Im tropischen Pazifik entwickelt sich derzeit ein außergewöhnlich starker El Niño. Die Wassertemperaturen liegen in Teilen deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Das kann Wettermuster auf der ganzen Welt verändern und möglicherweise auch Auswirkungen auf den kommenden Winter in Deutschland haben.
Nach den derzeitigen Prognosen könnte El Niño bis weit in den Winter 2026/27 hinein anhalten. In einigen Regionen der Erde sind die Folgen wesentlich direkter als in Europa: Dürren, Starkregen, Überschwemmungen, Hitze und eine erhöhte Waldbrandgefahr können durch veränderte Niederschlags- und Luftströmungen begünstigt werden.
Was ist El Niño eigentlich?
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Normalerweise treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser Richtung Westen. Während eines El-Niño-Ereignisses schwächen sich diese Winde ab oder verändern sich. Dadurch sammelt sich ungewöhnlich warmes Wasser weiter östlich und im zentralen Pazifik.
Schon wenige Grad Temperaturabweichung auf einer riesigen Meeresfläche können erhebliche Folgen haben. Denn der Pazifik gibt große Mengen Wärme an die Atmosphäre ab und beeinflusst dadurch Luftdruck, Wind und Niederschläge.
Die Auswirkungen reichen deshalb weit über den Pazifik hinaus.
Deutschland liegt weit entfernt – Auswirkungen trotzdem möglich
Für Deutschland ist die Situation komplizierter.
El Niño bestimmt nicht unmittelbar das Wetter in Deutschland. Anders als beispielsweise in Teilen Südamerikas, Australiens oder Südostasiens ist der Zusammenhang zwischen El Niño und dem europäischen Wetter wesentlich schwächer.
Über Veränderungen der großräumigen Luftströmungen können allerdings indirekte Auswirkungen bis nach Europa reichen.
Deshalb lassen sich aus einem starken El Niño keine zuverlässigen Aussagen wie „Deutschland bekommt einen warmen Winter“ oder „Deutschland bekommt einen Eiswinter“ ableiten.
Winter könnte insgesamt mild werden
Aktuelle längerfristige Wettermodelle deuten derzeit darauf hin, dass der Winter 2026/27 in Deutschland insgesamt eher überdurchschnittlich mild ausfallen könnte. Auch mehr Niederschlag ist in einigen Regionen möglich.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Schnee und Frost ausbleiben.
Ein Winter kann beispielsweise im Durchschnitt zwei Grad zu warm sein und trotzdem zwischendurch eine oder mehrere Wochen mit strengem Frost und Schnee bringen.
Gerade bei langfristigen Vorhersagen ist deshalb der Unterschied zwischen Durchschnittstemperatur eines ganzen Winters und dem Wetter einzelner Wochen wichtig.
Polarwirbel könnte für Überraschungen sorgen
Besonders interessant werden möglicherweise Januar und Februar.
Ein sehr starker El Niño kann unter bestimmten Bedingungen Vorgänge bis in die Stratosphäre beeinflussen. Dort befindet sich im Winter der sogenannte Polarwirbel – ein großes Starkwindgebiet rund um die Arktis.
Solange dieser Polarwirbel stabil ist, bleibt ein großer Teil der extrem kalten arktischen Luft weit im Norden.
Wird er stark gestört oder geschwächt, können sich die Luftströmungen verändern. Unter bestimmten Wetterlagen kann dann sehr kalte Luft weiter nach Europa und damit auch nach Deutschland gelangen.
Das bedeutet jedoch ausdrücklich nicht, dass ein starker El Niño automatisch einen Zusammenbruch des Polarwirbels verursacht oder Deutschland deshalb einen Kälteeinbruch bekommt.
Im September lässt sich eine solche Wetterlage für Januar oder Februar nicht seriös vorhersagen.
Mild und trotzdem Schnee – kein Widerspruch
Für Deutschland ergibt sich deshalb zunächst ein scheinbarer Widerspruch:
Der Winter könnte insgesamt wärmer als üblich werden und trotzdem einzelne kräftige Wintereinbrüche bringen.
So könnten sich längere milde und nasse Phasen mit kurzen Perioden von Schnee, Glätte und strengem Nachtfrost abwechseln.
Ob Leipzig, Berlin, München oder Hamburg zu einem bestimmten Zeitpunkt Schnee bekommen, kann aus der aktuellen El-Niño-Entwicklung noch nicht abgeleitet werden.
Weltweit sind die Folgen wesentlich deutlicher
In anderen Regionen sind die Zusammenhänge mit El Niño stärker.
Teile Südamerikas können ungewöhnlich viel Regen bekommen, während in Teilen Südostasiens und Australiens Trockenheit und Waldbrandgefahr zunehmen können. Auch tropische Wirbelstürme werden beeinflusst: Im Atlantik können die Bedingungen für Hurrikane ungünstiger werden, während sie sich im östlichen und zentralen Pazifik teilweise verbessern.
Damit kann ein einziges Klimaphänomen gleichzeitig in einer Weltregion Überschwemmungen und in einer anderen extreme Trockenheit begünstigen.
Könnte 2027 besonders heiß werden?
Auch diese Möglichkeit wird diskutiert.
El Niño gibt zusätzliche Wärme aus dem Ozean an die Atmosphäre ab und kann dadurch die globale Durchschnittstemperatur zeitweise zusätzlich erhöhen. Gleichzeitig wirkt die langfristige menschengemachte Erwärmung weiter.
Ein starkes El-Niño-Ereignis zum Jahresende 2026 könnte deshalb auch die globale Temperaturentwicklung 2027 beeinflussen.
Ob daraus allerdings tatsächlich ein neuer weltweiter Temperaturrekord entsteht, steht noch nicht fest.
Was bedeutet das konkret für Deutschland?
Für Deutschland lautet die wichtigste Aussage derzeit: Ein ungewöhnlich starker El Niño bedeutet nicht automatisch einen extremen Winter.
Momentan sprechen längerfristige Signale eher für einen insgesamt milden Winter 2026/27. Trotzdem bleiben kräftige Kälteeinbrüche, Frost und Schnee möglich – insbesondere dann, wenn sich die großräumigen Luftströmungen über Europa entsprechend verändern.
Für eine zuverlässige Vorhersage einzelner Kälte- oder Schneeperioden ist es im September noch viel zu früh.
Der warme Pazifik liefert damit ein wichtiges Signal für die weltweite Wetterentwicklung. Wie stark Deutschland davon tatsächlich betroffen sein wird, entscheidet sich aber erst durch das Zusammenspiel vieler weiterer Faktoren in Atmosphäre und Ozeanen.