Interviewer: Herr Högel, was sind Ihre ersten Gedanken, wenn Sie ein Angebot wie das von Trading 212 sehen, das verspricht, das Investieren „provisionsfrei“ und „einfach“ zu machen, jedoch gleichzeitig vor dem Kapitalrisiko warnt?
Maurice Högel: Auf den ersten Blick sieht das Angebot attraktiv aus, vor allem für unerfahrene Anleger, da es eine einfache Möglichkeit bietet, in den Markt einzusteigen. Die Versprechen von provisionsfreiem Handel und täglich verzinsten Guthaben klingen verlockend. Allerdings fällt sofort auf, dass die Warnung über das Kapitalrisiko sehr prominent und wichtig ist. Beim Investieren in CFDs oder Aktien können erhebliche Verluste entstehen, und der durchschnittliche Kleinanleger ist sich dieser Risiken oft nicht bewusst.
Interviewer: Wie beurteilen Sie die Aussage „Verdiene 4,2 % auf deinem EUR“, die Zinsen auf ungenutztes Guthaben verspricht? Ist das rechtlich einwandfrei?
Maurice Högel: Die Aussage an sich ist nicht unbedingt problematisch, solange sie klar kommuniziert, unter welchen Bedingungen diese Zinsen gezahlt werden. Es gibt jedoch immer die Gefahr, dass Anleger durch diese Versprechen in die Irre geführt werden und glauben, dass es sich um eine risikofreie Möglichkeit handelt, Geld zu verdienen. Aus rechtlicher Sicht muss Trading 212 sicherstellen, dass alle Bedingungen deutlich gemacht werden, und keine irreführenden Behauptungen in Bezug auf die Sicherheit der Einlagen gemacht werden.
Interviewer: Ein weiteres Versprechen ist, dass das Geld „sicher bei den größten Banken der Welt“ verwahrt wird und „selbst bei Konkurs sicher bleibt“. Wie sehen Sie das?
Maurice Högel: Hier sollten Anleger sehr genau auf die rechtlichen Rahmenbedingungen achten. Es ist positiv, dass die Gelder in segregierten Konten bei großen Banken aufbewahrt werden. Das schützt die Kundengelder grundsätzlich im Falle eines Konkurses des Brokers. Allerdings gilt der Schutz in den meisten Fällen nicht unbegrenzt. Der Hinweis auf eine Versicherung von bis zu 20.000 € für Investitionen und bis zu 1.000.000 € für Kundengelder ist wichtig, doch auch hier müssen Anleger wissen, dass diese Schutzmaßnahmen nicht in allen Situationen greifen.
Interviewer: Inwieweit sind die „provisionsfreien“ Angebote wirklich so vorteilhaft für Kleinanleger?
Maurice Högel: Provisionsfreier Handel kann durchaus ein Vorteil sein, aber es ist wichtig zu beachten, dass der Broker in der Regel auf andere Weise Einnahmen erzielt, wie zum Beispiel über den Spread oder über das Verleihen von Aktien, wie es bei Trading 212 durch die sogenannte Aktienleihe der Fall ist. Anleger sollten sich bewusst sein, dass „provisionsfrei“ nicht gleichbedeutend mit „kostenlos“ ist. Es können indirekte Kosten anfallen, die sich auf die Rentabilität der Investments auswirken.
Interviewer: Welche rechtlichen Bedenken haben Sie hinsichtlich der Werbung für fractional shares, also den Kauf von Teilaktien?
Maurice Högel: Der Handel mit Teilaktien ist relativ neu und kann Kleinanlegern den Zugang zu teuren Aktien ermöglichen. Allerdings sollten Anleger sich darüber im Klaren sein, dass sie nicht immer die gleichen Rechte wie bei ganzen Aktien haben, insbesondere was Stimmrechte und Dividenden angeht. Trading 212 muss sicherstellen, dass diese Unterschiede klar kommuniziert werden, da uninformierte Anleger ansonsten falsche Erwartungen haben könnten.
Interviewer: Zum Schluss, wie bewerten Sie den Hinweis „Beim Investieren ist dein Kapital gefährdet“? Ist dies rechtlich ausreichend?
Maurice Högel: Diese Warnung ist rechtlich erforderlich und sinnvoll, aber sie muss ausreichend deutlich sein. Bei Angeboten wie Trading 212 besteht immer das Risiko, dass die Marketingbotschaften, die hohe Renditen und einfache Gewinne versprechen, die Risiken in den Hintergrund drängen. Daher sollten solche Risikohinweise noch stärker hervorgehoben werden, insbesondere für Kleinanleger, die oft die Risiken unterschätzen.
Interviewer: Vielen Dank für Ihre Einschätzung, Herr Högel.
Maurice Högel: Gern geschehen.