474 Einsätze in nur neun Monaten – fast doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr
Die Zahlen, über die das tschechische Fernsehen ČT24 unter Berufung auf den Prager Rettungsdienst berichtet, zeigen eine deutliche Entwicklung.
Während 2023 noch 109 entsprechende Einsätze bei unter 20-Jährigen registriert wurden, stieg die Zahl 2024 auf 167 und 2025 auf 253.
Bereits Ende September 2026 waren es 474.
Damit liegt die Zahl der bisherigen Einsätze dieses Jahres schon rund 87 Prozent über dem gesamten Vorjahreswert.
| Zeitraum | Einsätze bei unter 20-Jährigen |
|---|---|
| 2023 | 109 |
| 2024 | 167 |
| 2025 | 253 |
| Januar–September 2026 | 474 |
Besonders bemerkenswert ist, dass die aktuelle Zahl lediglich neun Monate umfasst. Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, könnte der Jahreswert nochmals deutlich höher ausfallen.
Allerdings ist bei der Interpretation Vorsicht geboten: Es handelt sich um Rettungsdiensteinsätze mit Verdacht auf eine Cannabinoidintoxikation, nicht um 474 durch Labortests bestätigte Vergiftungen. Zudem lässt sich aus der Statistik nicht unmittelbar ablesen, wie viele unterschiedliche Personen betroffen waren.
Trotz dieser Einschränkung ist der Anstieg erheblich.
Jedes zweite betroffene Kind beziehungsweise jeder zweite Jugendliche ist minderjährig
Nach Angaben des Rettungsdienstsprechers Karel Kirs war etwa die Hälfte der unter 20-jährigen Patienten noch keine 18 Jahre alt.
Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Einsätze Minderjährige betrifft.
Besonders alarmierend ist das Alter der jüngsten Patienten.
Im Jahr 2023 war der jüngste Betroffene 14 Jahre alt. In den Jahren 2024 und 2025 wurden dagegen bereits elfjährige Kinder registriert.
Diese Entwicklung wirft Fragen auf: Wie gelangen Kinder in diesem Alter an psychoaktive Substanzen? Welche Rolle spielen Gleichaltrige, soziale Netzwerke und das familiäre Umfeld? Und reichen die bisherigen Präventionsmaßnahmen aus?
Dass bereits Kinder im Grundschulalter oder zu Beginn der weiterführenden Schule mit solchen Substanzen in Kontakt kommen, macht deutlich, dass Aufklärung nicht erst bei älteren Jugendlichen beginnen sollte.
Auch die Gesamtzahl der Rettungsdiensteinsätze steigt massiv
Der Anstieg betrifft nicht nur Minderjährige.
Über alle Altersgruppen hinweg registrierte der Prager Rettungsdienst nach Angaben von Kirs im Jahr 2023 ungefähr 500 Einsätze mit Verdacht auf eine Cannabinoidintoxikation.
2024 waren es bereits rund 820, im Jahr 2025 mehr als 1.000.
Bis Ende September 2026 wurden bereits etwa 1.600 solcher Einsätze dokumentiert.
Die unter 20-Jährigen machten damit im bisherigen Jahresverlauf knapp 30 Prozent dieser Einsätze aus.
Das zeigt, dass es sich nicht ausschließlich um ein Jugendproblem handelt.
Gleichzeitig ist der hohe Anteil junger Menschen ein besonderes Warnsignal, weil sich Kinder und Jugendliche körperlich und psychisch noch in der Entwicklung befinden.
Eine wichtige offene Frage bleibt, ob tatsächlich der Konsum entsprechend stark zunimmt, ob sich die konsumierten Substanzen verändert haben oder ob weitere Faktoren die steigenden Einsatzzahlen beeinflussen.
Cannabis ist nicht gleich Cannabis: Neue Cannabinoide erhöhen die Risiken
Ein zentrales Problem liegt in der großen Vielfalt der inzwischen verfügbaren Cannabinoide.
Zu dieser Stoffgruppe gehören sowohl natürlich vorkommende als auch synthetisch oder halbsynthetisch hergestellte Substanzen.
Besonders bekannt ist THC, der hauptsächlich für die berauschende Wirkung von Cannabis verantwortliche Wirkstoff.
Daneben gibt es CBD, das nicht die typische THC-ähnliche Rauschwirkung hervorruft, sowie neuere Stoffe wie HHC und THCP.
Diese Substanzen dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden.
Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Wirkungen, Risiken und wissenschaftlichen Erforschung teilweise erheblich.
Insbesondere bei neueren synthetischen oder halbsynthetischen Cannabinoiden können Wirkstärke, Zusammensetzung und mögliche gesundheitliche Folgen schwer einzuschätzen sein.
Problematisch wird dies vor allem dann, wenn Verbraucher nicht genau wissen, welche Stoffe und Konzentrationen ein Produkt enthält.
Die Prager Rettungsdienststatistik erlaubt allerdings keine zuverlässige Aussage darüber, welcher Anteil der Einsätze auf THC, HHC, THCP oder andere Cannabinoide zurückzuführen ist.
Gummibärchen, Öle und Vapes: Wenn gefährliche Produkte harmlos aussehen
Nach den Angaben im Bericht werden Cannabinoide in sehr unterschiedlichen Formen angeboten beziehungsweise konsumiert.
Dazu zählen getrocknete Cannabisblüten, Verdampferkartuschen, Extrakte, Öle und essbare Produkte wie Gummibärchen.
Gerade bei essbaren Produkten besteht ein besonderes Risiko.
Die Wirkung kann verzögert einsetzen. Wer zunächst wenig spürt, nimmt möglicherweise eine weitere Menge ein, bevor die erste Dosis ihre volle Wirkung entfaltet.
Hinzu kommt, dass Süßigkeiten oder andere Lebensmittel mit Cannabinoiden für Kinder auf den ersten Blick harmlos wirken können.
Auch die tatsächliche Wirkstoffmenge lässt sich ohne verlässliche Kennzeichnung und Prüfung häufig nicht beurteilen.
Für Familien ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz: Produkte mit psychoaktiven Inhaltsstoffen dürfen nicht so aufbewahrt werden, dass Kinder sie mit gewöhnlichen Lebensmitteln verwechseln können.
Panikattacken, Erbrechen und Bewusstlosigkeit
Die gesundheitlichen Folgen einer akuten Cannabinoidintoxikation können erheblich sein.
Nach Angaben der im tschechischen Bericht zitierten medizinischen Fachleute gehören unter anderem Angstzustände, Panikattacken, stark beschleunigte Atmung, Übelkeit und Erbrechen zu den beobachteten Beschwerden.
Auch Bewusstseinsstörungen und Bewusstlosigkeit kommen vor.
Besonders gefährlich ist die Situation, wenn bewusstlose oder stark benommene Patienten erbrechen.
Dann besteht die Gefahr, dass Erbrochenes in die Atemwege gelangt.
Dies kann zu schweren Komplikationen führen.
Der Prager Rettungsdienst berichtet, dass Patienten mit entsprechenden Beschwerden teilweise auf Intensivstationen behandelt werden müssen.
Die Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen kann zusätzliche Risiken verursachen.
Dabei ist wichtig: Nicht jede Einnahme eines Cannabinoids führt zu einer Vergiftung. Die berichteten Rettungsdiensteinsätze betreffen Situationen, in denen medizinische Hilfe wegen einer vermuteten akuten gesundheitlichen Beeinträchtigung erforderlich wurde.
Wie kommen Minderjährige an diese Substanzen?
Die Sprecherin des Toxikologischen Informationszentrums am Allgemeinen Universitätskrankenhaus Prag, Hedvika Hilská, nennt mehrere mögliche Bezugswege.
Demnach gelangen Minderjährige häufig über Gleichaltrige, ältere Bekannte, soziale Netzwerke, illegale Online-Shops oder zu Hause aufbewahrte Vorräte an Cannabinoide.
Damit zeigt sich eine zentrale Schwierigkeit der Prävention.
Selbst wenn bestimmte Produkte nicht legal an Minderjährige verkauft werden dürfen, bedeutet dies nicht, dass Jugendliche keinen Zugang finden.
Der Handel kann sich auf informelle Kontakte oder illegale Vertriebswege verlagern.
Auch Erwachsene tragen Verantwortung, wenn psychoaktive Produkte ungesichert in Wohnungen aufbewahrt werden.
Verbote allein lösen das Problem nicht
Tschechien hat seine Regelungen für verschiedene Cannabinoide verändert.
Nach den Angaben im Bericht dürfen Erwachsene ab 21 Jahren seit Januar 2026 begrenzte Mengen Cannabis für den Eigenbedarf besitzen und anbauen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ein allgemeiner legaler Freizeitverkauf von THC-haltigem Cannabis erlaubt wäre.
Andere Stoffe, darunter HHC und THCP, unterliegen strengeren gesetzlichen Beschränkungen.
Die unterschiedlichen Regelungen zeigen, wie komplex die Regulierung dieser Stoffgruppe geworden ist.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass immer wieder neue synthetische oder halbsynthetische Verbindungen auftauchen können, deren rechtliche Einordnung und gesundheitliche Risiken zunächst unklar sind.
Ein Verkaufsverbot kann die legale Verfügbarkeit einschränken. Es verhindert jedoch nicht zwangsläufig die Weitergabe über illegale Märkte.
Deshalb braucht es neben rechtlichen Regelungen auch Aufklärung, Jugendschutz und eine bessere Überwachung gesundheitlicher Notfälle.
Was bedeutet die Entwicklung für Deutschland?
Die Prager Zahlen lassen sich nicht unmittelbar auf Deutschland übertragen.
Unterschiedliche Gesetze, Konsumgewohnheiten, Bevölkerungsstrukturen und Erfassungsmethoden können die Statistiken beeinflussen.
Dennoch sind die Entwicklungen auch für deutsche Eltern, Schulen und Gesundheitseinrichtungen relevant.
Cannabinoidprodukte, darunter neuartige synthetische und halbsynthetische Stoffe, sind kein ausschließlich tschechisches Phänomen.
Die grundlegenden Risiken einer unklaren Wirkstoffzusammensetzung, hoher Dosierungen und einer versehentlichen Aufnahme durch Kinder bestehen unabhängig von Landesgrenzen.
Besonders wichtig ist daher die Frage, wie Jugendliche zuverlässig über Unterschiede zwischen verschiedenen Cannabinoiden und über akute Gesundheitsgefahren informiert werden können.
Pauschale Verharmlosung hilft dabei ebenso wenig wie undifferenzierte Panikmache.
Was Eltern und Schulen jetzt beachten sollten
Prävention beginnt mit verständlicher und glaubwürdiger Information.
Kinder und Jugendliche sollten wissen, dass auch Produkte, die wie Süßigkeiten aussehen oder als vermeintlich harmlose Alternativen beworben werden, psychoaktive Wirkstoffe enthalten können.
Eltern sollten aufmerksam sein, wenn Jugendliche nach dem Konsum unbekannter Produkte plötzlich starke Angst, Verwirrtheit, Erbrechen oder Bewusstseinsstörungen entwickeln.
Bei schweren Symptomen, insbesondere Bewusstlosigkeit, Atemproblemen oder Krampfanfällen, sollte unverzüglich der Rettungsdienst unter 112 verständigt werden.
Bewusstlosen Personen dürfen keine Getränke oder Lebensmittel eingeflößt werden. Bei normaler Atmung ist die stabile Seitenlage sinnvoll; bei fehlender normaler Atmung muss sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden.
Wichtig ist außerdem, medizinischem Personal möglichst genaue Informationen über konsumierte Produkte zu geben, soweit diese bekannt sind.