Dark Mode Light Mode

UniCredit und Commerzbank: Der Kampf um Deutschlands zweitgrößte Privatbank spitzt sich zu

ulleo (CC0), Pixabay

Die Ursache liegt in einem einfachen Mechanismus: Werden zurückgekaufte Aktien endgültig eingezogen, sinkt die Gesamtzahl der Commerzbank-Aktien. Wer seine Position unverändert hält, besitzt anschließend automatisch einen größeren prozentualen Anteil am Unternehmen.

UniCredit profitiert von diesem Effekt besonders stark, weil die Italiener bereits eine sehr große Position aufgebaut haben.

Direkter Aktienbesitz und Optionen unterscheiden

Die 49,65 Prozent bedeuten allerdings nicht, dass UniCredit bereits 49,65 Prozent aller Commerzbank-Aktien unmittelbar besitzt.

Nach den vorliegenden Angaben entfallen davon noch 3,36 Prozentpunkte auf Kaufoptionen. Diese Instrumente ermöglichen UniCredit den Zugriff auf entsprechende Commerzbank-Aktien.

Rechnerisch ergibt sich damit:

49,65 % Gesamtposition
– 3,36 % über Kaufoptionen
= rund 46,29 % unmittelbar zurechenbarer Aktienanteil

Damit befindet sich bereits der Aktienbestand selbst in einer Größenordnung, die UniCredit zum mit Abstand dominierenden Aktionär macht.

Nur noch 0,35 Prozentpunkte bis 50 Prozent

Besonders bemerkenswert ist der geringe Abstand zur Hälfte des Aktienkapitals.

Von 49,65 Prozent bis zur Marke von 50 Prozent fehlen rechnerisch lediglich 0,35 Prozentpunkte.

Die psychologische Bedeutung dieser Schwelle ist groß. Dennoch sollte zwischen einer wirtschaftlichen Position von annähernd 50 Prozent und einer tatsächlich ausgeübten gesellschaftsrechtlichen Kontrolle unterschieden werden.

Auch regulatorische Vorgaben spielen bei Banken eine wesentlich größere Rolle als bei gewöhnlichen Industrieunternehmen.

Aktienrückkäufe haben einen ungewöhnlichen Nebeneffekt

Für die Commerzbank entsteht dadurch eine interessante Situation. Aktienrückkäufe sollen normalerweise Kapital an die Aktionäre zurückgeben und können zugleich den Gewinn je Aktie erhöhen.

Im konkreten Fall haben sie aber noch eine zweite Wirkung: Sie erhöhen automatisch das relative Gewicht von UniCredit.

Die Commerzbank muss dem italienischen Großaktionär dafür keine Aktien verkaufen. UniCredit muss ebenfalls nichts zukaufen. Die Verringerung des Aktienbestands reicht aus.

Das bedeutet zugleich: Sollten künftig weitere Aktienrückkäufe durchgeführt und die Papiere anschließend eingezogen werden, könnte sich dieser mathematische Effekt erneut zeigen – sofern UniCredit seine Position nicht entsprechend verändert.

Warum UniCredit überhaupt so stark an Commerzbank interessiert ist

Für UniCredit wäre die Commerzbank strategisch interessant, weil dadurch ein erheblich größeres Gewicht im deutschen Bankenmarkt entstehen könnte.

Die Commerzbank verfügt über eine starke Position im deutschen Firmenkundengeschäft und insbesondere im Mittelstand. UniCredit wiederum ist über die HypoVereinsbank bereits umfangreich in Deutschland vertreten.

Eine Kombination könnte deshalb erhebliche Größen- und Kostenvorteile ermöglichen. Gleichzeitig wären Überschneidungen groß – und genau daraus ergeben sich mögliche Integrationskosten, Arbeitsplatzfragen und politische Widerstände.

Bundesregierung verliert relativ an Gewicht

Interessant ist die Entwicklung auch mit Blick auf den Bund. Der deutsche Staat war infolge der Rettung der Commerzbank während der Finanzkrise über viele Jahre ein bedeutender Aktionär.

Mit dem massiven Einstieg von UniCredit hat sich die Machtbalance unter den Eigentümern jedoch grundlegend verändert.

Die Frage ist inzwischen weniger, ob UniCredit ein wichtiger strategischer Aktionär der Commerzbank ist. Das ist längst der Fall. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welches Endziel die italienische Bank mit ihrer Beteiligung verfolgt.

Drei Szenarien werden wichtiger

Für Anleger lassen sich aus der aktuellen Situation vor allem drei mögliche Entwicklungen ableiten:

  1. UniCredit bleibt knapp unter 50 Prozent. Die Bank hätte enormen Einfluss, ohne unmittelbar den letzten Schritt zu einer Mehrheitsposition zu vollziehen.
  2. UniCredit überschreitet die Mehrheitsschwelle. Dann würde die Diskussion über eine tatsächliche Kontrolle beziehungsweise Integration der Commerzbank eine neue Dimension erreichen.
  3. Es kommt langfristig zu einer vollständigen Übernahme oder engeren Kombination. Das wäre die weitreichendste Variante und könnte erhebliche Auswirkungen auf den deutschen Bankenmarkt haben.

Welches Szenario eintritt, lässt sich aus der aktuellen Stimmrechtsmitteilung allein nicht ableiten.

Übernahmefantasie trifft auf Bewertungsrisiko

Für Commerzbank-Aktionäre ist die Situation zweischneidig.

Einerseits kann ein strategischer Großaktionär Übernahmefantasie erzeugen. Die Erwartung eines späteren Angebots kann einen Aktienkurs unterstützen.

Andererseits bedeutet eine Position nahe 50 Prozent nicht automatisch, dass anschließend ein besonders attraktives Übernahmeangebot für die übrigen Aktionäre folgt. Anleger sollten daher nicht allein aufgrund der Beteiligungsquote auf einen bestimmten Übernahmepreis schließen.

Hinzu kommen die klassischen Risiken eines Bankinvestments: Zinsentwicklung, Kreditqualität, Konjunktur, Regulierung und Kosten bleiben für die Bewertung der Commerzbank entscheidend.

Ein ungewöhnlicher Fall von Aktienrückkauf und Machtverschiebung

Der Vorgang ist schließlich auch grundsätzlich für Anleger interessant. Er demonstriert, dass Aktienrückkäufe nicht nur Kennzahlen wie den Gewinn je Aktie verändern können, sondern auch die Eigentumsverhältnisse eines Unternehmens.

Bei einem Unternehmen mit einem bereits sehr großen strategischen Aktionär kann die Einziehung eigener Aktien diesen Aktionär Schritt für Schritt näher an wichtige Beteiligungsschwellen bringen.

Bei der Commerzbank ist genau das passiert: UniCredit hat keine zusätzlichen Aktien kaufen müssen und ist dennoch von maximal 47,59 auf 49,65 Prozent vorgerückt.

Damit fehlen rechnerisch nur noch 0,35 Prozentpunkte bis zur 50-Prozent-Marke. Der Übernahmepoker um eine der wichtigsten deutschen Banken dürfte deshalb eher intensiver als ruhiger werden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

El Niño trifft den Panamakanal: Weniger Schiffspassagen ab September

Next Post

eco-val deutschland gAG aus Waldkirch stellt nur wenige Monate nach Gründung Insolvenzantrag