Man könnte das natürlich nüchtern formulieren: „Die Überschuldung nimmt wieder zu.“
Klingt wesentlich angenehmer. Fast wie eine Konjunkturkennzahl.
Hinter der Zahl stehen allerdings Menschen, deren Einkommen und Vermögen nicht mehr ausreichen, um ihre finanziellen Verpflichtungen dauerhaft zu erfüllen.
Und die durchschnittliche Schuldenhöhe kann sich sehen lassen: rund 19.200 Euro.
Nicht schlecht für Menschen, denen vermutlich selten jemand gratuliert, wenn ihre persönliche Bilanzsumme wächst.
Krankheit und Arbeitslosigkeit – diese ewigen Luxusprobleme
Besonders interessant sind die Gründe.
Nach Angaben von Creditreform gehören Krankheit, Arbeitslosigkeit und andere persönliche Krisen zu den häufigsten Ursachen finanzieller Notlagen.
Also ausgerechnet Ereignisse, die sich hervorragend langfristig planen lassen.
Wer krank wird, hätte schließlich rechtzeitig gesund bleiben können. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, hätte vorsorglich einfach nicht arbeitslos werden dürfen.
So ungefähr klingt jedenfalls manchmal die gesellschaftliche Erzählung, wenn Überschuldung vorschnell auf mangelnde finanzielle Disziplin reduziert wird.
Die vorliegenden Zahlen zeichnen ein komplizierteres Bild.
Finanzielle Schwierigkeiten entstehen eben nicht ausschließlich dadurch, dass Menschen zu viel konsumieren. Ein Einkommen kann wegbrechen, eine Krankheit kann das Leben verändern und eine persönliche Krise kann innerhalb kurzer Zeit eine zuvor funktionierende Haushaltsplanung zerstören.
111.000 Menschen mehr – eine bemerkenswerte Wachstumsbranche
Innerhalb eines Jahres kamen laut Creditreform 111.000 überschuldete Erwachsene hinzu.
Das sind 111.000 Menschen mehr, bei denen finanzielle Probleme nicht mehr nur aus einer unangenehmen Kreditkartenabrechnung bestehen.
Und selbstverständlich kann man auch darin etwas Positives entdecken: Wenigstens gibt es noch Bereiche mit Wachstum.
Nur dürfte kaum jemand dieses Wachstum ernsthaft begrüßen.
Denn Überschuldung betrifft nicht nur irgendwelche abstrakten Forderungen in Datenbanken. Sie kann bedeuten, dass Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können, Mahnungen eintreffen und Betroffene professionelle Schuldnerberatung benötigen.
Durchschnittlich 19.200 Euro Schulden
Die durchschnittliche Schuldenhöhe liegt nach den vorliegenden Angaben bei rund 19.200 Euro.
Der Durchschnittswert sagt allerdings nichts darüber aus, wie hoch die Schulden eines einzelnen Betroffenen tatsächlich sind. Manche Menschen liegen erheblich darunter, andere weit darüber.
Trotzdem vermittelt die Zahl eine Vorstellung von der Größenordnung.
Bei 5,7 Millionen überschuldeten Erwachsenen geht es jedenfalls nicht mehr um ein gesellschaftliches Randphänomen.
Zum Glück lässt sich Armut hervorragend individualisieren
Besonders bequem ist es, finanzielle Schwierigkeiten ausschließlich als persönliches Versagen zu betrachten.
Dann muss man sich mit den unangenehmeren Fragen nicht beschäftigen.
Was passiert beispielsweise, wenn eine längere Krankheit das Einkommen reduziert? Wie schnell können Haushalte einen Arbeitsplatzverlust auffangen? Welche finanziellen Reserven stehen Menschen überhaupt zur Verfügung, wenn mehrere Probleme gleichzeitig auftreten?
Die genannten Ursachen zeigen zumindest: Überschuldung lässt sich nicht seriös auf die einfache Formel „selbst schuld“ reduzieren.
Das bedeutet umgekehrt natürlich nicht, dass individuelles Konsum- oder Finanzverhalten niemals eine Rolle spielt. Die vorliegenden Angaben nennen jedoch ausdrücklich Krankheit, Arbeitslosigkeit und persönliche Krisen als häufige Ursachen.
Hinter jeder Statistik steckt ein ziemlich unsarkastischer Alltag
Die Zahlen beruhen nach den vorliegenden Angaben auf Daten aus 122 Schuldnerberatungsstellen aus allen Bundesländern.
Und spätestens dort endet der Sarkasmus.
Denn Überschuldung kann für Betroffene massive Auswirkungen auf den Alltag haben. Hinter einer Statistik von 5,7 Millionen Menschen stehen Millionen individuelle Lebenssituationen.
Die entscheidende Zahl lautet deshalb vielleicht gar nicht 19.200 Euro.
Es sind die 111.000 zusätzlichen Menschen, die innerhalb eines Jahres in der Überschuldungsstatistik hinzugekommen sind.
Deutschland kann also tatsächlich wieder Wachstum vermelden.
Nur leider an einer Stelle, an der sinkende Zahlen wesentlich erfreulicher wären.