Gefälschte Markenartikel sind längst kein Problem mehr, das sich auf Straßenmärkte oder dubiose Geschäfte beschränkt. Produktpiraterie hat sich zu einem weltweiten Geschäft entwickelt, das zunehmend über das Internet abgewickelt wird. Von Kleidung und Elektronik über Kosmetik bis hin zu alltäglichen Konsumgütern können Verbraucher im Online-Handel auf Fälschungen stoßen.
Amazon warnt nun davor, das Problem als harmloses Geschäft mit billigen Kopien zu betrachten. Hinter professionell organisierter Produktpiraterie können nach Darstellung des Unternehmens weitere Formen der Kriminalität stehen – darunter Geldwäsche und Menschenhandel.
Der Online-Händler versucht seit Jahren, mit einer eigenen Spezialeinheit gegen Fälscher vorzugehen.
Spezialeinheit gegen Produktpiraterie
Amazon gründete im Jahr 2020 seine sogenannte Counterfeit Crimes Unit, kurz CCU. Ihre Aufgabe ist es, Netzwerke hinter Produktfälschungen zu identifizieren und gemeinsam mit Markenherstellern sowie Ermittlungsbehörden gegen mutmaßliche Täter vorzugehen.
Dabei setzt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf zwei Wege.
Einerseits werden gemeinsam mit betroffenen Markeninhabern zivilrechtliche Verfahren angestrengt. Andererseits arbeitet die Spezialeinheit mit Strafverfolgungsbehörden zusammen und stellt Informationen für strafrechtliche Ermittlungen zur Verfügung.
Damit will Amazon nicht nur einzelne gefälschte Angebote von seiner Plattform entfernen. Ziel ist es vielmehr, die Personen und Strukturen hinter dem Handel zu identifizieren.
Rund 32.000 mutmaßliche Täter im Visier
Die Dimension des Problems zeigt sich in den Zahlen, die Amazon zu seinen bisherigen Aktivitäten veröffentlicht.
Nach Unternehmensangaben wurden seit Gründung der Spezialeinheit zivil- oder strafrechtliche Schritte gegen rund 32.000 mutmaßliche Täter eingeleitet.
Mehr als 290 Personen seien mittlerweile zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. Die bislang von Gerichten zugesprochenen Entschädigungen und Strafzahlungen summierten sich demnach auf mehr als 180 Millionen US-Dollar.
Auch die Zahl der aus dem Verkehr gezogenen Produkte ist erheblich. Nach Angaben von Amazon wurden im Jahr 2025 mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte entfernt. Zwei Jahre zuvor waren es demnach rund sieben Millionen.
Die Zahlen verdeutlichen zugleich, wie groß der Markt für gefälschte Waren inzwischen geworden ist.
Von zwei auf 14 Länder ausgeweitet
Amazon hat seine Anti-Fälschungseinheit seit ihrer Gründung deutlich ausgebaut.
War die CCU anfangs lediglich in zwei Ländern aktiv, erstrecken sich ihre Aktivitäten inzwischen auf 14 Staaten. Im Jahr 2026 soll Indien hinzukommen.
Standorte beziehungsweise Teams gibt es nach Unternehmensangaben unter anderem in Washington D.C., London, Mailand, Singapur und Shanghai.
Auch die Zusammenarbeit mit externen Behörden wurde erheblich erweitert. Aus zunächst sieben Partnerorganisationen sei inzwischen ein internationales Netzwerk von rund 50 Organisationen entstanden.
Dazu gehören unter anderem Europol, das FBI, U.S. Homeland Security Investigations und britische Strafverfolgungsbehörden.
Warum Produktfälschungen mehr als ein Markenproblem sind
Auf den ersten Blick erscheint der Kauf einer gefälschten Tasche, eines nachgemachten Kleidungsstücks oder eines vermeintlichen Markenprodukts möglicherweise als vergleichsweise harmloses Geschäft.
Das Problem reicht jedoch erheblich weiter.
Professionelle Produktpiraterie kann Teil internationaler krimineller Strukturen sein. Die Herstellung, der Transport, die Vermarktung und schließlich die Verschleierung der daraus erzielten Einnahmen können über Ländergrenzen hinweg organisiert werden.
Amazon warnt deshalb insbesondere davor, Produktfälschungen isoliert zu betrachten. Nach den Erfahrungen der Anti-Fälschungseinheit können hinter solchen Strukturen auch andere kriminelle Aktivitäten stehen.
Der Kampf gegen Produktpiraterie wird damit zugleich zu einem Kampf gegen organisierte Kriminalität.
Gefälschte Produkte können für Käufer gefährlich werden
Für Verbraucher besteht aber noch ein weiteres Problem: Eine Fälschung kann nicht nur qualitativ schlechter als das Original sein, sondern im schlimmsten Fall ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Besonders kritisch sind Produkte, bei denen technische oder gesundheitliche Sicherheitsstandards eine wichtige Rolle spielen.
Bei gefälschten Ladegeräten, Akkus oder anderen Elektroartikeln kann beispielsweise fraglich sein, ob vorgeschriebene Sicherheitsanforderungen tatsächlich eingehalten wurden. Ähnliche Probleme können sich bei Kosmetikprodukten oder anderen Waren ergeben, deren Inhaltsstoffe oder Herstellungsbedingungen für Verbraucher nicht nachvollziehbar sind.
Ein vermeintliches Schnäppchen kann dadurch erheblich teurer werden als erwartet.
Wie Verbraucher verdächtige Angebote erkennen können
Ein wichtiges Warnsignal ist ein Preis, der deutlich unter dem üblichen Marktpreis liegt. Wird ein normalerweise hochpreisiges Markenprodukt plötzlich zu einem Bruchteil des regulären Preises angeboten, sollten Käufer genauer hinsehen.
Allerdings lässt sich eine Fälschung nicht immer am Preis erkennen. Professionelle Anbieter gefälschter Waren können Internetauftritte, Verpackungen, Logos und Produktbeschreibungen täuschend echt gestalten.
Verbraucher sollten deshalb insbesondere darauf achten, wer ein Produkt tatsächlich verkauft. Auf großen Online-Marktplätzen können neben dem Plattformbetreiber zahlreiche externe Händler auftreten.
Vor dem Kauf lohnt sich daher ein Blick auf den konkreten Verkäufer, dessen Bewertungen und die angebotenen Informationen.
Vorsicht bei ungewöhnlichen Verkäuferangaben
Auch widersprüchliche oder unvollständige Angaben können ein Warnsignal sein. Dazu gehören beispielsweise auffällige Produktbeschreibungen, ungewöhnliche Schreibweisen eines Markennamens oder fehlende Informationen über den Verkäufer.
Bei besonders teuren Markenprodukten kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu überprüfen, ob der Händler vom Hersteller als Vertriebspartner genannt wird.
Wer nach Erhalt der Ware Zweifel an deren Echtheit hat, sollte außerdem Verpackung, Seriennummern, Verarbeitung und Kennzeichnungen mit offiziellen Produktinformationen des Herstellers vergleichen.
Was tun, wenn eine Fälschung geliefert wurde?
Besteht der Verdacht, dass statt des angebotenen Originals eine Fälschung geliefert wurde, sollten Verbraucher den Vorgang zunächst dokumentieren.
Fotos der Ware und Verpackung, die ursprüngliche Produktbeschreibung, Angaben zum Verkäufer, Bestellbestätigung und Zahlungsbelege sollten aufbewahrt werden. Gerade Online-Angebote können später verändert oder vollständig gelöscht werden.
Anschließend sollte der Käufer den jeweiligen Marktplatz beziehungsweise Händler kontaktieren und seine Rechte prüfen.
Bei einem konkreten Betrugsverdacht oder besonders problematischen Produkten kann darüber hinaus eine Meldung an zuständige Behörden beziehungsweise eine Strafanzeige in Betracht kommen.
Künstliche Intelligenz im Kampf gegen Fälschungen
Für große Online-Plattformen besteht die Herausforderung darin, problematische Angebote möglichst zu erkennen, bevor ein Kunde überhaupt eine Fälschung bestellt.
Angesichts der enormen Zahl von Produkten und Händlern lässt sich dies kaum ausschließlich durch menschliche Kontrolle bewältigen. Automatisierte Systeme spielen deshalb bei der Überprüfung von Angeboten und Verkäuferkonten eine zunehmende Rolle.
Gleichzeitig versuchen professionelle Fälscher, Kontrollen zu umgehen. Damit entsteht ein technologisches Wettrennen zwischen Plattformbetreibern und kriminellen Anbietern.
Internationale Zusammenarbeit wird immer wichtiger
Dass Amazon inzwischen mit Dutzenden Behörden und Organisationen zusammenarbeitet, zeigt eine weitere Besonderheit des Problems: Produktpiraterie endet nicht an nationalen Grenzen.
Ein Verkäufer kann in einem Land registriert sein, die gefälschte Ware in einem zweiten Staat produzieren lassen und sie über weitere Länder an Kunden in Europa oder Nordamerika versenden.
Soll nicht nur ein einzelnes Angebot gelöscht, sondern das dahinterstehende Netzwerk zerschlagen werden, sind deshalb Ermittlungen über mehrere Staaten hinweg notwendig.
Genau hier setzt die Counterfeit Crimes Unit nach Darstellung des Unternehmens an.
Produktpiraterie bleibt ein Milliardengeschäft
Trotz der bisherigen Ermittlungserfolge dürfte der Kampf gegen Produktfälschungen dauerhaft bleiben. Der weltweite Online-Handel ermöglicht seriösen Händlern den Zugang zu Millionen Kunden – bietet aber gleichzeitig auch Kriminellen neue Möglichkeiten, gefälschte Produkte schnell und über Grenzen hinweg anzubieten.
Die von Amazon genannten Millionen sichergestellter beziehungsweise aus dem Verkehr gezogener Produkte zeigen, dass es sich nicht um einzelne schwarze Schafe handelt.
Für Verbraucher bleibt deshalb eine einfache Regel besonders wichtig: Ein außergewöhnlich günstiges Markenprodukt ist nicht automatisch ein gutes Geschäft.
Und hinter einer vermeintlich harmlosen Kopie kann weit mehr stecken als lediglich die Verletzung einer Marke. Wenn Produktpiraterie Teil größerer krimineller Netzwerke ist, wird aus dem gefälschten Markenartikel ein Problem, das weit über den einzelnen Online-Kauf hinausgeht.