Ein menschenleerer Bergsee im Morgenlicht, eine versteckte Gasse ohne Touristen, ein kleines Café, das angeblich nur Einheimische kennen: Wer heute eine Reise plant, braucht keinen dicken Reiseführer mehr. Instagram, TikTok und andere Plattformen liefern innerhalb weniger Sekunden hunderte Empfehlungen.
Doch ausgerechnet darin steckt ein Widerspruch. Sobald ein vermeintlicher Geheimtipp millionenfach aufgerufen wird, ist er keiner mehr.
Das Ergebnis erleben Urlauber inzwischen an vielen populären Reisezielen: Auf dem Smartphone sah der Ort einsam und ursprünglich aus. In der Realität wartet dort eine Schlange von Menschen, die alle dasselbe Foto aufnehmen wollen.
Social Media hat das Reisen damit nicht zerstört. Die Plattformen haben aber grundlegend verändert, wie Reiseziele entdeckt, bewertet und besucht werden. Statt Reiseführern, Tourismusverbänden oder persönlichen Empfehlungen entscheidet zunehmend ein Algorithmus darüber, welche Orte plötzlich Aufmerksamkeit erhalten.
Besonders anschaulich lässt sich dieser Effekt an Schloss Neuschwanstein beobachten. Der Blick von der Marienbrücke auf das Schloss war früher vor allem Kennern und klassischen Bayern-Touristen bekannt. Heute gehört die Perspektive zu den international verbreiteten Fotomotiven auf Instagram und TikTok.
Nach den von BR24 genannten Zahlen besuchen inzwischen bis zu 1,4 Millionen Menschen jährlich Schloss Neuschwanstein. In der Hochsaison können es bis zu 7.000 Besucher pro Tag sein.
Das Problem besteht dabei nicht allein in der Gesamtzahl. Social Media konzentriert Menschen auf ganz bestimmte Punkte.
Ein Schlossgelände kann möglicherweise tausende Besucher aufnehmen. Eine schmale Brücke, ein kleiner Aussichtspunkt oder ein Uferweg dagegen nicht.
Genau deshalb kann ein einzelner Fotospot überlastet sein, obwohl die gesamte Tourismusregion theoretisch noch Kapazitäten besitzt.
Ähnliche Entwicklungen sind am Eibsee unterhalb der Zugspitze oder am Pragser Wildsee in Südtirol zu beobachten. Auf Instagram erscheinen solche Orte häufig als nahezu unberührte Naturlandschaften. Das Foto zeigt türkisfarbenes Wasser, Berge und vielleicht ein einzelnes Ruderboot.
Was außerhalb des Bildausschnitts steht, bleibt unsichtbar: Parkplätze, Autos, Reisebusse, Warteschlangen und dutzende andere Menschen, die auf genau dieselbe Fotoperspektive warten.
Das führt zu einer der wichtigsten Veränderungen des modernen Tourismus: Menschen reisen zunehmend nicht nur zu einem Ort, sondern zu einem bestimmten Bild dieses Ortes.
Sie haben das Motiv bereits gesehen, bevor sie die Reise antreten.
Das beeinflusst ihre Erwartungen erheblich.
Früher konnte ein Reiseführer schreiben, dass ein Bergsee besonders schön sei. Heute sieht ein Reisender vor seiner Ankunft möglicherweise hunderte professionell bearbeitete Fotos und Videos dieses Sees – aufgenommen bei optimalem Wetter, kurz nach Sonnenaufgang, mit Drohne oder hochwertiger Kamera und teilweise zusätzlich digital bearbeitet.
Der reale Ort muss anschließend gegen seine eigene idealisierte digitale Version antreten.
Eine von BR24 angeführte Bitkom-Befragung verdeutlicht das Problem. Fast die Hälfte der befragten Social-Media-Nutzer hatte demnach bereits erlebt, dass ein Reiseziel auf Social Media schöner erschien als anschließend in der Realität.
Noch bemerkenswerter ist ein anderer Befund: Rund ein Drittel gab an, beim Betrachten der Urlaubsbilder anderer Menschen mit der eigenen Reise unzufriedener zu werden.
Damit verändert Social Media nicht nur die Auswahl des Reiseziels. Es beeinflusst sogar, wie Menschen ihren eigenen Urlaub bewerten.
Der Vergleich findet nicht mehr ausschließlich zwischen verschiedenen Hotels oder Urlaubsorten statt. Der eigene Urlaub konkurriert mit einer endlosen Auswahl der vermeintlich schönsten Momente anderer Menschen.
Dabei entsteht eine erhebliche Verzerrung.
Kaum jemand veröffentlicht das Foto von der Parkplatzsuche, dem überfüllten Bus, dem Regenvormittag oder der zweistündigen Warteschlange. Gepostet werden die wenigen Sekunden, in denen alles perfekt aussieht.
Ein zehntägiger Urlaub wird dadurch auf zehn perfekte Fotos reduziert.
Wer diese Bilder sieht, vergleicht anschließend möglicherweise zehn normale Urlaubstage mit zehn sorgfältig ausgewählten Höhepunkten eines anderen Menschen.
Dass daraus Enttäuschungen entstehen können, überrascht kaum.
Eine wissenschaftlich besonders interessante Rolle spielt dabei die Macht der Bilder. Der von BR24 angeführte Forschungsbeitrag aus der „Zeitschrift für Tourismuswissenschaft“ beschäftigt sich mit der Wirkung sozialer Medien auf touristische Vorstellungen. Fotobasierte Inhalte können demnach besonders intensive emotionale Vorstellungen eines Reiseziels erzeugen.
Für Plattformen ist genau das ideal.
Instagram und TikTok müssen nicht beurteilen, ob ein Ort infrastrukturell für zusätzliche Besucher geeignet ist. Ihr Geschäftsmodell funktioniert nach einer anderen Logik: Inhalte sollen Aufmerksamkeit erzeugen.
Ein spektakulärer Bergsee funktioniert dafür besser als ein durchschnittlicher Parkplatz. Eine schmale Altstadtgasse bei Sonnenaufgang funktioniert besser als dieselbe Gasse um 14 Uhr mit mehreren Reisegruppen.
Der Algorithmus optimiert deshalb nicht auf nachhaltigen Tourismus.
Er optimiert auf Aufmerksamkeit.
Und genau daraus kann Overtourism entstehen.
Ein besonders spektakuläres Video erreicht zunächst einige tausend Menschen. Viele speichern es. Andere teilen es. Der Algorithmus erkennt das starke Interesse und zeigt es weiteren Nutzern.
Aus 10.000 Aufrufen werden 100.000.
Aus 100.000 wird eine Million.
Andere Content-Produzenten sehen den Erfolg und besuchen denselben Ort. Sie drehen eigene Videos: „Dieser geheime Ort in den Alpen muss auf deine Bucket List.“
Damit beginnt eine Rückkopplungsschleife.
Je populärer der Ort wird, desto mehr Content entsteht. Je mehr Content entsteht, desto häufiger empfiehlt der Algorithmus den Ort. Und je häufiger der Algorithmus ihn empfiehlt, desto mehr Menschen reisen dorthin.
Der „Geheimtipp“ vernichtet sich damit gewissermaßen selbst.
Besonders problematisch ist das für kleine Orte und Naturräume.
Eine Großstadt kann zusätzliche zehntausend Besucher vergleichsweise gut verteilen. Ein kleiner Bergsee, eine Schlucht oder ein Dorf mit wenigen hundert Einwohnern kann das nicht.
Parkplätze sind begrenzt. Toiletten fehlen. Rettungswege werden blockiert. Müll nimmt zu. Wanderwege erodieren. Anwohner verlieren Parkmöglichkeiten oder müssen sich täglich durch Besucherströme bewegen.
Tourismus kann damit paradoxerweise genau jene Eigenschaften beschädigen, wegen derer Menschen ursprünglich gekommen sind.
Der ruhige See ist nicht mehr ruhig.
Das authentische Dorf besteht zunehmend aus Ferienwohnungen.
Das kleine Café wird zum Instagram-Hotspot mit Warteschlange.
Und der versteckte Aussichtspunkt benötigt plötzlich Zugangsbeschränkungen.
Social Media ist allerdings nicht allein für dieses Phänomen verantwortlich.
Billigere Flugreisen, günstige Unterkünfte, Navigationssysteme, Bewertungsplattformen und generell steigende internationale Mobilität haben den Massentourismus bereits zuvor stark verändert. Instagram und TikTok wirken eher wie enorme Beschleuniger.
Früher verbreitete sich ein Geheimtipp langsam.
Ein Reisender erzählte Freunden davon. Ein Reiseführer nahm den Ort vielleicht in seiner nächsten Ausgabe auf. Eine Zeitung schrieb einen Reisebericht.
Heute kann ein einziges Video innerhalb von 48 Stunden Millionen Menschen erreichen.
Damit verändert sich auch die Geschwindigkeit, mit der touristische Infrastruktur reagieren muss.
Ein Bürgermeister kann nicht innerhalb einer Woche neue Parkplätze, Busverbindungen, Toiletten oder Besucherzentren bauen. Der Algorithmus kann innerhalb derselben Woche aber einen unbekannten Aussichtspunkt international bekannt machen.
Das erklärt, weshalb inzwischen immer mehr Tourismusregionen versuchen, Besucher aktiv zu lenken.
Parkplatzreservierungen, Shuttlebusse, zeitlich begrenzte Eintrittsfenster, Zufahrtsbeschränkungen und digitale Tickets werden deshalb nicht nur bei Museen oder Freizeitparks eingesetzt, sondern zunehmend auch an Naturattraktionen.
Für Reisende entsteht gleichzeitig ein neues Problem: Welcher Empfehlung kann man überhaupt noch vertrauen?
Die Zahl der Aufrufe ist dafür paradoxerweise ein schlechter Indikator.
Ein Reel mit fünf Millionen Views beweist nicht, dass ein Ort besonders empfehlenswert ist. Es beweist zunächst nur, dass das Video besonders erfolgreich war.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Ein Clip kann erfolgreich sein, weil das Wasser ungewöhnlich blau aussieht, die Musik emotional wirkt oder der Kamerawinkel spektakulär gewählt wurde. Über Besucherandrang, Preise, Parkplatzsituation oder die Qualität des tatsächlichen Erlebnisses sagt das wenig aus.
Wer Social-Media-Tipps sinnvoll nutzen möchte, sollte deshalb weniger auf einzelne spektakuläre Videos und stärker auf die Informationen achten, die gerade nicht im Video vorkommen.
Wie sieht der Ort mittags aus? Wie voll ist er am Wochenende? Gibt es aktuelle Bewertungen? Muss ein Parkplatz reserviert werden? Gibt es saisonale Zufahrtsbeschränkungen? Wie lange dauert die Warteschlange tatsächlich?
Auch der Veröffentlichungszeitpunkt eines Videos ist wichtig.
Ein zwei Jahre altes Reel mit der Überschrift „Hidden Gem“ kann inzwischen hundertfach kopiert worden sein. Die Realität vor Ort kann mit der ursprünglichen Aufnahme kaum noch etwas gemeinsam haben.
Besonders hilfreich können deshalb aktuelle Rezensionen und Bilder normaler Besucher sein. Sie zeigen häufig nicht nur die perfekte Perspektive, sondern auch die weniger fotogenen Begleiterscheinungen.
Noch wirksamer ist eine alte Reiseregel, die durch Social Media fast in Vergessenheit geraten ist: antizyklisch reisen.
Wer einen populären Ort unbedingt sehen möchte, kann außerhalb der Hauptsaison, an einem Werktag oder früh morgens kommen. Oft verändert allein der Zeitpunkt das Erlebnis erheblich.
Und manchmal ist die beste Strategie tatsächlich, auf den berühmten Fotospot zu verzichten.
Denn eine weitere paradoxe Folge der sozialen Netzwerke besteht darin, dass sie Touristen extrem stark konzentrieren. Während an einem bekannten Aussichtspunkt hunderte Menschen stehen, kann wenige Kilometer entfernt ein ähnlich schöner Ort fast leer sein.
Algorithmen erzeugen keine gleichmäßige Verteilung von Aufmerksamkeit. Sie produzieren Gewinner.
Ein Café wird viral, während drei vergleichbare Cafés in derselben Straße kaum wahrgenommen werden.
Ein Strand erscheint tausendfach in Reels, während der nächste Strand fast unbekannt bleibt.
Ein Aussichtspunkt wird zur Pflichtstation, obwohl derselbe Berg von zahlreichen anderen Stellen aus zu sehen ist.
Für neugierige Reisende kann genau darin eine Chance liegen.
Statt den Algorithmus zu fragen, welche zehn Orte man unbedingt gesehen haben muss, kann man wieder stärker nach eigenen Interessen reisen.
Nicht: Wo entsteht das beste Foto?
Sondern: Was möchte ich tatsächlich erleben?
Diese scheinbar banale Frage verändert die Reiseplanung fundamental.
Wer Architektur liebt, braucht vielleicht nicht den berühmtesten Instagram-Aussichtspunkt. Wer wandern möchte, muss nicht zwangsläufig den viralsten Bergsee besuchen. Wer gutes Essen sucht, findet möglicherweise gerade in Restaurants ohne Social-Media-Hype die interessantere Erfahrung.
Damit ist auch die Ausgangsfrage differenzierter zu beantworten.
Instagram und TikTok haben das Reisen nicht zerstört.
Sie haben Reisen in vieler Hinsicht sogar einfacher gemacht. Nie zuvor konnten Menschen so schnell Informationen über abgelegene Regionen finden. Kleine Restaurants, familiengeführte Hotels und unbekannte Orte können ohne großes Marketing plötzlich internationale Aufmerksamkeit bekommen. Reisende erhalten Informationen direkt von anderen Reisenden und können ihre Planung innerhalb weniger Minuten ändern.
Doch genau dieselbe Macht besitzt eine Schattenseite.
Die Plattformen können Aufmerksamkeit schneller erzeugen, als Orte sie verkraften können. Sie verwandeln individuelle Empfehlungen in Massenphänomene und verkaufen uns anschließend die dadurch überfüllten Orte weiterhin in Bildern, auf denen die Menschenmassen möglichst nicht zu sehen sind.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht Social Media selbst.
Es ist die Verwechslung von Viralität mit Qualität.
Ein Ort wird nicht besser, weil fünf Millionen Menschen ein Video darüber gesehen haben. Und ein Urlaub wird nicht schlechter, weil niemand das perfekte Foto davon auf Instagram likt.
Vielleicht liegt genau darin die Gegenbewegung zum algorithmischen Reisen: weniger Checklisten, weniger „Must-see“, weniger Jagd nach dem identischen Fotomotiv – und wieder etwas mehr Bereitschaft, einen Ort zu entdecken, ohne bereits vorher zu wissen, welches Bild davon am Ende auf dem Smartphone landen soll.