Seit Jahrzehnten werben vermeintlich einsame Frauen und Männer in Zeitungsanzeigen um die große Liebe. Doch nach Recherchen des MDR steckt hinter vielen dieser Anzeigen offenbar ein weit verzweigtes Firmengeflecht, das vor allem eines im Blick gehabt haben soll: den Verkauf teurer Vermittlungsverträge. Nun belasten Insider das System – und Ermittlungsbehörden sind aktiv.
Die Anzeigen wirken harmlos und wecken Hoffnung. Eine „bildschöne, schlanke Angestellte“, eine „häusliche Witwe“ oder ein „Arzt mit Herz“ suchen einen Partner fürs Leben. Millionen Menschen haben solche Kontaktanzeigen in regionalen Zeitungen und Anzeigenblättern gelesen. Für viele alleinstehende Menschen wurden sie zum vermeintlichen Beginn einer neuen Beziehung.
Nach umfangreichen Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) könnte hinter zahlreichen dieser Anzeigen jedoch ein über Jahrzehnte gewachsenes Geschäftsmodell stehen, bei dem weniger die Partnersuche als vielmehr der Abschluss lukrativer Verträge im Mittelpunkt gestanden haben soll. Ehemalige Mitarbeiter, interne Schulungsunterlagen und laufende Ermittlungen zeichnen das Bild eines Systems, das gezielt mit den Hoffnungen einsamer Menschen gearbeitet haben soll.
Auffällige Muster bei den Kontaktanzeigen
Besonders stutzig macht ein Detail: Dieselben Frauen tauchen nach MDR-Recherchen über Jahre hinweg in unterschiedlichen Anzeigen verschiedener Vermittlungsagenturen auf – teilweise mit identischen Beschreibungen, aber unterschiedlichen Altersangaben oder wechselnden Firmennamen.
So soll etwa eine angeblich partnersuchende Frau zunächst für eine Agentur in Mecklenburg-Vorpommern geworben haben und wenige Monate später nahezu wortgleich bei einem Unternehmen in Niedersachsen erschienen sein. Solche Übereinstimmungen finden sich laut MDR bei zahlreichen Anzeigen.
Für den Hamburger Rechtsanwalt Julian Diefenbach sind solche Anzeigen problematisch. Sie könnten geeignet sein, bei Interessenten einen Irrtum über die tatsächlichen Umstände hervorzurufen und seien deshalb rechtlich bedenklich.
Insider schildern ein zentral gesteuertes System
Besonders brisant sind die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter. Mehrere Insider berichten dem MDR, die Kontaktanzeigen seien zentral erstellt worden. Als Schlüsselfigur nennen sie einen Mann, der nach ihren Aussagen anhand einer Art Erfolgsliste entschied, welche Formulierungen besonders gut funktionierten und deshalb immer wieder verwendet wurden.
Auf eine Anfrage des MDR reagierte der Betroffene innerhalb der gesetzten Frist nicht.
Nach Angaben der Insider sollen zahlreiche Vermittlungsfirmen eng miteinander verbunden gewesen sein – unter anderem über Geschäftsführer, Gesellschafter, Außendienstmitarbeiter, ein gemeinsames Callcenter sowie nahezu identische Vertragsunterlagen. MDR-Recherchen deuten auf Verbindungen zwischen mehr als 30 bestehenden oder ehemaligen Unternehmen hin.
Die große Liebe als Verkaufsargument
Nach Darstellung zahlreicher Betroffener begann das eigentliche Geschäft erst nach dem ersten Telefonkontakt.
Außendienstmitarbeiter besuchten Interessenten häufig zu Hause. In oft stundenlangen Gesprächen sei von einer besonders passenden Partnerin oder einem idealen Partner geschwärmt worden. Gleichzeitig sei Zeitdruck aufgebaut worden, weil die angebliche Wunschperson auch andere Interessenten habe.
Am Ende unterschrieben viele Kunden Verträge im Wert von bis zu 4.800 Euro.
Doch statt der versprochenen Traumfrau oder des Traummanns erhielten sie nach Angaben der Betroffenen lediglich Listen mit einer vertraglich vereinbarten Anzahl von Freizeitkontakten. Diese Personen entsprachen häufig weder den zuvor beschriebenen Vorstellungen noch wohnten sie in der näheren Umgebung.
Juristisch schwer angreifbar
Das Besondere an diesem Geschäftsmodell: Formal erfüllten die Unternehmen häufig genau das, was im Vertrag vereinbart war.
Während im Verkaufsgespräch von der großen Liebe oder einer konkreten Person die Rede gewesen sein soll, verpflichteten sich die Firmen schriftlich lediglich zur Vermittlung einer bestimmten Zahl von Kontakten. Da diese Kontakte tatsächlich verschickt wurden, sahen die Unternehmen ihre Leistung als vollständig erbracht an.
Hinzu kommt ein weiterer Kniff: Viele Kunden unterschrieben gleichzeitig eine Erklärung, wonach sie ausdrücklich wünschten, dass die Dienstleistung sofort beginnt. Dadurch konnte das gesetzliche Widerrufsrecht nach vollständiger Leistungserbringung entfallen. Nach Angaben des MDR berichten Betroffene jedoch, sie hätten die Tragweite dieser Dokumente während der langen Verkaufsgespräche häufig nicht erkannt.
Neue Beweise könnten Ermittlungen verändern
Lange scheiterten Betroffene vor Gericht häufig an der Beweisfrage. Was Außendienstmitarbeiter im persönlichen Gespräch versprochen hatten, ließ sich später kaum nachweisen.
Nach Einschätzung des MDR könnte sich dies nun ändern. Den Journalisten liegen interne Schulungsunterlagen, Audioaufnahmen sowie Aussagen ehemaliger Mitarbeiter vor, die nach ihrer Darstellung erhebliche Parallelen zu den Schilderungen der Kunden aufweisen.
Ermittlungen wegen schweren Betrugs
Inzwischen beschäftigen sich Polizei, Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung mit mehreren Vermittlungsunternehmen. Grundlage ist unter anderem eine Strafanzeige von Betroffenen.
Im Raum stehen laut MDR Vorwürfe des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Der Jenaer Strafrechtsprofessor Edward Schramm bewertet die geschilderten Vorwürfe – sollten sie sich im Ermittlungsverfahren bestätigen – als möglichen Betrug in einem besonders schweren Fall, der mit empfindlichen Freiheitsstrafen geahndet werden kann. Für alle Beschuldigten gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Forderungen in Millionenhöhe
Nach Angaben des MDR wurden seit 2002 mehr als 16.000 gerichtliche Mahnverfahren von Firmen beantragt, die dem recherchierten Unternehmensnetzwerk zugerechnet werden. Bei durchschnittlichen Vertragswerten von rund 3.000 Euro ergibt sich allein daraus ein rechnerisches Forderungsvolumen von etwa 48 Millionen Euro. Da viele Kunden ihre Verträge bereits unmittelbar beim Abschluss vollständig bezahlt haben sollen, könnte das tatsächliche Geschäftsvolumen noch deutlich höher liegen.
Ein Geschäft mit der Hoffnung
Der Fall zeigt, wie verletzlich insbesondere ältere und alleinstehende Menschen gegenüber professionell organisierten Vertriebsmodellen sein können. Wer sich nach Nähe und einer neuen Partnerschaft sehnt, trifft Entscheidungen häufig nicht allein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten.
Ob sich die Vorwürfe strafrechtlich bestätigen lassen, müssen nun die Ermittlungsbehörden klären. Die MDR-Recherchen legen jedoch nahe, dass hinter den vermeintlich romantischen Zeitungsanzeigen über viele Jahre ein Geschäftsmodell gestanden haben könnte, das vor allem von der Sehnsucht nach Liebe und Gemeinschaft profitierte.