Interviewer: Herr Rechtsanwalt Reime, die TELIS Unternehmensgruppe Aktiengesellschaft plant den Verkauf nahezu aller wesentlichen operativen Tochtergesellschaften an eine Tochtergesellschaft der Swiss Life Deutschland Holding GmbH. Was bedeutet dieser Schritt grundsätzlich?
Rechtsanwalt Reime:
Das ist ein äußerst tiefgreifender Vorgang. Hier geht es nicht um den Verkauf einzelner Unternehmensteile, sondern faktisch um die Abgabe des gesamten operativen Kerngeschäfts der TELIS-Gruppe. Juristisch spricht man von der Veräußerung wesentlichen Gesellschaftsvermögens nach § 179a AktG. Deshalb muss auch die Hauptversammlung ausdrücklich zustimmen. Für Aktionäre bedeutet das eine fundamentale Veränderung ihres Investments.
Interviewer: Warum ist das für Aktionäre so bedeutend?
Rechtsanwalt Reime:
Weil sich die Gesellschaft nach dem Verkauf komplett verändern wird. Bisher war TELIS eine operative Unternehmensgruppe im Finanz- und Versicherungsvertrieb. Nach Vollzug des Verkaufs soll daraus lediglich eine Vermögensverwaltungsgesellschaft werden. Selbst der bekannte Name „TELIS“ soll verschwinden und künftig durch „KAFEJOM Vermögensverwaltung AG“ ersetzt werden. Das zeigt sehr deutlich, dass hier praktisch eine neue Unternehmensidentität entsteht.
Interviewer: Der Kaufpreis soll bei rund 350 Millionen Euro liegen. Klingt das nicht zunächst positiv?
Rechtsanwalt Reime:
Natürlich wirkt ein solcher Kaufpreis auf den ersten Blick beeindruckend. Aber Aktionäre sollten sehr genau hinschauen. Entscheidend ist nicht allein die Höhe des Kaufpreises, sondern was nach der Transaktion wirtschaftlich übrig bleibt und welche Risiken bestehen. Wenn ein Unternehmen sein operatives Geschäft verkauft, stellt sich immer die Frage, wie die verbleibende Gesellschaft künftig überhaupt noch Erträge erwirtschaften will.
Interviewer: Im Kaufvertrag finden sich umfangreiche Garantien und Verpflichtungen. Ist das problematisch?
Rechtsanwalt Reime:
Das ist zumindest ein wichtiger Punkt. Die Gesellschaft übernimmt verschiedene Garantien gegenüber der Käuferseite, etwa zu Tochtergesellschaften, Geschäftsabläufen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Zwar wurden Haftungsgrenzen vereinbart, dennoch bestehen potenzielle Risiken. Gerade bei großen Unternehmenskäufen können spätere Streitigkeiten über Garantien oder wirtschaftliche Entwicklungen nicht ausgeschlossen werden.
Interviewer: Außerdem wurde ein Wettbewerbsverbot vereinbart. Was bedeutet das konkret?
Rechtsanwalt Reime:
Die Gesellschaft verpflichtet sich, für zwei Jahre nach dem Verkauf keine konkurrierenden Tätigkeiten mehr aufzunehmen. Hinzu kommen Abwerbeverbote gegenüber Mitarbeitern und Vertriebspartnern der verkauften Unternehmen. Solche Regelungen sind bei Unternehmensverkäufen üblich, zeigen aber gleichzeitig, wie umfassend der Rückzug aus dem bisherigen Geschäft tatsächlich sein soll.
Interviewer: Mehr als 75 Prozent der stimmberechtigten Aktionäre sollen bereits ihre Zustimmung zugesagt haben. Ist die Entscheidung damit praktisch gefallen?
Rechtsanwalt Reime:
Die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung ist damit natürlich sehr hoch. Für Minderheitsaktionäre ist das allerdings häufig schwierig, weil ihre Einflussmöglichkeiten begrenzt bleiben. Gerade bei solchen Strukturmaßnahmen fühlen sich kleinere Aktionäre oft wirtschaftlich vor vollendete Tatsachen gestellt.
Interviewer: Wie bewerten Sie den Vorgang insgesamt?
Rechtsanwalt Reime:
Juristisch ist eine solche Transaktion grundsätzlich zulässig und auch wirtschaftlich nachvollziehbar, wenn strategische Gründe dahinterstehen. Dennoch ist der Vorgang für Aktionäre äußerst sensibel. Das Unternehmen verändert seinen Charakter vollständig. Anleger sollten deshalb sehr genau beobachten:
- wie der Verkaufserlös verwendet wird,
- welche Strategie die neue Gesellschaft verfolgt,
- und ob langfristig überhaupt noch ein attraktives Geschäftsmodell vorhanden ist.
Der Fall TELIS zeigt sehr deutlich, wie radikal sich börsennotierte Gesellschaften durch einzelne Transaktionen verändern können. Für Aktionäre ist das keineswegs nur eine Formalie, sondern eine grundlegende Neuausrichtung ihres Investments.