Mit dem Beginn der Pilzsaison steigt auch die Zahl der Vergiftungsfälle. In Lettland musste in diesem Jahr bereits der erste Patient nach dem Verzehr von Wildpilzen medizinisch behandelt werden. Auslöser war eine unsachgemäße Zubereitung von sogenannten falschen Morcheln – Pilzen, die trotz ihrer bekannten Giftigkeit von einigen Sammlern weiterhin verzehrt werden. Experten schlagen deshalb Alarm und warnen eindringlich vor einer Praxis, die im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein kann.
Die Mykologin Inita Dāniele vom Nationalmuseum für Natur in Lettland findet deutliche Worte: „Wir leben nicht in Zeiten einer Hungersnot. Niemand muss heute potenziell tödliche Pilze essen.“ Gemeinsam mit der Pharmazeutin und Universitätsdozentin Renāte Teterovska appelliert sie an Pilzsammler, auf den Verzehr bekannter Giftpilze grundsätzlich zu verzichten.
Tradition mit Risiken
In Teilen Osteuropas existiert seit Generationen die Tradition, bestimmte giftige Pilzarten durch aufwendige Zubereitungsverfahren essbar machen zu wollen. Dazu gehören insbesondere die sogenannten falschen Morcheln, die im Frühjahr wachsen und von manchen Sammlern trotz ihrer Giftigkeit gesammelt werden.
Die Theorie dahinter: Durch mehrfaches Abkochen und Wegschütten des Kochwassers sollen die Giftstoffe entfernt werden. Doch genau diese Annahme halten Experten für gefährlich.
Nach Angaben der Fachleute lässt sich nie sicher feststellen, wie hoch die Konzentration der enthaltenen Giftstoffe tatsächlich ist und ob diese durch die Zubereitung vollständig entfernt wurden. Die Giftmenge kann von Pilz zu Pilz erheblich schwanken und hängt von Standort, Witterung und weiteren Umweltfaktoren ab.
Giftige Dämpfe können ebenfalls gefährlich werden
Besonders tückisch ist, dass eine Vergiftung nicht einmal den direkten Verzehr voraussetzt. Die in falschen Morcheln enthaltenen Giftstoffe sind wasserlöslich und teilweise flüchtig.
Dadurch können beim Kochen gesundheitsschädliche Dämpfe entstehen. Menschen können sich somit auch dann vergiften, wenn sie die Pilze gar nicht essen, sondern lediglich die Dämpfe während der Zubereitung einatmen.
Diese Gefahr wird nach Einschätzung von Experten häufig unterschätzt.
Selbst erfahrene Pilzsammler betroffen
Bemerkenswert ist, dass die bekannten Vergiftungsfälle keineswegs nur unerfahrene Sammler betreffen. Laut Mykologin Dāniele handelte es sich bei den ihr bekannten Fällen überwiegend um Personen mit guten Pilzkenntnissen.
Die Betroffenen wussten demnach sogar, dass sie falsche Morcheln gesammelt hatten. Sie vertrauten jedoch darauf, die Pilze durch traditionelle Zubereitungsmethoden ausreichend entgiftet zu haben.
Genau hierin sieht die Expertin ein großes Problem. Das Wissen über Pilze könne zwar bei der Bestimmung helfen, schütze aber nicht vor den biologischen Risiken giftiger Inhaltsstoffe.
Verwechslungen mit echten Morcheln
Zusätzlich besteht die Gefahr von Verwechslungen mit echten Morcheln, die als beliebte Speisepilze gelten.
Beide Arten erscheinen im Frühjahr und können auf den ersten Blick ähnlich wirken. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede.
Falsche Morcheln wachsen bevorzugt in Kiefernwäldern, auf sandigen Böden oder an sonnigen Lichtungen. Ihre Hüte wirken stark gefaltet und erinnern oft an die Struktur eines Gehirns.
Echte Morcheln dagegen wachsen häufiger in Laubwäldern, Parks oder Gärten. Ihr charakteristisches Wabenmuster ähnelt einer Bienenwabe und ist deutlich regelmäßiger aufgebaut.
Trotz dieser Unterschiede kommt es immer wieder zu Fehlbestimmungen.
Dunkelziffer vermutlich deutlich höher
Nach Angaben der Mykologin sind ihr allein mindestens zehn Fälle bekannt, bei denen Menschen nach dem Verzehr falscher Morcheln Vergiftungserscheinungen entwickelten, ohne ins Krankenhaus eingeliefert zu werden.
Das deutet darauf hin, dass die tatsächliche Zahl der Vergiftungen deutlich höher liegen könnte als die offiziellen Statistiken vermuten lassen. Viele Betroffene suchen bei leichteren Beschwerden offenbar keine medizinische Hilfe auf.
Dadurch bleiben zahlreiche Fälle unerfasst.
„Der Verzehr ist ein Glücksspiel“
Die Experten betonen, dass der Konsum giftiger Pilze trotz traditioneller Zubereitungsmethoden letztlich einem Glücksspiel gleicht.
Mal können die gesundheitlichen Folgen vergleichsweise mild ausfallen, in anderen Fällen drohen schwere Vergiftungen, Leberschäden oder langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen. Eine sichere Methode, die Giftstoffe vollständig zu entfernen, existiert nach Einschätzung der Fachleute nicht.
Besonders deutlich formuliert dies Mykologin Dāniele mit einem ungewöhnlichen Vergleich. Wer glaube, einen Giftpilz durch mehrfaches Auskochen sicher essbar machen zu können, überschätze die Wirksamkeit dieser Methode erheblich. Der Nutzen sei ungefähr vergleichbar damit, einen Gummistiefel mehrfach auszukochen und anschließend als Lebensmittel zu betrachten.
Klare Empfehlung der Experten
Die Botschaft der Wissenschaftler ist eindeutig: Giftige Pilze sollten grundsätzlich nicht auf dem Speiseplan stehen.
Angesichts des heutigen Lebensmittelangebots bestehe keinerlei Notwendigkeit, bekannte Giftpilze zu verzehren und dabei erhebliche Gesundheitsrisiken einzugehen. Wer Pilze sammelt, sollte ausschließlich eindeutig bestimmbare Speisepilze mit nach Hause nehmen und im Zweifel auf den Verzehr verzichten.
Denn bei giftigen Pilzen kann bereits ein einziger Fehler schwerwiegende Folgen haben – und manchmal entscheidet schlicht der Zufall darüber, wie schwer eine Vergiftung tatsächlich ausfällt.