Die neuen Tarife der Lebensversicherer sind oftmals riskanter und weniger rentabel

Lange Zeit konnte man sich in Deutschland mit seiner Lebensversicherung für das Alter absichern. Zinsen von bis zu vier Prozent, dazu oftmals noch eine Erhöhung während der Laufzeit und/ oder eine Schlussdividende, garantierten dem auf Sicherheit ausgerichteten deutschen Sparer einen entspannten Genuss seines wohlverdienten Lebensabends.

Hohe Zinsen, Steuerfreiheit und Garantien sind in der Vergangenheit erwirtschaftet worden. Die Branche hat über Jahrzehnte Sicherheit versprochen. Jetzt drückt sie sich mit neuen Angeboten um Garantieversprechen. Jedes Vorsorgepaket der Lebensversicherung verkleinert seine Garantien. Die Altersvorsorge mit Versicherern wird riskanter und zur teuren Version ganz normaler Vermögensanlagen.

Der Effekt beruht nicht nur auf den niedrigen Zinsen. Neue Vorschriften zur Kapitalausstattung, verbunden mit festen Zusagen für die Rücklage hoher Eigenmittelanteile, belasten die Institute. Wenn sie in größerem Umfang garantieren, müssen sie mehr Eigenmittel nachweisen.

Das Problem ist dabei: Die Institute haben zu wenig Kapital. Die Versicherungsaufsicht erkannte Ende 2014, dass in der Summe bei allen etwa 12 Milliarden Euro Eigenmittel fehlten! Der Betrag könnte sich bis heute sogar noch vergrößert haben, da hohe und lange Garantien der alten Verträge später als erhofft aus den Büchern verschwinden. Die Zinsen der Kapitalanlagen sinken. Das belastet die Branche beträchtlich.

Einige Gesellschaften haben ihre Anleger ermuntert, ihre alten, gut verzinslich garantierten Verträge zu kündigen. Gleichzeitig bieten die Unternehmen im Neugeschäft neue Formen garantierter Vorsorge in geringerer Höhe an. Die alte klassische Lebensversicherung, bei der bis zum Ablauf oder Tod ein Zins garantiert war, wurde vom Marktführer Allianz für unrentabel erklärt. Andere Versicherer verkaufen sie nicht mehr.

Neue Verträge garantieren weniger und stellen dafür eine höhere Verzinsung in Aussicht. Das Spektrum ist breit und reicht von garantielosen fondsgebundenen Verträgen über Mischformen aller möglichen Variationen bis zu abgespeckten und gestaffelten Garantien. Vergleiche können von Laien nicht mehr angestellt werden, weil die Anbieter an „jeder Schraube anders drehen“. Sicher ist, dass alle Varianten dem Anleger höhere Risiken aufbürden.

In der öffentlichen Diskussion hat sich eine Systematik für das Vertragsspektrum eingebürgert, die an das Ausmaß der Garantien und Anlegerrisiken angelehnt ist: Die Fachleute sprechen von Klassik, Neuer Klassik, Indexpolicen und Hybridprodukten – und der Versicherungsnehmer von gar nichts, denn sonst würde er alles verstehen.

Die alten Tarife der Lebens- und Rentenversicherung zählen zur Klassik. Zinsen von etwa 0,9 Prozent auf Sparanteile, Ablaufleistungen und Renten werden garantiert. Ein gesicherter Erhalt der eingezahlten Beiträge ist damit nicht verbunden. Bei 0,9 Prozent Zins auf das Sparguthaben dauert es lange, bis Zinsen die Löcher der Kosten der „Institutsbetriebe“ gedeckt haben.

Für Anleger, die älter als 50 Jahre sind, kann mit klassischen Tarifen bis zur Rente nur das Eingezahlte als garantierte Leistung zurückfließen. Mit einem Sparplan ist das problemlos: Wer monatlich 500 Euro in einen Sparplan einzahlt, erhält nach 10 Jahren bei 1,9 Prozent Marktzins, 65.986 Euro. Das Geld hat sich garantiert vermehrt.

Wer als 50-Jähriger diesen Betrag für den Todesfall absichert, zahlt dafür in den zehn Jahren etwa 1500 Euro, wodurch sich der Gesamterlös von 64500 Euro ergibt. Der Begriff „Neue Klassik“ ist dagegen Übertreibung: Wenn die Garantien das Element der Klassik sind, dann hat die „Neue Klassik“ nur wenig Klassisches. Diese Garantiemodelle betreffen meist die Rentenversicherung – ohne Garantie, dass die eingezahlten Beiträge noch da sind.

Unsicher wird es für Anleger, die bei Gesellschaften abschließen, die es sich vorbehalten, bei Rentenbeginn neu zu kalkulieren. Der Anleger erfährt in möglicherweise 30 oder mehr Jahren, wie denn sein Versicherer zu rechnen gedenkt und welche Rente er noch erhält. Er ist einem Sparer, der 30 Jahre völlig verlustfreie Sparpläne bedient und dann unverbindlich anfragt, was er denn als Sofortrente für sein Geld bekäme, gleichgestellt. Auch dann ist der Sparplan für sicherheitsbewusste Anleger eindeutig die bessere Alternative.

Auch Indexpolicen sind als Begriff irreführend. Diese haben mit den ETF-Indexfonds und fondsgebundenen Lebensversicherungen auf ETF-Basis nichts zu tun. Versicherer verstehen darunter minder garantierte Kapitalversicherungen, bei denen sich die Gesellschaft selbst um die Vermögensanlage kümmert. Überschüsse werden nicht an der Anlage des Sparkapitals, sondern an irgendwelchen Indizes orientiert – ein kompliziertes Konstrukt, das der Versicherte wählen kann. Caps können als Deckel für die Beteiligung am Indexgewinn eingesetzt werden. Die Indexbeteiligung wird mit Hilfe von Derivaten realisiert. Das Risiko, dass ein Geschäftspartner in Konkurs geht, bleibt erhalten. Lehman Brothers können als Beispiel dienen. Die Garantierenten sind als wertlos anzusehen: „Wer 90 Jahre alt wird, bekommt sein Geld bis dahin nicht wieder zurück“. Indexpolicen sind als „garantiert fragwürdig“ zu bezeichnen.

Vermehrte Risiken und hohe Intransparenz – Verbraucherschützer finden Indexpolicen nicht gut. Der Bund der Versicherten lehnt diese Kreationen der Branche ab. Die Stiftung Warentest hat im Oktober des vergangenen Jahres die gleiche Ansicht dokumentiert.

Die Flucht aus Garantien kann das „Verrühren der Policen mit den garantiefreien fondsgebundenen Lebensversicherungen“ sein. Diesen Hybridprodukte schaffen nach den Vorgaben der Anleger gewünschte Beitragsgarantien auf externe Fonds und den Deckungsstock des Versicherers. Sein Anlagevermögen wird aufgeteilt. Je höher der Anteil der fondsgebundenen Lebensversicherung, desto geringer der Umfang der Garantie. Irgendwann ist der garantierte Beitragserhalt weg – wie an der Börse!

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass fondsgebundene Lebensversicherungen trotz der Steuervorteile bei doppelt hohen Kosten zugunsten der Fondsmanager und Versicherungsinstituten bei gleichem Risiko Sparplänen mit Indexfonds unterlegen sind:  Die Ergebnisse klaffen beim Vorsorgesparen weit auseinander. Hybridprodukte teilen dieses Schicksal – je höher der Fondsanteil, desto intensiver. ETF-Sparpläne sind bei gleichem Risiko besser.

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