Deutschlands Gasspeicher sind Mitte August 2026 ungewöhnlich schwach gefüllt. Nach den jüngsten Daten lag der Füllstand am 17. August bei lediglich 50,06 Prozent. Vor einem Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt noch knapp 67 Prozent. Damit wächst die Sorge, dass Deutschland mit deutlich geringeren Reserven als üblich in die kommende Heizperiode gehen könnte.
Dass Deutschland im Winter tatsächlich vollständig das Gas ausgeht, ist derzeit jedoch nicht das wahrscheinlichste Szenario. Ein erhöhtes Risiko für stark steigende Preise und bei ungünstigem Verlauf auch für Versorgungsprobleme besteht allerdings.
Warum sind die Speicher so leer?
Normalerweise kaufen Gasversorger im Sommer Erdgas ein, wenn der Verbrauch niedrig ist, lagern es ein und verkaufen es während der Heizperiode wieder.
Dieses Geschäftsmodell funktioniert besonders gut, wenn Gas im Sommer günstiger ist als im Winter.
2026 ist die Situation anders. Seit Beginn des Iran-Krieges sind die Gaspreise stark gestiegen. Die Probleme beim Transport von Gas und Öl durch die Straße von Hormus haben die internationalen Energiemärkte zusätzlich belastet.
Der europäische Gaspreis stieg am 19. August zeitweise auf rund 64,60 Euro je Megawattstunde und damit auf den höchsten Stand seit der Anfangsphase des Iran-Krieges. Für Händler ist es deshalb derzeit wenig attraktiv, teures Gas einzukaufen und auf eigenes wirtschaftliches Risiko einzulagern.
Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnet den derzeitigen Speicherstand selbst als „sehr gering“ und fordert die Händler auf, mehr Gas einzuspeichern. Rund 74 Prozent der Speicherkapazitäten sind derzeit gebucht.
Das 80-Prozent-Ziel wird zunehmend schwierig
Besonders problematisch ist das Tempo der Befüllung.
Bis zum 1. November 2026 sollen die deutschen Speicher nach den derzeitigen Vorgaben einen Füllstand von 80 Prozent erreichen.
Ob das noch gelingt, ist fraglich. Die Fernleitungsnetzbetreiber halten das Ziel inzwischen für kaum noch erreichbar. Selbst wenn täglich bis zu 1,2 Terawattstunden Gas eingespeichert würden – ein Wert, der dem höchsten bislang am Markt beobachteten Niveau entspricht –, wäre das Ziel nur schwer zu erreichen.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Deutschland im Winter nur das Gas aus den Speichern zur Verfügung hätte.
Deutschland lebt nicht allein von seinen Gasspeichern
Dieser Punkt ist entscheidend: Die Speicher sind eine Reserve und nicht die einzige Gasquelle Deutschlands.
Auch während des Winters wird laufend neues Gas importiert. Deutschland erhält unter anderem Pipelinegas aus Norwegen. Hinzu kommen Lieferungen über Frankreich und Belgien sowie Flüssigerdgas – LNG –, das über Terminals importiert wird und zu einem erheblichen Teil aus den USA stammt.
Deshalb kann man aus einem Speicherstand von beispielsweise 50 Prozent nicht ableiten, dass Deutschland nur noch für eine bestimmte Zahl von Wochen Gas besitzt.
Während Gas aus den Speichern entnommen wird, fließt gleichzeitig neues Gas ins deutsche Netz.
Wann könnte es wirklich kritisch werden?
Gefährlich wäre vor allem eine Kombination mehrerer ungünstiger Entwicklungen.
Ein sehr kalter und langer Winter würde den Gasverbrauch stark erhöhen. Gleichzeitig könnten weitere geopolitische Konflikte oder technische Probleme Gasimporte einschränken.
Besonders schwierig würde es, wenn zusätzlich größere LNG-Lieferungen ausfielen oder sich Gas auf dem Weltmarkt weiter drastisch verteuerte.
Dann müssten die Speicher schneller geleert werden.
Das eigentliche Risiko liegt deshalb weniger in der Frage: „Ist am 1. November genug Gas gespeichert?“
Entscheidend ist vielmehr: Wie viel Gas kann Deutschland während des gesamten Winters zusätzlich importieren und wie hoch ist gleichzeitig der Verbrauch?
Für Verbraucher drohen zunächst höhere Preise
Für private Haushalte ist deshalb momentan ein anderes Risiko wesentlich greifbarer als ein vollständiger Gasmangel: steigende Heizkosten.
Wenn Versorger jetzt teuer Gas für den Winter beschaffen müssen, können sich diese höheren Einkaufspreise später in den Tarifen bemerkbar machen.
Wie stark, hängt allerdings vom jeweiligen Anbieter, dessen langfristigen Einkaufsverträgen und der weiteren Entwicklung der Großhandelspreise ab.
Ein heutiger Preissprung an der Gasbörse bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Gasrechnung eines Haushalts morgen entsprechend steigt.
Besonders niedrige Speicherstände in Bayern
Hinzu kommen regionale Unterschiede. Gerade die Speicher in Bayern weisen derzeit besonders niedrige Füllstände auf.
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger fordert deshalb vom Bund, frühzeitig einzugreifen. Entscheidend sei nicht allein der bundesweite Durchschnitt, sondern auch, ob im Winter genügend Gas dort verfügbar ist, wo es benötigt wird.
Droht Deutschland nun das Gas auszugehen?
Nach der derzeitigen Lage: nicht unmittelbar.
Deutschland verfügt über verschiedene Importwege und kann auch während der Heizperiode kontinuierlich Gas beziehen. Ein Speicherstand von rund 50 Prozent Mitte August bedeutet daher noch keine bevorstehende Gasmangellage.
Trotzdem ist die Situation deutlich angespannter als vor einem Jahr. Deutschland liegt mit seinen rund 50 Prozent zudem deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von zuletzt 61,37 Prozent.
Die kommenden Wochen werden deshalb wichtig. Steigt die Einspeicherung nicht deutlich an, geht Deutschland mit einem kleineren Sicherheitspolster in den Winter.
Für Verbraucher bedeutet das derzeit vor allem: Ein vollständiger Ausfall der Gasversorgung ist nicht absehbar – ein teurer Winter mit höheren Gas- und Heizkosten ist dagegen ein durchaus realistisches Risiko.
Ich kann die deutschen Gasspeicherstände auch regelmäßig beobachten und Bescheid geben, wenn sich die Lage deutlich verschärft oder entspannt.