Deutschland sucht händeringend Fachkräfte – besonders in Hotels, Restaurants und der Gastronomie. Immer weniger junge Menschen wollen hierzulande Koch, Hotelfachkraft oder Restaurantfachmann werden. Gleichzeitig steigt die Zahl vietnamesischer Auszubildender seit Jahren stark an. Allein in Mittelfranken hat sich ihre Zahl nach Angaben der Industrie- und Handelskammer seit 2022 mehr als vervierfacht.
Doch hinter vielen Erfolgsgeschichten verbirgt sich offenbar ein lukratives und teilweise dubioses Geschäft. Vermittlungsagenturen kassieren von jungen Menschen aus Vietnam teils mehrere Tausend Euro – mit dramatischen Folgen für die Betroffenen.
Ausbildung als Hoffnung auf ein besseres Leben
Für viele junge Vietnamesinnen und Vietnamesen gilt Deutschland als große Chance. Eine Ausbildung verspricht ein stabiles Einkommen, bessere Lebensbedingungen und langfristige Perspektiven. Besonders gefragt sind Ausbildungsplätze in Hotels, Restaurants und Pflegeeinrichtungen.
Der Weg nach Deutschland beginnt meist mit einem Deutschkurs in Vietnam. Viele Bewerber lernen bis zum Niveau B1, bevor sie über Vermittlungsagenturen an deutsche Betriebe vermittelt werden.
Doch genau dort beginnt oft das Problem.
Vermittlungsgebühren von bis zu 20.000 Euro
Die Vermittlung ist teuer. Nach Angaben von Branchenkennern verlangen Agenturen häufig zwischen 6.000 und 10.000 Euro. In einzelnen Fällen sollen sogar bis zu 20.000 Euro gefordert worden sein.
Für viele Familien in Vietnam ist das eine enorme Summe – teilweise entspricht sie mehreren Jahresgehältern. Um die Gebühren bezahlen zu können, nehmen Angehörige Kredite auf oder verschulden sich bei Verwandten.
Die Folge: Die jungen Menschen stehen bereits vor ihrer Ankunft in Deutschland massiv unter finanziellem Druck.
Eine betroffene Auszubildende berichtet, ihre Familie habe einen Bankkredit aufnehmen müssen. Seit ihrer Ankunft in Deutschland schicke sie regelmäßig Geld nach Vietnam zurück, um die Schulden abzubezahlen.
Abhängigkeit und Angst
Dadurch entsteht eine gefährliche Abhängigkeit. Viele Betroffene fürchten, ihre Ausbildung zu verlieren oder Probleme mit Behörden zu bekommen. Manche wagen deshalb nicht, sich über schlechte Arbeitsbedingungen oder unseriöse Vermittler zu beschweren.
Experten warnen, dass genau diese Situation ausgenutzt wird. Denn wer hohe Schulden hat und die Erwartungen der Familie erfüllen muss, ist besonders verletzlich.
Unseriöse Agenturen im Fokus
Zwar arbeiten nicht alle Vermittlungsagenturen unseriös. Viele unterstützen die jungen Menschen tatsächlich bei Sprachkursen, Visa-Anträgen, Behördengängen und der Integration.
Doch laut Industrie- und Handelskammer gibt es auch schwarze Schafe, denen es vor allem um schnelles Geld geht.
Teilweise werben Agenturen aggressiv um Bewerber. Kritisiert werden auch fragwürdige Namen und Marketingstrategien einiger Vermittler, die stereotype oder diskriminierende Begriffe verwenden.
Gefälschte Ausbildungsverträge
Besonders alarmierend sind Fälle von mutmaßlichem Betrug. So meldeten sich im Frühjahr mehrere Vietnamesen mit angeblichen Ausbildungsverträgen bei einem Hotel in Nürnberg. Das Problem: Die Verträge waren gefälscht.
Nach Angaben des Hotels hatten die Betroffenen zuvor mehrere Tausend Euro an eine Agentur gezahlt. Offenbar wurde ihnen sogar untersagt, selbst Kontakt mit dem Ausbildungsbetrieb aufzunehmen.
Für die Opfer ist das verheerend. Sie verlieren nicht nur viel Geld, sondern stehen oft ohne Aufenthaltsperspektive und ohne Ausbildungsplatz in Deutschland da.
Fachkräftemangel schafft neuen Graubereich
Der Fall zeigt ein grundsätzliches Problem: Deutschlands Fachkräftemangel schafft einen riesigen Markt für internationale Arbeits- und Ausbildungsvermittlung.
Viele Unternehmen sind dringend auf ausländische Nachwuchskräfte angewiesen. Gleichzeitig fehlt es oft an ausreichender Kontrolle über Vermittlungsstrukturen im Ausland.
Dadurch entstehen Graubereiche, in denen wirtschaftliche Interessen, Hoffnungen auf ein besseres Leben und mögliche Ausbeutung aufeinandertreffen.
Forderungen nach strengeren Kontrollen
Verbraucherschützer, Gewerkschaften und Teile der Wirtschaft fordern deshalb strengere Regeln für Vermittlungsagenturen. Diskutiert werden unter anderem:
- mehr staatliche Kontrollen,
- transparente Gebührenmodelle,
- offizielle Zertifizierungen,
- bessere Aufklärung der Bewerber,
- stärkere Zusammenarbeit zwischen deutschen Behörden und vietnamesischen Stellen.
Auch Ausbildungsbetriebe sollen genauer prüfen, über welche Agenturen Bewerber vermittelt werden.
Deutschland bleibt attraktiv – trotz Risiken
Trotz der Probleme bleibt Deutschland für viele junge Menschen aus Vietnam attraktiv. Der Fachkräftemangel eröffnet reale Chancen auf Ausbildung und langfristige Beschäftigung.
Der aktuelle Fall zeigt jedoch, wie schnell aus einer Hoffnungsgeschichte ein finanzielles und persönliches Risiko werden kann. Gerade junge Menschen, die ihre Zukunft im Ausland suchen, geraten leicht in Abhängigkeiten – besonders dann, wenn Vermittler hohe Summen verlangen und falsche Versprechungen machen.
Damit internationale Ausbildungsprogramme nicht zum Geschäft mit der Not werden, dürften Transparenz, Kontrolle und Verbraucherschutz künftig eine immer wichtigere Rolle spielen.