Jahrzehntelang gespart, vielleicht ein Haus abbezahlt und Rücklagen aufgebaut – irgendwann stellt sich die Frage, was mit diesem Vermögen später geschehen soll. Für viele Menschen lautet die Antwort nicht mehr ausschließlich: Es geht an die Familie.
Gemeinnützige Organisationen gewinnen bei der Nachlassplanung an Bedeutung. Nach einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Bonsai kann sich fast jeder vierte Deutsche ab 50 Jahren vorstellen, einer gemeinnützigen Organisation etwas zu vererben. Bei Menschen ohne Kinder ist es sogar jeder Dritte.
Rekordsumme von 148 Millionen Euro
Wie groß die finanzielle Bedeutung inzwischen ist, zeigt die Initiative „Mein Erbe tut Gutes“. Im vergangenen Jahr wurden dort Nachlässe in einer Gesamthöhe von 148 Millionen Euro verzeichnet – ein Rekord.
Auch bei den Johannitern ist der Trend angekommen. Der Landesverband Sachsen-Anhalt/Thüringen beobachtet nach eigenen Angaben seit einigen Jahren ein wachsendes Interesse daran, die Hilfsorganisation testamentarisch zu berücksichtigen.
Dabei muss es keineswegs um große Vermögen gehen. Für gemeinnützige Einrichtungen können auch kleinere Nachlässe einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung ihrer Arbeit leisten.
Viele wollen etwas Bleibendes hinterlassen
Hinter einer solchen Entscheidung steht häufig mehr als eine rein finanzielle Überlegung. Menschen möchten mit dem, was sie sich über Jahrzehnte aufgebaut haben, noch einmal etwas bewegen.
Susanne Anger von der Initiative „Mein Erbe tut Gutes“ beschreibt die Motivation sinngemäß als ein letztes Geschenk an die Welt. Manche Menschen wollten zudem verhindern, dass ihr Vermögen mangels gewünschter Erben letztlich dem Staat zufällt. Stattdessen solle es einem Zweck dienen, der ihnen persönlich wichtig ist.
Andere sehen den Nachlass als Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Damit wird das Testament zu einer Art letzter Entscheidung darüber, welche Werte über das eigene Leben hinaus Bestand haben sollen.
Tier-, Natur- und Umweltschutz besonders beliebt
Die Interessen der Erblasser sind unterschiedlich. Besonders häufig werden dem Bericht zufolge Organisationen aus dem Tier-, Umwelt- und Naturschutz bedacht.
Ebenfalls weit oben stehen Organisationen aus der Kinder- und Jugendhilfe.
Dabei können Menschen grundsätzlich konkret festlegen, welche Organisation profitieren und wofür das hinterlassene Vermögen verwendet werden soll. Gerade für Menschen, die sich bereits zu Lebzeiten für ein bestimmtes Thema engagiert haben, kann dies eine Möglichkeit sein, dieses Engagement fortzuführen.
Ost und West beim Vermögen noch unterschiedlich
Bei der Höhe der Erbschaften bestehen weiterhin deutliche regionale Unterschiede. In Ostdeutschland fallen die vererbten Vermögenswerte nach den im Bericht genannten Angaben im Durchschnitt geringer aus als im Westen.
Interessant ist jedoch ein anderer Befund: Bei der Bereitschaft zum gemeinnützigen Vererben liegen Ost und West wesentlich näher zusammen. Der Unterschied soll lediglich 2,7 Prozentpunkte betragen.
Damit scheint die Höhe des eigenen Vermögens nicht allein darüber zu entscheiden, ob Menschen einen guten Zweck in ihrem Testament berücksichtigen.
Ohne Testament greift die gesetzliche Erbfolge
Wer sein Vermögen gezielt einer Stiftung oder gemeinnützigen Organisation hinterlassen möchte, muss sich allerdings mit der eigenen Nachlassregelung beschäftigen.
Denn ohne Testament gilt die gesetzliche Erbfolge. Wer selbst bestimmen möchte, welche Personen oder Organisationen nach dem Tod profitieren sollen, benötigt deshalb eine entsprechende letztwillige Verfügung.
Das ist besonders wichtig, wenn neben Familienangehörigen auch gemeinnützige Einrichtungen bedacht werden sollen.
Eine Entscheidung über das eigene Lebenswerk
Der Trend zum gemeinnützigen Vererben dürfte auch mit einer Generation zusammenhängen, die über Jahrzehnte Vermögen aufgebaut hat und sich nun verstärkt mit der Weitergabe beschäftigt.
Dabei verändert sich offenbar die Vorstellung davon, was ein Erbe sein kann. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, Besitz von einer Generation an die nächste weiterzureichen.
Für manche wird der Nachlass zu einer letzten großen Spende, für andere zur Fortsetzung eines lebenslangen Engagements.
Und gerade für Menschen ohne direkte Nachkommen stellt sich die Frage besonders deutlich: Soll das eigene Vermögen irgendwann einfach verteilt werden – oder soll damit noch etwas entstehen?
Die wachsende Bereitschaft zum gemeinnützigen Vererben zeigt, dass sich immer mehr Menschen für die zweite Möglichkeit entscheiden.