Dark Mode Light Mode

Apple Watch hört mit – aber natürlich nur ganz diskret und datenschutzfreundlich

fredriktheteacher (CC0), Pixabay

Früher musste man sich noch Mühe geben, wenn man bei einem Gespräch nicht aufgepasst hatte.

„Entschuldigung, was hast du gesagt?“

Das war unangenehm, aber gesellschaftlich akzeptiert.

Apple hat offenbar beschlossen, dieses Problem technologisch zu lösen.

Die neue Apple Watch soll künftig mit Live Rewind einfach die vergangenen 15 Sekunden eines Gesprächs als Text anzeigen können.

Sie haben die Kellnerin nicht verstanden?

Kein Problem.

Doppelklick auf die Krone.

Schon weiß die Uhr, was gesagt wurde.

Ob die Kellnerin wusste, dass Ihre Armbanduhr währenddessen stenografisch tätig war, ist eine andere Frage.

Endlich eine Uhr, die besser zuhört als wir selbst

Live Rewind ist Teil von Apples neuer „Audio Intelligence“.

Und damit niemand nervös wird, betont Apple:

Es wird nichts aufgenommen.

Also jedenfalls nicht so richtig.

Die Uhr hört lediglich zu, verarbeitet das Gesagte, macht daraus Text und löscht anschließend das Audiosignal.

Das ist ungefähr so, als würde jemand sagen:

„Ich habe dein Gespräch nicht belauscht. Ich habe mir nur gemerkt, was du gesagt hast.“

Technisch gibt es da selbstverständlich Unterschiede.

Sozial möglicherweise weniger.

Siri weiß jetzt auch, was im Meeting passiert ist

Noch interessanter wird Siri Recap.

Die Funktion soll Gespräche im Laufe des Tages erkennen und später Zusammenfassungen erstellen.

Ein Meeting könnte dann beispielsweise so enden:

Chef:
„Hat jemand mitgeschrieben?“

Alle:
„Nein.“

Apple Watch:
„Ich schon.“

Siri liefert anschließend Titel und Kernaussagen.

Zum Beispiel:

Meeting Marketing – 14.30 Uhr

  • Klaus hält die Kampagne für problematisch.
  • Sabine möchte noch einmal darüber schlafen.
  • Der Chef möchte „mehr Synergien“.
  • Niemand weiß genau, was damit gemeint ist.
  • Fortsetzung Donnerstag.

Vermutlich wird Siri Recap für die Produktivität im Büro ein großer Fortschritt.

Für spontane Lästerpausen eher weniger.

„Privatsphäre. Das ist Apple.“

Apple wirbt seit Jahren mit Datenschutz.

Der bekannte Satz lautet:

„Privatsphäre. Das ist Apple.“

Neu könnte es heißen:

„Privatsphäre. Das ist Apple. Was hast du gerade gesagt?“

Denn die Uhr wird künftig theoretisch erheblich mehr aus ihrer Umgebung mitbekommen.

Apple weist allerdings darauf hin, dass keine Audiodateien gespeichert werden.

Das Roh-Audio werde in einem besonders abgeschirmten Bereich des Chips verarbeitet und anschließend gelöscht.

Das klingt beruhigend.

Vor allem der Begriff „besonders abgeschirmter Bereich“.

Man stellt sich spontan einen kleinen Raum im Prozessor vor.

Mit Sicherheitsschleuse.

Zwei Wachen.

Und einem Schild:

„Vertrauliches Gespräch – Zutritt nur für Siri.“

Nach sieben Tagen wird vergessen

Siri-Recap-Zusammenfassungen sollen nach sieben Tagen automatisch gelöscht werden.

Das ist praktisch.

Menschen vergessen schließlich auch.

Nur meistens wesentlich früher.

Wer möchte, kann die Zusammenfassungen allerdings speichern oder exportieren.

Damit entsteht möglicherweise ein völlig neues gesellschaftliches Problem.

Früher hieß es:

„So habe ich das nie gesagt.“

Künftig:

„Doch. Warte. 14.42 Uhr. Siri Recap.“

Ehen, Geschäftsverhandlungen und Familienfeiern könnten dadurch eine interessante neue Dynamik entwickeln.

Sensible Dinge will Siri möglichst ignorieren

Apple hat auch an vertrauliche Informationen gedacht.

Finanzdaten und behördliche Kennnummern sollen möglichst nicht in den Zusammenfassungen landen.

Betonung auf:

möglichst.

Apple weist selbst darauf hin, dass die Filterung nicht garantiert alle sensiblen Informationen erkennt.

Mit anderen Worten:

Siri versucht diskret zu sein.

Aber wenn Tante Hildegard beim Mittagessen laut ihre Kreditkartennummer vorliest, sollte man sich möglicherweise trotzdem nicht vollständig auf die künstliche Intelligenz verlassen.

Die Uhr piept, wenn sie rückwärts zuhört

Bei Live Rewind gibt es immerhin eine Warnung.

Wenn die Funktion aktiviert wird, ertönt ein Signalton.

Selbst dann, wenn die Uhr stumm geschaltet ist oder Kopfhörer angeschlossen sind.

Außerdem erscheinen Animation und Mikrofonsymbol.

Das ist Apples digitale Variante von:

„Achtung, ich höre jetzt offiziell zu.“

Bei Siri Recap ist bislang nicht vollständig geklärt, wie Menschen in der Umgebung gewarnt werden sollen.

Das könnte interessant werden.

Vielleicht sagt die Uhr künftig:

„Dieses Gespräch kann zu Qualitäts- und Erinnerungszwecken zusammengefasst werden.“

Spätestens dann fühlt sich jedes Abendessen an wie ein Anruf bei einer Versicherungshotline.

Meetings bekommen plötzlich Zeugen

Man stelle sich ein vertrauliches Gespräch im Büro vor.

Kollege A:
„Das bleibt aber unter uns.“

Kollege B:
„Natürlich.“

Apple Watch:
Siri Recap aktiviert.

Kollege A:
„Was war das?“

Kollege B:
„Nur meine Uhr.“

Kollege A:
„Warum leuchtet die?“

Kollege B:
„Datenschutz.“

Die EU sagt vorerst: lieber nicht

In Europa wird man diese Funktionen zunächst nicht bekommen.

Live Rewind und Siri Recap starten zuerst in den USA und zunächst auf Englisch.

Für europäische Apple-Watch-Besitzer bedeutet das:

Sie müssen weiterhin selbst zuhören.

Eine enorme Zumutung.

Vor allem in langen Meetings.

Doch vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis solche Funktionen häufiger werden.

Denn Apple ist keineswegs allein.

Die Brille sieht alles, die Uhr hört alles

Meta verkauft bereits smarte Ray-Ban-Brillen, die Fotos und Videos aufnehmen können.

Die Brille sieht.

Die Uhr hört.

Das Smartphone weiß, wo man ist.

Der Fitnessring kennt den Puls.

Der Fernseher weiß, was wir sehen.

Der Kühlschrank vermutlich bald, warum wir nachts um zwei Käse essen.

Technologisch befinden wir uns möglicherweise auf dem Weg zu einem perfekt dokumentierten Alltag.

Die einzige Person, die irgendwann nicht mehr genau weiß, was passiert ist, ist der Mensch selbst.

Dafür gibt es dann ja die Zusammenfassung.

Die Datenschutzfrage verschiebt sich

Das eigentlich Interessante an solchen Geräten ist nämlich nicht mehr nur:

Was weiß mein Gerät über mich?

Sondern:

Was weiß das Gerät meines Gegenübers über mich?

Vielleicht möchte ich keine Smartwatch besitzen.

Das hilft mir aber wenig, wenn mein Gesprächspartner eine trägt, die Gespräche analysieren kann.

Vielleicht möchte ich keine smarte Brille.

Das schützt mich nicht vor der Brille des anderen.

Datenschutz wird damit zunehmend zu einer Gemeinschaftsaufgabe.

Oder anders formuliert:

Früher musste man selbst ein Gerät kaufen, um seine Privatsphäre aufzugeben.

Künftig reicht möglicherweise jemand am Nachbartisch.

Fazit: Willkommen beim digitalen Gedächtnis

Apple hat die neuen Funktionen technisch offenbar mit erheblichen Datenschutzvorkehrungen versehen.

Keine dauerhaft gespeicherten Audiodateien.

Verschlüsselung.

Private Cloud Compute.

Automatische Löschung.

Warnsignale.

Alles vernünftig.

Trotzdem bleibt eine bemerkenswerte Entwicklung:

Wir tragen inzwischen Computer am Handgelenk, die nicht nur unsere Schritte zählen und den Puls messen, sondern sich künftig auch daran erinnern können, was Menschen in ihrer Umgebung gesagt haben.

Das ist praktisch.

Das ist faszinierend.

Und ein kleines bisschen unheimlich.

Vielleicht lautet der wichtigste Satz der Zukunft deshalb nicht mehr:

„Hast du mir überhaupt zugehört?“

Sondern:

„Hat deine Uhr gerade mitgehört?“

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Tausend Menschen halten sich an den Händen – für ein Gebäude, das mehr ist als Stein

Next Post

Gemini wollte nur testen – und hackte gleich echte Firmen