Eine Auswertung von Daten der Cornell University zeigt, dass Suspendierungen und Ausschlüsse nach Meldungen über sexualisierte oder geschlechtsspezifische Gewalt vergleichsweise selten vorkamen.
Zwischen 2018 und 2024 wurden dem für Title IX zuständigen Büro der Universität mehr als 1.200 Fälle von sexuellen Übergriffen, Gewalt in Beziehungen, häuslicher Gewalt und Stalking gemeldet. In 162 Fällen leitete Cornell ein formelles Disziplinarverfahren gegen Studierende oder Beschäftigte ein. In 51 Fällen wurde mindestens eine beschuldigte Person verantwortlich gemacht.
Von diesen Fällen führten 14 zu Suspendierungen und sieben zu Ausschlüssen oder Entlassungen. In den meisten übrigen Fällen wurden mildere Sanktionen wie Bewährungsauflagen oder Schulungsmaßnahmen verhängt.
Bundesklage erhöht Druck auf die Universität
Die Daten werden vor dem Hintergrund eines besonders schweren Vorwurfs diskutiert. Eine Studentin wirft Cornell in einer Bundesklage vor, sie nach einem mutmaßlichen sexuellen Übergriff im Jahr 2024 nicht ausreichend geschützt zu haben.
Nach Angaben ihres Anwalts wurden zwei von sieben beschuldigten Mitgliedern einer Studentenverbindung von der Universität ausgeschlossen. Andere sollen unter anderem schriftliche Arbeiten als Teil ihrer Sanktionen angefertigt haben. Strafrechtliche Anklagen wurden zunächst nicht erhoben; Ende September 2026 nahm die zuständige Staatsanwaltschaft den Fall erneut auf.
Cornell erklärte, nicht jede Meldung führe automatisch zu einem formellen Verfahren. Teilweise seien Beteiligte unbekannt, Betroffene wollten keine Untersuchung oder ein Fall liege außerhalb der Zuständigkeit der Hochschule. Unterstützungsangebote würden unabhängig davon bereitgestellt.
Umfrage weist auf hohe Zahl unerwünschter sexueller Kontakte hin
In einer Campusbefragung aus dem Jahr 2025 gab fast jeder sechste teilnehmende Cornell-Student an, seit der Einschreibung unerwünschte sexuelle Kontakte oder Penetration erlebt zu haben.
Unter Studentinnen im grundständigen Studium lag der Anteil bei mehr als einem Drittel. Gleichzeitig suspendierte Cornell zwischen 2018 und 2024 im Durchschnitt zwei Studierende oder Beschäftigte pro Jahr wegen sexualisierter Gewalt und schloss durchschnittlich eine Person pro Jahr aus.
Experten weisen allerdings darauf hin, dass nicht jede Meldung eine Untersuchung rechtfertigt oder von Betroffenen überhaupt ein Disziplinarverfahren gewünscht wird.
Ähnliche Entwicklung auch an anderen Hochschulen in New York
Die Situation ist nicht auf Cornell beschränkt.
Eine Auswertung von 26 größeren Hochschulen im Bundesstaat New York ergab für den Zeitraum von 2018 bis 2024 insgesamt 9.910 Meldungen zu sexuellen Übergriffen, Gewalt in Beziehungen, häuslicher Gewalt und Stalking.
In 1.295 Fällen wurden formelle Verfahren eingeleitet. 523 endeten mit einer Feststellung von Verantwortung, 230 mit Suspendierungen und 81 mit Ausschlüssen.
Bei Cornell führten 13 Prozent der formell untersuchten Vorfälle zu einer Suspendierung oder einem Ausschluss. Über alle 26 Hochschulen hinweg lag dieser Anteil bei 24 Prozent.
Von den Fällen, in denen Cornell eine beschuldigte Person für verantwortlich hielt, endeten 41 Prozent mit Suspendierung oder Ausschluss. Im Vergleich der untersuchten Hochschulen waren es insgesamt 59 Prozent.
Title IX bleibt politisch und juristisch umstritten
Title IX ist ein US-Bundesgesetz, das Diskriminierung aufgrund des Geschlechts im Bildungsbereich verbietet und Hochschulen verpflichtet, auf entsprechende Vorwürfe zu reagieren.
Die Regeln für solche Verfahren wurden in den vergangenen Jahren mehrfach verändert. Unter Barack Obama wurden die Anforderungen an Hochschulen verschärft. Kritiker warfen Universitäten daraufhin teilweise vor, Rechte beschuldigter Studierender nicht ausreichend zu schützen.
Unter Donald Trump wurden 2020 neue Vorschriften eingeführt, die unter anderem die Anforderungen an Verfahren veränderten. Die Biden-Regierung ersetzte diese später durch eigene Regeln, die jedoch von Bundesgerichten aufgehoben wurden. Am 28. September 2026 setzte die Trump-Regierung die Regelungen aus dem Jahr 2020 wieder offiziell in Kraft.
Meldungen bei Cornell gingen zurück
Während Cornell 2018 noch 282 Meldungen über sexualisierte Gewalt registrierte, waren es 2024 noch 166. Das entspricht einem Rückgang um 41 Prozent.
Gleichzeitig zeigten Campusumfragen einen Anstieg des Anteils von Studentinnen, die unerwünschte sexuelle Kontakte oder Penetration meldeten. 2023 lag der Wert unter Studentinnen im grundständigen Studium bei 23 Prozent, 2025 bei 35 Prozent.
Fachleute sehen in der Kombination aus sinkenden Meldungen und höheren Angaben in anonymen Befragungen einen möglichen Hinweis darauf, dass Betroffene seltener formelle Verfahren anstoßen.
Die vorliegenden Daten zeigen damit vor allem, dass zwischen einer Meldung, einer formellen Untersuchung, einer Feststellung von Verantwortung und einer tatsächlichen Suspendierung oder einem Ausschluss erhebliche Unterschiede bestehen.