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640.000 Euro für Homöopathie-Studie – jetzt eskaliert der Streit im bayerischen Landtag

fstverlag (CC0), Pixabay

Eine mit mehr als 640.000 Euro aus bayerischen Steuermitteln finanzierte Homöopathie-Studie sorgt für heftigen politischen Streit. Während die SPD von einer „peinlichen Nullnummer“ spricht und die Untersuchung scharf kritisiert, verteidigen CSU und Freie Wähler das Forschungsprojekt. Ihr Argument: Wissenschaft müsse auch kontroverse Ansätze untersuchen dürfen – gerade wenn es darum gehe, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren.

Im Zentrum steht eine Untersuchung der Technischen Universität München. Sie sollte klären, ob homöopathische Präparate bei Patientinnen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen dazu beitragen können, weniger Antibiotika einsetzen zu müssen. Das Ergebnis liefert allerdings keinen Beleg dafür, dass Homöopathie besser wirkt als ein Placebo.

SPD spricht von „Hokuspokus“

Besonders deutlich fällt die Kritik der bayerischen SPD-Gesundheitspolitikerin Ruth Waldmann aus. Mehr als 640.000 Euro seien für die Untersuchung ausgegeben worden. Für Waldmann war das Ergebnis vorhersehbar, weil bereits umfangreiche Forschung zur Wirksamkeit der Homöopathie vorgelegen habe.

Sie bezeichnet Globuli als „Hokuspokus“ und fordert Aufklärung darüber, weshalb ein solcher Forschungsauftrag überhaupt politisch durchgesetzt werden konnte.

Die Kritik richtet sich damit nicht nur gegen das wissenschaftliche Ergebnis. Im Raum steht auch die Frage, ob eine erhebliche Summe öffentlichen Geldes für eine Untersuchung eingesetzt wurde, deren Erkenntnisgewinn von Kritikern schon vorher bezweifelt wurde.

CSU und Freie Wähler weisen Vorwürfe zurück

CSU und Freie Wähler wollen diese Darstellung nicht akzeptieren. CSU-Gesundheitsexperte Bernhard Seidenath wirft den Kritikern eine „besserwisserische Attitüde“ vor.

Die Politik habe mit der Untersuchung keine bestimmten Ergebnisse vorgeben wollen. Vielmehr sei es darum gegangen herauszufinden, wie sich der Einsatz von Antibiotika reduzieren lässt. Angesichts zunehmender Resistenzen sei dies eine wichtige gesundheitspolitische Aufgabe.

Auch Susann Enders von den Freien Wählern verteidigt die Untersuchung. Wissenschaft müsse kontroverse Ansätze ergebnisoffen überprüfen können. Bei der Suche nach Möglichkeiten zur Verringerung des Antibiotikaeinsatzes dürfe es ihrer Ansicht nach „keine Denkverbote“ geben.

Hintergrund war die Angst vor resistenten Keimen

Die Studie entstand nicht isoliert. CSU und Freie Wähler hatten bereits 2019 mehrere parlamentarische Initiativen zum Kampf gegen multiresistente Keime eingebracht. Dazu gehörten unter anderem ein sparsamerer Antibiotikaeinsatz in der Lebensmittelproduktion, Umweltmaßnahmen gegen Resistenzentwicklungen und Maßnahmen gegen Lieferengpässe.

Kontrovers wurde es bei der Frage, ob auch alternativmedizinische Verfahren untersucht werden sollten. Konkret sollte geprüft werden, ob ergänzend eingesetzte homöopathische Präparate möglicherweise einen Beitrag zur Verringerung des Antibiotikaverbrauchs leisten könnten.

Die Zustimmung im Landtag war damals deutlich: 120 Abgeordnete stimmten für die Studie, 47 dagegen, drei enthielten sich. Neben CSU und Freien Wählern unterstützte auch ein großer Teil der Grünen-Fraktion das Vorhaben.

Statt 240 Teilnehmerinnen kamen nur 40

Ein entscheidendes Problem der Untersuchung war die geringe Zahl der Teilnehmerinnen.

Ursprünglich sollten 240 Patientinnen untersucht werden. Trotz umfangreicher Werbung konnten jedoch lediglich 40 Frauen für die Studie gewonnen werden. Am Ende flossen die Daten von 39 Patientinnen in die Auswertung ein.

Damit war die Untersuchung erheblich kleiner als ursprünglich geplant. Selbst der Abschlussbericht weist darauf hin, dass die Ergebnisse vor dem Hintergrund dieser niedrigen Fallzahl betrachtet werden müssen.

Gerade dieser Punkt verschärft die politische Auseinandersetzung: Einer Ausgabe von mehr als 640.000 Euro steht eine Studie gegenüber, deren Aussagekraft aufgrund der geringen Teilnehmerzahl begrenzt ist.

Homöopathie war Placebo nicht überlegen

Das zentrale Ergebnis fällt für Befürworter der Homöopathie ernüchternd aus: Es gab keinen Nachweis dafür, dass die vorbeugende Einnahme homöopathischer Arzneimittel gegenüber einem Placebo überlegen war.

Allerdings enthält die Untersuchung noch eine weitere Beobachtung. Nach Angaben von Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass eine engmaschige medizinische Betreuung und intensive diagnostische Abklärung dazu beitragen könnten, den Antibiotikaverbrauch zu reduzieren.

Genau an diesem Punkt setzen die Verteidiger der Studie an.

CSU: Studie hat trotzdem Erkenntnisse gebracht

Seidenath räumt ein, dass die Untersuchung wegen der Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Teilnehmerinnen „nie richtig zum Laufen gekommen“ sei. Auch habe sie keinen Hinweis darauf erbracht, dass homöopathische Präparate dem Placebo überlegen seien.

Dennoch sieht der CSU-Politiker einen Erkenntnisgewinn: Die Untersuchung habe Hinweise geliefert, wie Antibiotikaeinsatz und damit möglicherweise auch die Gefahr von Resistenzen reduziert werden könnten. Damit habe die Studie zumindest einen Beitrag zu ihrem ursprünglichen Kernauftrag geleistet.

Die Freien Wähler argumentieren ähnlich. Die wissenschaftlich fundierte Medizin bleibe zwar Grundlage der Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig wolle man komplementärmedizinischen Verfahren dort offen gegenüberstehen, wo dies sinnvoll und verantwortbar sei.

Kritiker halten Studie für wissenschaftlich bedeutungslos

Die SPD überzeugt diese Argumentation nicht. Waldmann hält die Untersuchung sowohl methodisch als auch hinsichtlich ihrer statistischen Aussagekraft für gescheitert.

Noch weiter geht der Naturheilforscher und bekannte Homöopathie-Kritiker Edzard Ernst. Er bezeichnet die Untersuchung laut BR24 als wissenschaftlich bedeutungslos und kritisiert insbesondere ihre methodischen Schwächen.

Der Streit geht weit über Globuli hinaus

Damit entwickelt sich die Debatte zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung darüber, wo ergebnisoffene Forschung endet und wo die Politik mit Steuergeld Forschungsfragen finanziert, deren Nutzen bereits vorher stark umstritten ist.

CSU und Freie Wähler argumentieren mit wissenschaftlicher Offenheit und dem dringenden Problem antibiotikaresistenter Keime. Die SPD hält dagegen, dass die fehlende Überlegenheit homöopathischer Mittel gegenüber Placebos aufgrund der bisherigen Forschung keine überraschende Erkenntnis sei.

Fest steht jedenfalls das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Ein Vorteil der untersuchten homöopathischen Präparate gegenüber Placebo konnte nicht nachgewiesen werden. Gleichzeitig war die Studie mit nur 40 statt ursprünglich vorgesehenen 240 Teilnehmerinnen wesentlich kleiner als geplant.

Genau diese Kombination – mehr als 640.000 Euro Kosten, eine stark geschrumpfte Teilnehmerzahl und kein Nachweis einer Überlegenheit der Homöopathie – dürfte dafür sorgen, dass die politische Diskussion in Bayern noch nicht beendet ist.

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