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Börsenskandal in der Türkei: 131 Fonds liquidiert – mehr als 455.000 Anleger betroffen

kirill_makes_pics (CC0), Pixabay

Seit Mitte September 2026 sorgt die Entwicklung auf dem türkischen Kapitalmarkt für erhebliche Unruhe.

Im Zentrum stehen Investmentfonds und der Verdacht auf Manipulationen bei deren Bewertung. Die türkische Kapitalmarktaufsicht SPK hat nach Angaben von Anadolu inzwischen 131 Investmentfonds liquidiert. In diesen Fonds sollen Medienberichten zufolge Vermögenswerte in Milliardenhöhe gebunden gewesen sein.

Für Anleger geht es damit nicht lediglich um einen abstrakten Finanzskandal. Mehr als 455.000 Menschen sollen nach Angaben von Anadolu betroffen sein.

Wurden Fondsbewertungen künstlich aufgebläht?

Genau diese Frage untersuchen die türkischen Behörden derzeit.

Geprüft wird, ob die Bewertungen von Investmentfonds künstlich erhöht worden sein könnten. Eine solche Manipulation wäre für Anleger besonders problematisch, weil der ausgewiesene Wert eines Fonds eine wesentliche Grundlage für Anlageentscheidungen darstellt.

Dabei ist allerdings eine rechtlich wichtige Unterscheidung notwendig: Die Untersuchungen laufen. Ein Verdacht beziehungsweise ein Ermittlungsverfahren ist noch kein rechtskräftiger Nachweis individueller Schuld.

Mindestens 45 Menschen verhaftet

Die Ermittlungen haben inzwischen erhebliche Ausmaße angenommen.

Nach der aktuellen ORF-Berichterstattung wurden mindestens 45 Personen verhaftet, darunter auch Führungskräfte von Investmentfirmen.

Die Istanbuler Staatsanwaltschaft ermittelt demnach unter anderem wegen des Verdachts auf Betrug, Verstöße gegen das Kapitalmarktgesetz und die Gründung einer kriminellen Vereinigung.

Zusätzlich wurden nach Angaben des türkischen Justizministers Vermögenswerte von 42 natürlichen und 46 juristischen Personen eingefroren.

Auch hier gilt: Festnahmen, eingefrorene Vermögenswerte und strafrechtliche Ermittlungen sind nicht mit rechtskräftigen Verurteilungen gleichzusetzen.

Warum so viele Kleinanleger betroffen sein können

Der Skandal trifft auf eine besondere wirtschaftliche Situation in der Türkei.

Aufgrund der hohen Inflation investieren viele Menschen ihr Erspartes in Aktien und andere Kapitalmarktprodukte, um ihr Vermögen vor einem Kaufkraftverlust zu schützen. Nach den vorliegenden Berichten befinden sich deshalb auch zahlreiche Kleinanleger unter den Betroffenen.

Gerade für diese Anleger stellt sich nun die entscheidende Frage, welchen tatsächlichen wirtschaftlichen Wert ihre Beteiligungen beziehungsweise Fondsanteile noch besitzen und wie die Liquidationen abgewickelt werden.

Aus den bislang veröffentlichten Informationen lässt sich allerdings nicht ableiten, welchen konkreten Verlust einzelne Anleger erleiden werden.

Politische Dimension erreicht Regierungspartei

Inzwischen hat die Affäre auch eine politische Dimension.

Fatma Betül Sayan Kaya, stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei AKP und ehemalige Familienministerin, kündigte ihren Rücktritt von ihren Parteiämtern an. Zuvor hatte die Opposition ihr vorgeworfen, vor der Fondskrise erhebliche Gewinne aus Aktiengeschäften erzielt zu haben. Kaya äußerte sich laut den Berichten nicht im Einzelnen zu diesen Vorwürfen und erklärte, politische Verantwortung übernehmen zu wollen, während die Anschuldigungen untersucht würden.

Die Vorwürfe sind damit nicht als erwiesene Tatsachen zu behandeln.

Erdoğan sieht kein Risiko für das gesamte Finanzsystem

Während die Dimension der Ermittlungen wächst, hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan versucht, die Bedeutung für das gesamte Finanzsystem einzugrenzen.

Nach der ORF-Berichterstattung erklärte Erdoğan, das Problem betreffe lediglich einen begrenzten Bereich des Kapitalmarktes. Für das türkische Finanzsystem beziehungsweise die Gesamtwirtschaft bestehe nach seiner Darstellung kein entsprechendes Risiko.

Diese Einschätzung der Regierung steht neben der erheblichen Zahl betroffener Fonds und Anleger.

Auch die türkischen Behörden haben inzwischen umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Die Financial Times berichtete über eingefrorene beziehungsweise liquidierte Fonds und weitere Schritte der Regulierungsbehörden, mit denen die Lage am Kapitalmarkt stabilisiert werden soll.

Was Anleger jetzt wissen müssen

Für betroffene Anleger sind mehrere Fragen derzeit noch offen.

Entscheidend wird sein, welche Vermögenswerte tatsächlich in den liquidierten Fonds vorhanden sind, wie diese bewertet werden, in welchem Umfang sie verwertet werden können und welcher Betrag letztlich an Anleger zurückfließen kann.

Ebenso wichtig ist die Frage, ob sich der Verdacht künstlich aufgeblähter Fondsbewertungen bestätigt und welche Personen beziehungsweise Unternehmen dafür gegebenenfalls verantwortlich gemacht werden können.

Die bislang bekannten Zahlen zeigen jedenfalls die außergewöhnliche Dimension des Vorgangs: 131 liquidierte Investmentfonds, mehr als 455.000 betroffene Anleger sowie eingefrorene Vermögenswerte von 42 Personen und 46 juristischen Personen.

Für Anleger ist deshalb vor allem eines entscheidend: Die Zahl der Betroffenen sagt noch nichts über den individuellen finanziellen Schaden aus. Erst die weitere Aufarbeitung und Abwicklung der Fonds dürfte zeigen, wie hoch mögliche Verluste tatsächlich ausfallen und welche Ansprüche betroffene Anleger gegebenenfalls geltend machen können.

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