Die Bilanz 2023 der Windpark Marschtief GmbH & Co. KG zeigt auf den ersten Blick eine deutliche positive Entwicklung: Die Bilanzsumme ist um rund 2 Mio. Euro auf über 5 Mio. Euro gestiegen – ein Zuwachs von fast 65 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das lässt zunächst auf Wachstum und wirtschaftliche Dynamik schließen. Doch ein genauerer Blick auf die Kapitalstruktur, Mittelherkunft und operative Zusammenhänge zeigt, dass nicht alles so robust ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.
Der größte Sprung in der Bilanz findet sich im Umlaufvermögen, das sich von 1,2 Mio. Euro auf über 3,4 Mio. Euro nahezu verdreifacht hat. Innerhalb dieser Position stiegen die Forderungen von 314.000 Euro auf über 2 Mio. Euro. Das wirft Fragen auf: Geht es hier um ausstehende Einspeisevergütungen? Verzögerte Zahlungseingänge von Direktvermarktern? Oder möglicherweise um konzerninterne Forderungen, etwa gegenüber Gesellschaftern? Ohne weitere Erläuterungen bleibt unklar, wie liquide diese Forderungen wirklich sind – und ob sie sich tatsächlich kurzfristig realisieren lassen. Anleger sollten hier auf ergänzende Informationen achten.
Die liquiden Mittel sind mit rund 1,34 Mio. Euro solide und im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, was auf eine gute Zahlungsfähigkeit hindeutet. Die Gesellschaft scheint über ausreichend Mittel zu verfügen, um ihren laufenden Verpflichtungen nachzukommen.
Positiv zu bewerten ist die Entwicklung des Eigenkapitals, das von 2,53 Mio. Euro auf rund 3,55 Mio. Euro angewachsen ist. Damit ergibt sich eine solide Eigenkapitalquote von etwa 70 Prozent – ein für projektfinanzierte Windparkgesellschaften ungewöhnlich hoher Wert. Die gestiegene Kapitalbasis spricht für ein erhöhtes Vertrauen der Gesellschafter in das Projekt und verbessert die langfristige Finanzierungsstabilität. Dennoch bleibt offen, wie sich dieser Anstieg im Detail zusammensetzt – operative Gewinne, Thesaurierungen oder neue Einlagen?
Ein Schwachpunkt bleibt die kurzfristige Verbindlichkeitsstruktur. Sämtliche Verbindlichkeiten – immerhin knapp 755.000 Euro – haben eine Restlaufzeit von weniger als einem Jahr. Langfristige Finanzierungen fehlen vollständig. Ob dies strategisch gewollt ist oder ein Hinweis auf fehlende langfristige Planbarkeit, bleibt offen. Die kurzfristige Tilgungsverpflichtung erhöht jedenfalls den Druck auf die Liquiditätsplanung.
Auch der Anteil der Verbindlichkeiten gegenüber Gesellschaftern ist nicht unerheblich: Mit rund 188.500 Euro (etwa 25 % der gesamten Schulden) besteht eine gewisse Abhängigkeit von internen Finanzierungsquellen. Positiv ist, dass keine Außenhaftung nach § 172 Abs. 4 HGB besteht und auch keine sonstigen Haftungsverhältnisse offenbart werden – das spricht für eine klare Struktur ohne versteckte Risiken.
Im Anlagevermögen zeigt sich ein natürlicher Rückgang: Die Sachanlagen wurden planmäßig um rund 220.000 Euro abgeschrieben, neue Investitionen fanden laut Anlagenspiegel nicht statt. Der Rückgang der immateriellen Vermögenswerte deutet auf einen Substanzabbau bei Nutzungsrechten oder Betriebsführungsleistungen hin – für Windparks mit älteren Inbetriebnahmen ist das allerdings üblich. Die fehlenden Neuinvestitionen könnten bedeuten, dass sich der Windpark dem wirtschaftlichen Reifestadium nähert.
Unklar bleibt, wie sich das operative Ergebnis darstellt: Angaben zur Gewinn- und Verlustrechnung fehlen, sodass keine Aussage über Cashflow, Erträge oder Kostenstruktur getroffen werden kann. Für Anlegerinnen und Anleger ist das ein gravierender Transparenzmangel, der eine belastbare Bewertung der wirtschaftlichen Leistung erschwert. Auch eine Aussage zur Auslastung oder Stromproduktion findet sich nicht – obwohl diese Werte zentral für die Einschätzung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit wären.
Fazit: Die Windpark Marschtief GmbH & Co. KG präsentiert sich auf den ersten Blick als wirtschaftlich solide – mit starker Eigenkapitalausstattung, guter Liquidität und ohne externe Haftungen. Doch die auffällige Zunahme der Forderungen, die rein kurzfristige Schuldenstruktur und das Fehlen jeglicher Ergebniskennzahlen werfen Fragen auf. Aus Anlegersicht besteht hier ein Informationsdefizit, das im Sinne der Transparenz und Glaubwürdigkeit dringend geschlossen werden sollte. Besonders wichtig wären zusätzliche Angaben zur Herkunft der Forderungen, zur operativen Ertragslage und zur Finanzierungsperspektive über das Jahr 2024 hinaus. Nur so lässt sich eine fundierte Einschätzung zu Stabilität und Investitionsqualität treffen.