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AOK schlägt Alarm: Psychische Erkrankungen verursachen immer mehr Fehltage in deutschen Unternehmen

geralt (CC0), Pixabay

Psychische Erkrankungen entwickeln sich zu einer immer größeren Herausforderung für die Arbeitswelt in Deutschland. Neue Zahlen des AOK-Bundesverbands zeigen, dass Beschäftigte wegen seelischer Belastungen deutlich häufiger beziehungsweise länger ausfallen als noch vor zehn Jahren. Besonders betroffen sind Menschen, die beruflich andere betreuen, pflegen, beraten oder täglich mit schwierigen Situationen konfrontiert werden. Die Entwicklung wirft Fragen nach den Arbeitsbedingungen, der Gesundheitsvorsorge und der Verantwortung der Arbeitgeber auf.

Nach Angaben des AOK-Bundesverbands entfielen im Jahr 2025 auf jeweils 100 Versicherte insgesamt 403 Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen. Zehn Jahre zuvor waren es noch 284 Tage gewesen. Das entspricht einer Zunahme von rund 42 Prozent.

Die Zahlen verdeutlichen, dass psychische Erkrankungen für die Betriebe und die betroffenen Beschäftigten erheblich an Bedeutung gewonnen haben. Hinter der Statistik stehen Menschen, die aufgrund einer ärztlich festgestellten Erkrankung zeitweise nicht mehr in der Lage sind, ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen.

Besonders auffällig ist die lange Dauer der einzelnen Krankheitsfälle. Nach Angaben der AOK fehlten Betroffene durchschnittlich fast 29 Tage je Krankheitsfall.

Damit können psychische Erkrankungen nicht nur für die Beschäftigten selbst, sondern auch für die Personalplanung der Unternehmen erhebliche Folgen haben. Wenn Mitarbeiter über mehrere Wochen ausfallen, müssen Aufgaben neu verteilt, Vertretungen organisiert und bestehende Arbeitsabläufe angepasst werden.

Für die betroffenen Menschen bedeutet eine solche Erkrankung häufig weit mehr als eine vorübergehende Unterbrechung des Berufsalltags. Psychische Erkrankungen können die Konzentrationsfähigkeit, den Schlaf, die Belastbarkeit und die Bewältigung alltäglicher Aufgaben beeinträchtigen. Die konkrete Ausprägung ist jedoch individuell sehr unterschiedlich.

Die steigenden Fehlzeiten dürfen deshalb nicht als Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft oder fehlender Belastbarkeit der Beschäftigten missverstanden werden. Eine ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung ist ebenso ernst zu nehmen wie eine Arbeitsunfähigkeit infolge körperlicher Beschwerden.

Besonders bemerkenswert ist, welche Berufsgruppen nach Angaben der AOK überdurchschnittlich häufig betroffen sind. Dazu gehören Beschäftigte in sozialen Berufen, insbesondere in der Pflege und Kinderbetreuung. Auch Mitarbeiter in Call-Centern werden als besonders betroffene Gruppe genannt.

Diese Tätigkeiten unterscheiden sich zwar in ihren konkreten Aufgaben, weisen aber mögliche gemeinsame Belastungsfaktoren auf. Dazu können hoher Zeitdruck, intensive zwischenmenschliche Kontakte, emotionale Anforderungen und begrenzte Möglichkeiten zur Erholung während des Arbeitstages gehören.

In der Pflege tragen Beschäftigte häufig Verantwortung für Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt oder auf umfassende Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig müssen sie organisatorische Anforderungen erfüllen und mitunter unter erheblichem Zeitdruck arbeiten.

In der Kinderbetreuung sind Mitarbeiter für die Sicherheit, Förderung und Betreuung von Kindern verantwortlich. Neben der pädagogischen Arbeit gehören auch die Kommunikation mit Eltern, Dokumentationspflichten und organisatorische Aufgaben zum Berufsalltag.

In Call-Centern wiederum können eine hohe Gesprächsdichte, eng vorgegebene Arbeitsabläufe und schwierige Kundengespräche belastend wirken.

Allerdings lässt sich aus den genannten AOK-Zahlen allein nicht ableiten, dass bestimmte Arbeitsbedingungen die Erkrankungen unmittelbar verursacht haben. Psychische Erkrankungen können durch verschiedene berufliche und außerberufliche Faktoren beeinflusst werden.

Gerade deshalb wäre es zu einfach, die Entwicklung ausschließlich auf einzelne Arbeitgeber oder bestimmte Berufsgruppen zurückzuführen.

Dennoch sollten die Zahlen Anlass sein, die Arbeitsbedingungen in besonders betroffenen Bereichen genauer zu untersuchen.

Eine zentrale Frage lautet, ob Beschäftigte ausreichend Möglichkeiten haben, sich von belastenden Arbeitssituationen zu erholen, und ob Unternehmen gesundheitliche Warnsignale frühzeitig erkennen.

Auch die personelle Ausstattung, die Planbarkeit von Arbeitszeiten, die Unterstützung durch Vorgesetzte und der Umgang mit Konflikten können bei der Gestaltung gesundheitsgerechter Arbeitsplätze eine Rolle spielen.

Für Arbeitgeber ergibt sich daraus eine Verantwortung, psychische Belastungen nicht erst dann zu berücksichtigen, wenn Beschäftigte bereits über längere Zeit arbeitsunfähig sind.

Das deutsche Arbeitsschutzrecht verlangt, dass Arbeitgeber bei der Gefährdungsbeurteilung auch psychische Belastungen bei der Arbeit berücksichtigen. Dabei geht es nicht darum, einzelne Beschäftigte psychologisch zu beurteilen, sondern mögliche Belastungen zu erkennen, die sich aus der Arbeitsorganisation und den Arbeitsbedingungen ergeben.

Dazu können beispielsweise dauerhaft hoher Arbeitsdruck, häufige Unterbrechungen, unklare Zuständigkeiten oder belastende Konfliktsituationen gehören.

Eine sorgfältige Gefährdungsbeurteilung kann helfen, solche Risiken systematisch zu erfassen und geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

Entscheidend ist allerdings, dass die Ergebnisse auch praktische Konsequenzen haben. Eine bloße Dokumentation möglicher Belastungen verbessert die Arbeitsbedingungen noch nicht.

Wenn sich beispielsweise zeigt, dass Beschäftigte regelmäßig unter erheblichem Zeitdruck stehen, müssen die Ursachen untersucht und mögliche organisatorische Veränderungen geprüft werden.

Auch der Umgang mit bereits erkrankten Mitarbeitern ist von Bedeutung.

Wer nach einer längeren psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeit an den Arbeitsplatz zurückkehrt, benötigt unter Umständen eine angepasste Wiedereingliederung oder andere unterstützende Maßnahmen.

Dabei müssen die persönlichen Bedürfnisse der Beschäftigten und der Schutz ihrer Gesundheitsdaten beachtet werden.

Psychische Erkrankungen sind weiterhin mit Vorurteilen verbunden. Manche Betroffene befürchten, als weniger leistungsfähig angesehen zu werden oder berufliche Nachteile zu erleiden, wenn sie offen über gesundheitliche Schwierigkeiten sprechen.

Eine solche Atmosphäre kann dazu führen, dass Probleme lange verborgen bleiben und Unterstützung erst spät in Anspruch genommen wird.

Umso wichtiger ist eine Unternehmenskultur, in der gesundheitliche Beschwerden ernst genommen werden, ohne Betroffene unter Rechtfertigungsdruck zu setzen.

Die AOK-Zahlen werfen zugleich Fragen für die sozialen Sicherungssysteme auf.

Längere Arbeitsunfähigkeitszeiten können die Arbeitgeber, die Krankenkassen und die Beschäftigten finanziell betreffen. Bei länger andauernden Erkrankungen kann nach dem Ende der gesetzlichen Entgeltfortzahlung unter den jeweiligen Voraussetzungen ein Anspruch auf Krankengeld entstehen.

Die wirtschaftlichen Folgen lassen sich aus der genannten Fehlzeitenstatistik allerdings nicht unmittelbar beziffern. Dafür wären weitere Angaben zu den konkreten Krankheitsfällen, den betroffenen Beschäftigten und den entstandenen Kosten erforderlich.

Auch die Frage, warum die Zahl der Fehltage innerhalb von zehn Jahren so deutlich gestiegen ist, lässt sich anhand der genannten Daten nicht abschließend beantworten.

Mögliche Erklärungsansätze reichen von Veränderungen der Arbeitswelt über eine stärkere Wahrnehmung und Diagnostik psychischer Erkrankungen bis hin zu gesellschaftlichen und persönlichen Belastungsfaktoren.

Welche Ursachen welchen Anteil an der Entwicklung haben, müsste durch zusätzliche Untersuchungen geklärt werden.

Die Zahlen zeigen zunächst einen deutlichen Anstieg der dokumentierten Arbeitsunfähigkeitstage. Sie beweisen für sich genommen nicht, dass psychische Erkrankungen in der Bevölkerung im gleichen Verhältnis häufiger geworden sind.

Auch Veränderungen im Umgang mit Diagnosen, bei der Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe und bei der Erfassung von Arbeitsunfähigkeit können für die Interpretation von Fehlzeitenstatistiken relevant sein.

Diese Unterscheidung ist wichtig, damit aus einer ernst zu nehmenden Entwicklung keine vorschnellen Schlussfolgerungen gezogen werden.

Unabhängig von den genauen Ursachen bleibt die hohe durchschnittliche Dauer der Krankheitsfälle ein Warnsignal.

Wenn psychische Erkrankungen im Durchschnitt zu fast vier Wochen Arbeitsunfähigkeit je Fall führen, wird deutlich, dass kurzfristige Einzelmaßnahmen allein häufig nicht ausreichen werden, um die Situation zu verbessern.

Erforderlich sind vielmehr langfristige Ansätze, die Prävention, medizinische Versorgung, Arbeitsbedingungen und die Unterstützung bei der Rückkehr in den Beruf miteinander verbinden.

Gerade in sozialen Berufen ist dabei zu berücksichtigen, dass der Ausfall von Beschäftigten zusätzliche Belastungen für die verbleibenden Kollegen auslösen kann.

Wenn in einer Pflegeeinrichtung oder einer Kindertagesstätte Personal fehlt, müssen die vorhandenen Mitarbeiter möglicherweise zusätzliche Aufgaben übernehmen. Ohne geeignete organisatorische Gegenmaßnahmen kann sich dadurch der Arbeitsdruck weiter erhöhen.

Ob und in welchem Umfang solche Zusammenhänge die aktuellen Fehlzeiten beeinflussen, lässt sich aus den vorliegenden Zahlen nicht bestimmen. Sie zeigen jedoch, warum eine wirksame Prävention auch im Interesse der Arbeitgeber liegt.

Die Entwicklung betrifft letztlich nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die gesamte Gesellschaft.

Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie andere Beschäftigte in sozialen Dienstleistungen übernehmen Aufgaben, auf die viele Menschen täglich angewiesen sind.

Wenn in diesen Bereichen langfristig hohe krankheitsbedingte Fehlzeiten auftreten, kann dies die Organisation der Dienstleistungen erschweren und vorhandene Personalprobleme verstärken.

Deshalb sollte die Diskussion nicht darauf reduziert werden, wie Unternehmen ihre Fehlzeiten statistisch senken können.

Vielmehr muss die Frage im Mittelpunkt stehen, wie Menschen möglichst lange gesund arbeiten können und welche Unterstützung sie bei gesundheitlichen Schwierigkeiten benötigen.

Psychische Gesundheit ist dabei kein ausschließlich privates Thema. Auch die Gestaltung von Arbeit kann dazu beitragen, Belastungen zu reduzieren und vorhandene Ressourcen zu stärken.

Die Zahlen des AOK-Bundesverbands machen deutlich, dass hier erheblicher Handlungsbedarf besteht.

Von 284 auf 403 Fehltage je 100 Versicherte innerhalb von zehn Jahren ist eine Entwicklung, die sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigte, Krankenkassen und Verantwortliche im Gesundheitswesen beschäftigen sollte.

Besonders ernst zu nehmen ist, dass gerade Berufsgruppen betroffen sind, die für die Versorgung, Betreuung und Unterstützung anderer Menschen eine wichtige Rolle spielen.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, aus den statistischen Erkenntnissen konkrete Verbesserungen abzuleiten, ohne psychisch erkrankte Beschäftigte zu stigmatisieren.

Denn hinter jedem dokumentierten Fehltag steht ein Mensch, dessen Gesundheit Vorrang vor der bloßen Betrachtung betrieblicher Kennzahlen haben sollte.

Auch die finanziellen Auswirkungen gewinnen an Bedeutung. Nach Angaben des AOK-Bundesverbands stiegen die Krankengeldausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung von 11,2 Milliarden Euro vor zehn Jahren auf vorläufig 21,6 Milliarden Euro im Jahr 2025. Dieser Anstieg ist allerdings nicht allein auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Auch höhere Löhne und eine gestiegene Erwerbsbeteiligung spielen eine Rolle. <Cite refs={[„turn102363search0“]}/>

Gleichzeitig weist die AOK darauf hin, dass der Krankenstand insgesamt zuletzt leicht zurückgegangen ist. Die AOK-versicherten Beschäftigten waren 2025 durchschnittlich 23,3 Tage arbeitsunfähig, nach jeweils 23,9 Tagen in den Jahren 2023 und 2024. Der starke Anstieg der erfassten Fehlzeiten in früheren Jahren hängt teilweise auch mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zusammen, durch die Krankmeldungen vollständiger erfasst werden. <Cite refs={[„turn102363search0″,“turn102363search4“]}/>

Diese Differenzierung ist wichtig: Während die gesamten erfassten Fehlzeiten zuletzt etwas gesunken sind, nehmen die langfristigen Ausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen weiter zu. Damit bleibt die psychische Gesundheit eine zentrale Herausforderung für Beschäftigte, Arbeitgeber und das Gesundheitswesen.

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