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Cannerald: Vom Vorzeigeprojekt zur Krisenfirma – Eine kritische Bestandsaufnahme

Pinit-Ton (CC0), Pixabay

Cannerald, gegründet im Jahr 2017 von Sascha W., Levin A., Severin A. und Maik P., positionierte sich früh als eines der ambitioniertesten Cannabis-Start-ups Europas. Mit Sitz nahe Bern in der Schweiz versprach das Unternehmen nicht nur den Aufbau einer der größten Indoor-Cannabisanlagen Europas, sondern auch eine neue Form der Beteiligung für Kleinanleger am wachsenden Cannabis-Markt.

Im Zentrum stand das Beteiligungsmodell Cannergrow, das Privatpersonen den Erwerb sogenannter Pflanzenstellplätze ermöglichte. Cannerald übernahm Anbau, Ernte und Vermarktung, während die Investoren an den Erlösen beteiligt werden sollten. Laut Recherchen beteiligten sich mehr als 40.000 Anleger, das Gesamtinvestitionsvolumen soll bei über 100 Millionen Euro gelegen haben.

Was als innovatives Beteiligungskonzept begann, entwickelte sich jedoch für viele Investoren zu einer finanziellen Belastung.

Anspruch und Realität

In Präsentationen, Videos und öffentlichen Auftritten stellte Cannerald ein hochmodernes Produktionssystem vor: automatisierte Indoor-Anlagen, präzise Klima- und Lichtsteuerung, professionelle Qualitätskontrollen sowie perspektivisch der Einstieg in den medizinischen THC‑Markt. Die Produktionsstätte nahe Bern wurde als zukunftsweisend beschrieben, mit Ausrichtung auf GMP-Zertifizierung und internationale Märkte.

Interne Auswertungen und Recherchen zeichnen jedoch ein anderes Bild:

  • Die tatsächlichen Erträge lagen bei etwa 25 bis 30 Gramm pro Pflanze, nicht bei den kommunizierten 70 Gramm.
  • Die Verkaufspreise pro Gramm sanken ab 2020 deutlich – von rund 1,50 Euro auf zeitweise etwa 0,30 Euro.
  • In einzelnen Phasen überstiegen allein die Stromkosten die erzielten Erlöse pro Pflanze.

Unter diesen Bedingungen war ein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb kaum darstellbar. Dennoch wurden weiterhin neue Pflanzenplätze beworben und zusätzliche Expansionspläne kommuniziert.

Kapitalverwendung und fehlende Transparenz

Interne Quellen und veröffentlichte Unterlagen legen nahe, dass Investorengelder nicht ausschließlich für den operativen Ausbau verwendet wurden. Stattdessen sollen Mittel unter anderem in Immobilien, Nebenprojekte und Beteiligungen an Drittgesellschaften geflossen sein.

Kritisch gesehen wird auch der interne Handel mit Pflanzenstellplätzen über einen hauseigenen Marktplatz sowie ein mehrstufiges Empfehlungs- und Provisionssystem mit Vergütungen über mehrere Ebenen hinweg. Diese Strukturen werfen Fragen nach der langfristigen Tragfähigkeit und der tatsächlichen Wertschöpfung des Modells auf.

Rechtliche Vorwürfe und Verdachtsmomente

In mehreren juristischen Ausarbeitungen werden unter anderem folgende Verdachtsmomente aufgeführt:

  • Kapitalanlagebetrug durch unrealistische Ertragsprognosen
  • Täuschung über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens
  • mögliche Insolvenzverschleppung trotz absehbarer Zahlungsprobleme
  • Zweckentfremdung von Anlegergeldern
  • Verdacht auf ein schneeballsystemähnliches Konstrukt, bei dem neue Investitionen bestehende Verpflichtungen deckten

Darüber hinaus gibt es Hinweise auf Vermögensverlagerungen ins Ausland sowie auf familiäre und geschäftliche Verbindungen außerhalb Europas.

Kommunikation statt Offenlegung

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Außendarstellung des Unternehmens. Digitale Dashboards, Rechner, Statusvideos und regelmäßig veröffentlichte Updates vermittelten den Eindruck von Transparenz und Kontrolle. Tatsächlich wurden jedoch wesentliche Kennzahlen wie reale Ernteerträge, effektive Kostenstrukturen oder Nettoverkaufserlöse nur unvollständig oder gar nicht offengelegt.

Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einer stark marketinggetriebenen Kommunikation, die wirtschaftliche Probleme überdeckte, anstatt sie offen anzusprechen.

Rolle der Gründer

Die Gründer, insbesondere Levin A., standen lange im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung und galten als treibende Kräfte des Projekts. In späteren Phasen sollen einzelne Beteiligte versucht haben, sich durch gesellschaftsrechtliche Umstrukturierungen, Vermögensübertragungen und private Absicherungen zu schützen.

Ob diese Schritte im Zusammenhang mit einer möglichen Unternehmenskrise stehen, ist bislang nicht abschließend geklärt. Ebenso offen ist, in welchem Umfang geschädigte Anleger mit Rückzahlungen rechnen können.

Fazit

Der Fall Cannerald verdeutlicht die Risiken von hochkomplexen Beteiligungsmodellen in jungen, nur eingeschränkt regulierten Märkten. Eine Kombination aus ambitionierten Versprechen, emotionaler Ansprache und mangelnder Transparenz hat dazu geführt, dass viele Privatanleger heute finanzielle Verluste befürchten oder bereits realisiert haben.

Die Geschichte dient als Warnsignal – für Investoren, für Gründer und auch für Aufsichtsbehörden. Gerade in neuen Wachstumsbranchen wie dem Cannabis-Sektor zeigt sich, wie wichtig frühzeitige Kontrolle, klare Regulierung und nachvollziehbare Offenlegung wirtschaftlicher Kennzahlen sind.

 

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