Die vatikanische Finanzinstitution Instituto per le Opere di Religione (IOR), oft als Vatikanbank bezeichnet, hat erstmals eigene Aktienindizes vorgestellt und betritt damit Neuland in der internationalen Finanzwelt. Die neuen Indizes sollen Anlegern ermöglichen, gezielt nach katholischen Ethikgrundsätzen zu investieren – und gleichzeitig marktübliche Renditen zu erzielen.
Entstanden sind zwei Benchmarks: ein Index für US-Aktien und ein weiterer für die Eurozone. Entwickelt wurden sie gemeinsam mit dem Analysehaus Morningstar. Ziel ist es laut IOR, Unternehmen auszuwählen, deren Geschäftsmodelle mit der katholischen Soziallehre und moralischen Leitlinien der Kirche vereinbar sind. Branchen oder Tätigkeiten, die mit Abtreibung, Sterbehilfe oder bestimmten biotechnologischen Verfahren in Verbindung stehen, werden demnach ausgeschlossen.
Die Initiative ist bemerkenswert, weil das Institut lange Zeit vor allem durch Finanzskandale und mangelnde Transparenz Schlagzeilen machte. In den vergangenen Jahren wurde die Bank jedoch umfassend reformiert und stärker reguliert. Mit den neuen Indizes öffnet sie ihre Anlagestrategien erstmals indirekt auch für eine breitere Öffentlichkeit, da Finanzprodukte künftig auf diesen Benchmarks basieren könnten.
Gleichzeitig sorgt die konkrete Zusammensetzung der Indizes bereits für Diskussionen. Trotz des moralischen Anspruchs sind dort zahlreiche große Technologieunternehmen vertreten, darunter auch Konzerne, die wegen Arbeitsbedingungen, Datenschutzfragen oder möglicher Abhängigkeitseffekte ihrer Produkte in der Kritik stehen. Beobachter sehen darin einen Hinweis auf die schwierige Balance zwischen ethischen Anlagekriterien und der Notwendigkeit, wirtschaftlich leistungsfähige Unternehmen zu berücksichtigen.
Renditeseitig schneiden die Indizes bislang konkurrenzfähig ab: Aufgrund ihres hohen Technologieanteils entwickelten sie sich in der Vergangenheit ähnlich stark oder teilweise sogar besser als klassische Vergleichsindizes ohne ethische Einschränkungen. Damit versucht die Vatikanbank zu zeigen, dass werteorientiertes Investieren und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch sein müssen – auch wenn die Debatte über die tatsächliche Umsetzung moralischer Maßstäbe weiter anhalten dürfte.