Jedes Jahr im Winter wiederholt sich ein Ritual, das außerhalb der Jagdszene nur selten breite Aufmerksamkeit erhält: Bundesweit beginnt die intensive Bejagung von Raubtieren. Besonders der Rotfuchs steht dabei im Fokus. Während Jägerinnen und Jäger von Bestandsregulierung und Naturschutz sprechen, zweifeln Naturschützer zunehmend am Sinn und an den Folgen der sogenannten Fuchs- oder Raubwildwochen.
Immer mehr Menschen mit Jagdschein
Noch nie gab es in Deutschland so viele Jägerinnen und Jäger wie heute. Nach Angaben des Deutscher Jagdverband besitzen inzwischen 467.682 Menschen bundesweit einen gültigen Jagdschein. Auch in Schleswig-Holstein ist der Trend deutlich sichtbar: Mehr als 22.600 Jagdscheininhaberinnen und -inhaber sind dort registriert – Tendenz steigend.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Zahl, sondern auch die Zusammensetzung. Zunehmend entscheiden sich junge Menschen und Frauen für die Jagd. Laut René Hartwig vom Landesjagdverband Schleswig-Holstein spielen dabei mehrere Motive eine Rolle. Genannt werden vor allem das intensive Naturerlebnis, das Engagement für Naturschutz vor Ort sowie der Wunsch nach regionalem, selbst gewonnenem Wildfleisch.
Raubwildwochen mobilisieren Jägerschaft
Ein fester Bestandteil des Jagdjahres sind die sogenannten Raubwildwochen, die derzeit in ganz Deutschland stattfinden. Sie gelten als Höhepunkt der Raubwildbejagung und mobilisieren jedes Jahr tausende Jägerinnen und Jäger. Ziel sei es, die Population von heimischen und nicht heimischen Prädatoren zu regulieren, erklärt Hartwig.
Neben invasiven Arten wie Marderhund oder Waschbär steht vor allem der Rotfuchs im Mittelpunkt. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Von Mitte Dezember bis Mitte Februar befinden sich Füchse in der Paarungszeit. In dieser Phase sind die Tiere besonders aktiv, verlassen häufiger ihre Bauten und sind auch tagsüber zu sehen – was sie für Jäger leichter auffindbar macht.
An den Jagden dürfen grundsätzlich alle teilnehmen, die einen gültigen Jagdschein besitzen. Voraussetzung ist allerdings die Abstimmung mit den jeweiligen Revierpächterinnen und -pächtern. Die Jagdmethoden unterscheiden sich je nach Region: Häufig sitzen Jäger auf dem Hochsitz oder pirschen sich an. In einigen Gebieten kommen auch Treib- oder Drückjagden zum Einsatz, die bei Wildtieren erheblichen Stress verursachen können.
Zehntausende Füchse pro Jahr
Die Zahlen sind hoch. Allein in Schleswig-Holstein wurden im vergangenen Jagdjahr laut Landwirtschaftsministerium rund 16.375 Füchse erlegt. Dieses Niveau ist seit Jahren relativ konstant. Bundesweit geht es um ein Vielfaches davon – jedes Jahr werden Zehntausende Tiere getötet.
Für die Jägerschaft ist das ein notwendiger Eingriff. Füchse gelten als extrem anpassungsfähig, haben kaum natürliche Feinde und verfügen über ein breites Beutespektrum. Dazu zählen Nagetiere, Bodenbrüter, Amphibien sowie Jungtiere größerer Säugetiere. Durch die Jagd, so die Argumentation, würden gefährdete Arten geschützt und die Biodiversität insgesamt stabilisiert.
Diese Sichtweise teilt auch das Landwirtschaftsministerium Schleswig-Holstein. Auf Anfrage heißt es, die Fuchspopulation im Land sei stabil. Die Jagd trage dazu bei, ein Gleichgewicht im Bestand zu erhalten und übermäßige Ausbreitung zu verhindern.
Naturschützer zweifeln am Nutzen
Doch genau an diesem Punkt setzt die Kritik von Naturschützern an. Sie bezweifeln, dass die intensive Bejagung tatsächlich langfristige Effekte auf die Fuchspopulation hat. Studien zeigen, dass Füchse auf starken Jagddruck mit höherer Reproduktionsrate reagieren können. Sinkt der Bestand, werfen die verbleibenden Tiere oft größere Würfe oder besetzen frei werdende Reviere schneller neu.
Zudem stellen Kritiker infrage, ob die Jagd tatsächlich einen messbaren Beitrag zum Schutz anderer Arten leistet. Faktoren wie Lebensraumverlust, intensive Landwirtschaft oder Klimawandel hätten oft einen deutlich größeren Einfluss auf den Rückgang von Bodenbrütern und Kleinsäugern als Prädatoren wie der Fuchs.
Auch ethische Fragen spielen eine zunehmende Rolle. Besonders Treib- und Drückjagden stehen in der Kritik, weil sie Wildtiere in Panik versetzen und nicht selten auch andere Arten in Mitleidenschaft ziehen.
Zwischen Tradition, Naturschutz und Kontroverse
Die Fuchswochen stehen exemplarisch für einen grundsätzlichen Konflikt: Zwischen jagdlicher Tradition, dem Anspruch auf aktiven Naturschutz und einem wachsenden gesellschaftlichen Unbehagen gegenüber der Tötung von Wildtieren. Während die Zahl der Jägerinnen und Jäger steigt, wächst zugleich die öffentliche Debatte darüber, wie viel Eingriff in die Natur sinnvoll und gerechtfertigt ist.
Fest steht: Die jährliche Bejagung von Füchsen ist kein Randthema. Sie betrifft zehntausende Tiere, bindet erhebliche Ressourcen – und wirft Fragen auf, die weit über die Jagdsaison hinausreichen. Ob die Fuchswochen langfristig mehr Nutzen als Schaden bringen, bleibt umstritten. Klar ist nur: Die Diskussion darüber wird lauter.