden Schattenbank übernehmen.

Die Händler nehmen Bargeld entgegen, führen interne Konten beziehungsweise Verrechnungslisten, organisieren internationale Auszahlungspartner und berechnen Provisionen. Nach den Recherchen des europäischen Journalistennetzwerks liegen diese häufig zwischen einem und sieben Prozent des transferierten Betrags.

Bei entsprechend hohen Umsätzen können daraus enorme Einnahmen entstehen.

Auch Österreich spielt in diesen Netzwerken offenbar eine größere Rolle, als der diskrete Charakter des Systems vermuten lässt. Nach Schätzungen des österreichischen Bundeskriminalamtes soll Hawala in einigen hundert Geschäften angeboten werden. Nach außen können diese Betriebe völlig gewöhnlich wirken: Restaurants, Lebensmittelgeschäfte, Handyshops oder andere kleine Unternehmen.

Im Hintergrund werden dann Bargeldtransfers vermittelt.

Ein besonders drastisches Beispiel beschreibt der ORF aus Wien. Am Wiener Gürtel soll nach Ansicht der Strafverfolgungsbehörden im Hinterzimmer eines Kebabrestaurants eines der größten Hawala-Büros Österreichs betrieben worden sein.

Im Juli 2025 wurden dort zwei Männer und eine Frau in erster Instanz zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Entscheidungen waren laut ORF zum damaligen Zeitpunkt noch nicht rechtskräftig. Die Beschuldigten sollen unter anderem Zahlungen für zahlreiche Schleusungen organisiert haben.

Der Hauptangeklagte erhielt dem Bericht zufolge 15 Jahre Haft wegen Beihilfe zur Schlepperei.

Besonders deutlich zeigt sich die Rolle von Hawala in der Schleuserkriminalität. Das System übernimmt dort teilweise eine Funktion, die einem Treuhandkonto ähnelt.

Eine Familie übergibt beispielsweise in Syrien einem Hawaladar mehrere tausend Euro für die geplante Schleusung eines Angehörigen nach Europa. Der Schlepper erhält das Geld jedoch nicht sofort. Erst wenn die geschleuste Person ihr Ziel erreicht und dies bestätigt wird, gibt ein Hawaladar die Auszahlung frei.

Aus Sicht der geschleusten Person beziehungsweise ihrer Angehörigen entsteht dadurch eine gewisse Absicherung: Der Schlepper erhält das vollständige Geld erst nach erfolgreicher Ankunft.

Gerald Tatzgern, Leiter der österreichischen Abteilung zur Bekämpfung der Schlepperei, bezeichnet dieses System deshalb im ORF-Bericht sinngemäß als eine Art Treuhandmechanismus.

Aus Sicht der Strafverfolgung ist gerade diese Funktion hochproblematisch. Hawala ermöglicht kriminellen Netzwerken, internationale Zahlungen abzuwickeln, ohne für jeden Vorgang klassische Bankkonten verwenden zu müssen.

Europol beschreibt ein ähnliches Vorgehen auch in anderen Schleusungsverfahren. In einem Fall mussten Migranten vor der Abreise Geld bei Hawala-Stellen in der Türkei hinterlegen. Erst anschließend begann ihre Reise durch das kriminelle Netzwerk Richtung Westeuropa.

Der österreichische Fall „Operation Ancora“ zeigt die mögliche Größenordnung solcher Strukturen. Laut ORF wurde im März 2026 unter österreichischer Leitung und mit Unterstützung von Europol ein internationales Schleusernetzwerk zerschlagen. Rund 130 Personen wurden festgenommen.

Die Ermittler gehen dem Bericht zufolge davon aus, dass das Netzwerk innerhalb von etwa eineinhalb Jahren an der Schleusung von rund 100.000 Menschen nach Europa beteiligt gewesen sein könnte.

Eine zentrale Rolle bei der Zahlungsabwicklung soll ein Handygeschäft in Wien-Ottakring gespielt haben. Nach längerer Observation hätten Ermittler festgestellt, dass dort Schlepper und geschleuste Personen ein- und ausgingen. Die internen Aufzeichnungen hätten schließlich gezeigt, dass offenbar Millionenbeträge abgewickelt wurden.

Sechs Hauptverdächtige befanden sich zum Zeitpunkt des ORF-Berichts in Untersuchungshaft. Eine Anklage war demnach noch nicht eingebracht. Deshalb gilt bei diesen Personen weiterhin die Unschuldsvermutung.

Der Fall zeigt zugleich, weshalb Hawala für Ermittler so attraktiv und so gefährlich zugleich ist: Es braucht keine beeindruckenden Bankgebäude, keine sichtbaren Geldtransporter und keine auffälligen Firmenzentralen. Ein internationaler Zahlungsknotenpunkt kann theoretisch im Hinterzimmer eines kleinen Geschäfts betrieben werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass das Geld vollständig unsichtbar wird.

Irgendwann müssen große Bargeldbestände ausgeglichen werden. Genau dort setzen Ermittler häufig an.

Eine Methode ist handelsbasierte Geldwäsche. Ein Hawaladar oder ein mit ihm verbundenes Unternehmen kauft beispielsweise Fahrzeuge, Maschinen, Elektronik oder andere Waren. Diese werden anschließend exportiert und im Ausland verkauft. Dadurch kann ein finanzieller Saldo zwischen zwei Ländern ausgeglichen werden.

Europol hat solche Strukturen bereits bei früheren Ermittlungen beschrieben. In einem deutschen Verfahren gegen ein irakisches Geldwäschenetzwerk wurden nach Angaben der Behörde unter anderem Gebrauchtwagen, Baumaschinen und andere hochwertige Güter gekauft und anschließend in den Irak exportiert. Dort konnten die Waren wieder verkauft und die Erlöse in lokale Finanzstrukturen eingespeist werden.

Eine weitere Variante sind Scheinfirmen und fingierte Rechnungen.

Der ORF spricht von sogenannten „Invoice Factories“. Dabei werden Gesellschaften oder Geschäftsbeziehungen genutzt, um Rechnungen über Leistungen oder Waren auszustellen, die tatsächlich überhaupt nicht oder nicht in der angegebenen Form erbracht wurden.

Ein kriminelles Netzwerk kann dadurch erklären, warum beispielsweise 200.000 Euro von einer Gesellschaft an eine andere überwiesen wurden. Auf dem Papier handelt es sich um eine normale Handelsrechnung. Wirtschaftlich kann die Zahlung jedoch dem Ausgleich eines Hawala-Saldos oder der Geldwäsche dienen.

Genau diese Vermischung mit normalen Handelsströmen erschwert die Ermittlungen enorm.

Die Milliardenfrage lautet deshalb: Warum lässt sich Hawala nicht einfach verbieten?

In regulierten europäischen Finanzsystemen ist die Erbringung von Zahlungsdiensten grundsätzlich erlaubnis- beziehungsweise konzessionspflichtig. Wer gewerblich Geld für andere transferiert, kann nicht beliebig ein paralleles Zahlungssystem betreiben.

Gleichzeitig ist Hawala in vielen Regionen der Welt historisch tief verwurzelt und erfüllt dort reale wirtschaftliche Funktionen. Menschen in ländlichen Regionen besitzen teilweise keine Bankkonten. Andere leben in Staaten mit schwachen Bankensystemen, Kapitalverkehrskontrollen oder politischen Risiken.

Für viele Familien ist ein vertrauenswürdiger lokaler Hawaladar deshalb nicht die kriminelle Alternative zu einer Bank – sondern faktisch die einzige praktikable Möglichkeit, Geld zu erhalten.

Gerade Afghanistan wird häufig als Beispiel genannt. Internationale Bankverbindungen sind schwierig, gleichzeitig sind viele Familien auf Geldüberweisungen von Angehörigen im Ausland angewiesen.

Deshalb wäre es falsch, jeden Nutzer von Hawala mit organisierter Kriminalität gleichzusetzen.

Das eigentliche Problem entsteht dort, wo anonyme beziehungsweise kaum dokumentierte Zahlungsstrukturen mit hohen Bargeldsummen und kriminellen Geschäftsmodellen zusammentreffen.

Für Drogenhändler, Schleuser, Erpresser und Geldwäscher besitzt das System drei entscheidende Vorteile: Es ist international, schnell und hinterlässt wesentlich weniger standardisierte Finanzdaten als eine normale Banküberweisung.

Genau deshalb bezeichnet Europol Hawala in seinen Ermittlungen immer wieder als wichtigen Bestandteil illegaler Finanzstrukturen. Die aktuelle europäische Recherche macht deutlich, dass es sich dabei längst nicht um kleine familiäre Überweisungsnetzwerke handelt. In einzelnen kriminellen Strukturen können innerhalb weniger Monate dreistellige Millionenbeträge bewegt werden.

Dabei ist der Begriff „Geld bewegen“ sogar irreführend.

Oft bewegt sich das Geld physisch überhaupt nicht über Grenzen. Was die Grenze überschreitet, ist die Information darüber, wer wem welchen Betrag schuldet.

Genau darin steckt das Geheimnis des Systems.

Ein Hawaladar in Wien erhält 100.000 Euro Bargeld. Sein Partner in Istanbul zahlt dort umgerechnet 100.000 Euro aus. Später besitzt der Wiener Händler gegenüber seinem Partner eine entsprechende Verpflichtung. Diese kann mit hundert anderen Transfers verrechnet werden.

Am Ende muss möglicherweise nur ein Bruchteil der ursprünglichen Beträge tatsächlich zwischen beiden Ländern ausgeglichen werden.

Ein kriminelles Netzwerk kann deshalb theoretisch Millionen Euro international verfügbar machen, obwohl nur ein relativ kleiner Teil des Geldes tatsächlich physisch eine Grenze überschreitet.

Diese Funktionsweise erklärt, warum Behörden Hawala gleichzeitig als Zahlungsnetzwerk, Schattenbank und Geldwäsche-Infrastruktur betrachten.

Der entscheidende Kampf gegen kriminelle Hawala-Netzwerke findet deshalb weniger bei einzelnen Überweisungen statt als an den Knotenpunkten des Systems: bei Bargeldsammlern, Hawaladaren, Kurieren, Scheinfirmen, Handelsunternehmen und denjenigen Personen, die internationale Salden ausgleichen.

Die jüngsten europäischen Ermittlungen zeigen, dass Behörden diese Netzwerke zunehmend als zusammenhängende Finanzinfrastruktur betrachten und nicht mehr lediglich einzelne Bargeldtransfers verfolgen.

Das dürfte auch erklären, warum Handys und Messenger-Nachrichten für Ermittler so wichtig geworden sind. Ein Hawala-System mag außerhalb des regulären Bankensystems existieren – die Händler müssen trotzdem miteinander kommunizieren. WhatsApp-Gruppen, digitale Notizen, Buchhaltungslisten und Smartphones können deshalb etwas liefern, was im Bankensystem automatisch vorhanden wäre: eine Spur der Transaktionen.

Die 82.000 ausgewerteten Nachrichten im belgischen Fall zeigen, welchen Erkenntnisgewinn ein einziges beschlagnahmtes Mobiltelefon liefern kann.

Das traditionelle Vertrauenssystem trifft damit auf moderne digitale Kommunikation – und genau dort wird die vermeintlich unsichtbare Schattenbank plötzlich sichtbar.

Der ORF-Bericht zeichnet deshalb kein Bild eines geheimnisvollen exotischen Finanzsystems, sondern eines hoch effizienten parallelen Zahlungsverkehrs. Für Millionen Menschen kann Hawala eine pragmatische Möglichkeit sein, Familienangehörige finanziell zu unterstützen. Für kriminelle Organisationen kann dieselbe Infrastruktur jedoch zum entscheidenden Werkzeug werden, um Einnahmen aus Schleusung, Drogenhandel, Geldwäsche oder anderen Straftaten international verfügbar zu machen.

Die eigentliche Gefahr liegt damit nicht im Prinzip der Verrechnung selbst. Sie liegt darin, dass Milliardenbeträge außerhalb jener Transparenz-, Identifizierungs- und Kontrollmechanismen zirkulieren können, die das regulierte Bankensystem gerade zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung aufgebaut hat.

Genau deshalb ist Hawala für Ermittlungsbehörden heute weit mehr als eine Randerscheinung.

Es ist eine finanzielle Infrastruktur, die parallel zum offiziellen Bankensystem funktionieren kann – und deren kriminelle Netzwerke inzwischen Dimensionen erreicht haben, die mit klassischen Schattenbanken durchaus vergleichbar sind.

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