Die Warnung kommt mit scharfen Worten – und sie richtet sich gegen eine Entwicklung, die sich vielerorts im deutschen Gesundheitswesen längst etabliert hat: investorengesteuerte Arztpraxen. Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Wolfgang Ritter, sieht in dieser Entwicklung eine ernsthafte Bedrohung für die medizinische Versorgung der Bevölkerung.
„In unserem Gesundheitssystem haben sich leider längst investorengesteuerte Arztpraxen etabliert, die rein gewinnorientiert Operationen vornehmen, die völlig unnötig wären“, sagte Ritter gegenüber der Augsburger Allgemeinen. Seine drastische Warnung: „Hier droht unser aller Tod.“
Wenn Rendite über Patientenwohl steht
Was Ritter damit meint, ist die schleichende Kommerzialisierung medizinischer Entscheidungen. Arztpraxen, die von großen Kapitalgesellschaften übernommen werden, stehen laut Kritikern unter einem hohen wirtschaftlichen Druck, möglichst viele lukrative Behandlungen durchzuführen – ob diese medizinisch notwendig sind oder nicht.
Ein Beispiel: Ein Patient mit leichten Rückenschmerzen bekommt statt einer konservativen Behandlung gleich eine Operation empfohlen – weil ein operativer Eingriff für die Praxis, hinter der ein Investor steht, wirtschaftlich rentabler ist. Aus Sicht vieler Hausärzte wird so das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient aufs Spiel gesetzt.
Der Trend nimmt zu – mit wenig Regulierung
In Deutschland ist es zwar niedergelassenen Ärzten vorbehalten, eine Praxis zu führen. Doch sogenannte MVZ – Medizinische Versorgungszentren – dürfen auch von Klinikketten oder Kapitalgesellschaften betrieben werden. Und genau hier liegt das Einfallstor: Großinvestoren, teils aus dem Ausland, erwerben Anteile an solchen Zentren, oft über verschachtelte Firmenkonstrukte.
„Was auf dem Türschild wie eine ganz normale Praxis aussieht, ist in Wahrheit Teil eines renditegetriebenen Netzwerks“, so Ritter. Besonders in Bereichen wie der Augenheilkunde, Zahnmedizin oder Orthopädie sei dieser Trend bereits weit fortgeschritten.
Sorge um flächendeckende, unabhängige Versorgung
Neben dem Aspekt der Überversorgung steht auch die Sorge im Raum, dass unrentable Regionen – etwa auf dem Land – zunehmend vernachlässigt werden. Investoren würden vor allem dort investieren, wo schnelle Gewinne möglich sind: in Großstädten und Ballungsräumen. Damit droht die Kluft zwischen Stadt und Land in der medizinischen Versorgung noch größer zu werden.
Forderung nach politischen Konsequenzen
Der Bayerische Hausärzteverband fordert daher klare gesetzliche Regelungen, um rein kapitalgetriebene Strukturen im ambulanten Sektor einzudämmen. Ziel müsse eine patientenorientierte, unabhängige Versorgung sein, bei der ärztliche Entscheidungen ausschließlich auf medizinischen Notwendigkeiten beruhen – und nicht auf betriebswirtschaftlichen Vorgaben.
Fazit: Was sich auf den ersten Blick nach betrieblicher Modernisierung anhört, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als potenzielle Gefahr für das Grundvertrauen in unser Gesundheitssystem. Die Hausärzte fordern: Medizin darf kein Geschäftsmodell sein – zumindest nicht auf Kosten der Patienten.